Bild: Junge Frau schaut in den offenen Kühlschrank

Ist das noch gut oder kann es weg?

11 Millionen Tonnen Lebensmittel landen Jahr für Jahr in deutschen Mülltonnen – weggeworfen von Privatpersonen, Großverbrauchern wie Gaststätten oder Kantinen, dem Handel oder der Industrie. Eine angemessene Wertschätzung von Lebensmitteln sieht anders aus. Jeder Bundesbürger wirft rein statistisch rund 80 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr weg, zum Teil noch in der Originalverpackung. Eine Ursache ist der falsche Umgang vieler Menschen mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD).

Kann das Mindesthaltbarkeitsdatum weg?

Als Maßnahme gegen die Lebensmittelverschwendung wird zurzeit die Abschaffung des Mindesthaltbarkeitsdatums sehr kontrovers diskutiert. Stattdessen sollen zukünftig sogenannte intelligente Verpackungen den Verderbnisgrad bei Lebensmitteln anzeigen. Wir meinen:

  • Die Technologie ist noch nicht ausgereift und es besteht die Gefahr, dass zusätzlicher Elektromüll produziert wird. Hier besteht weiterer Forschungsbedarf.

  • Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist zugleich auch ein Verbraucherschutzdatum, denn es schützt vor alten Ladenhütern im Regal.

  • Die Kosten dieser neuen Technologie dürfen nicht über den Verkaufspreis den Konsumenten aufgebürdet werden.

Solange es noch keine Antworten auf viele verbraucherrelevante Fragen gibt, halten wir eine generelle Abschaffung des Mindesthaltbarkeitsdatums nicht für sinnvoll. Ausnahmen bestätigen die Regel: Über die Abschaffung des MHDs für Trockenprodukte wie Nudeln oder Reis sollte weiter diskutiert werden.

Wenn ohne MHD, dann mit Herstellungsdatum

Das Mindesthaltbarkeitsdatum war einst eine wichtige Errungenschaft für den Verbraucherschutz: Überalterte Ware verschwand endlich aus den Supermarktregalen. Doch jetzt steht es zumindest teilweise vor dem Aus, denn für länger haltbare Ware wie Tee, Reis, Nudeln oder Gewürze soll es abgeschafft werden. Zu viele Verbraucher verwechseln es mit einem „Verfallsdatum“ und entsorgen abgelaufene Lebensmittel, die trotzdem noch lange haltbar wären.

Doch ganz ohne Datum dürfen Lebensmittel auch nicht sein, denn es besteht die Gefahr, dass die alte „Ladenhüterzeit“ wieder anbricht – samt überlagerten geschmacklosen Gewürzen oder Nudeln mit Schädlingsbefall in den Supermarktregalen. Die Forderung der Verbraucherzentralen: Entfällt das Mindesthaltbarkeitsdatum, muss zumindest das Produktions- oder Herstellungsdatum auf der Verpackung stehen!

Lebensmittel nicht immer sofort wegwerfen

Sind Sie auch manchmal unsicher, ob ein Lebensmittel noch genießbar ist, obwohl das Mindesthaltbarkeitsdatum („mindestens haltbar bis ...“) schon erreicht oder überschritten ist?

  • Vieles ist länger haltbar: Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) ist kein Verfallsdatum! Einige Lebensmittel können Sie auch nach dem Ablaufen noch essen. Wir haben eine Tabelle für Sie zusammen gestellt, um Ihnen dabei zu helfen, Lebensmittel zu retten, die sonst im Abfalleimer landen könnten.

  • Testen Sie selbst: Prüfen Sie das Lebensmittel mit allen Sinnen. Hat es sich verfärbt, hat sich Schimmel gebildet, riecht es komisch, hat eine Gasbildung stattgefunden: Dann seien Sie besonders achtsam und werfen es im Zweifelsfall lieber weg.

  • Vorsicht beim Ablauf des Verbrauchsdatums: Für das Verbrauchsdatum („verbrauchen bis ...“), z.B. auf Hackfleisch, gelten andere Regeln, die eingehalten werden müssen. Es besteht die Gefahr, dass sich bei diesen empfindlichen Lebensmitteln Keime und Bakterien entwickeln und vermehren. Nach Ablauf des Verbrauchsdatums sollten Sie Lebensmittel daher entsorgen.

Ob Eier oder Milch, Brot oder Obst, Fleisch oder Fisch – wir haben für Sie zusammengefasst, was Sie mit Lebensmitteln tun sollten, deren Mindesthaltbarkeitsdatum in Kürze abläuft oder bereits abgelaufen ist.

Lebensmittel teilen oder abgeben

Wer zu viele Lebensmittel eingekauft hat, kann sie seit Januar 2013 über die Internetplattform www.foodsharing.de mit anderen teilen statt in den Mülleimer zu werfen. Übrig gebliebene Lebensmittel von einer Party oder bevor man in den Urlaub fährt, können per PC oder Smartphone auf der Online-Tauschbörse angeboten werden. Die Anmeldung dafür ist denkbar einfach, man braucht lediglich eine E-Mail-Adresse. Die Seite ist für Verbraucher wie für Unternehmen kostenlos zugänglich.

Die Plattform ist ein bemerkenswertes Projekt für mehr Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung – ins Leben gerufen vom Dokumentarfilmer Valentin Thurn, der den Film „Taste the waste” gedreht hat, und dem Team von foodsharing e.V. Machen Sie mit! Denn der Erfolg dieser Idee wird vom Engagement aller getragen.

Den Handel in die Pflicht nehmen

Bildcollage aus verschiedenen Supermärkten mit im Preis reduzierten Lebensmiitteln wegen Ablauf MHDWeggeworfene Lebensmittel kosten die Welt wertvolle Ressourcen. Umso wichtiger sind auch in Supermärkten Aktionen gegen die Lebensmittelverschwendung. Eine gute Präsentation und deutliche Kennzeichnung von Produkten, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bald ausläuft, sind wirksame Maßnahmen. Verbraucher, die wenig Geld ausgeben möchten oder mittags nach Lebensmitteln suchen, die sie abends schon zubereiten wollen, werden auf diese Angebote gern zurückgreifen.

Im März 2012 haben wir untersucht, wie gut das Angebot an Lebens­mitteln mit fast abgelaufenem Mindest­­haltbar­keits­datum in verschiedenen Super­märkten ist. Unser Fazit: Der Handel bietet Verbrauchern immer noch zu wenige Anreize, Produkte mit fast abgelaufenem Mindest­haltbarkeits­datum zu kaufen.

Im Jahr 2014 wurden diese Supermärkte erneut aufgesucht und die Situation mit der im Jahr 2012 verglichen. Im Jahr 2012 gab es nur in zwei von elf besuchten Geschäften effektive Maßnahmen zum Abverkauf von Lebensmitteln mit nahendem Mindesthaltbarkeitsdatum. Bei neun Supermärkten war vieles verbesserungswürdig. Beim erneuten Besuch der Supermärkte 2014 wurden Veränderungen sichtbar.

  • Das beste Angebot ist nach wie vor bei REWE zu finden. Wie bei dem Besuch 2012 waren auch 2014 die Lebensmittel mit fast abgelaufenem MHD deutlich sichtbar platziert und mit Fähnchen und Aufklebern deklariert.

  • Bei Aldi Nord ist die preisreduzierte Auswahl wie 2012 auf einen kleinen Teil des Fleischsortiments beschränkt. Bei Penny, wo 2012 ebenfalls einige Fleischprodukte reduziert waren, wurden beim erneuten Marktcheck 2014 überhaupt keine preisreduzierten Lebensmittel mit fast abgelaufenen MHD vorgefunden.

  • Bei Lidl und beim Schlemmermarkt hat sich im Vergleich zur Situation im Jahr 2012 nichts verändert. Nach wie vor werden hier lediglich Produkte aus dem Kühlregal günstiger angeboten.

  • Bei Real hingegen gab es eine positive Veränderung: 2012 wurden keine preisreduzierten Produkte gefunden; beim Marktcheck 2014 hingegen wurden gekennzeichnete Produkte im Kühlregal günstiger angeboten. Leider werden die Produkte in einer Wühlkiste präsentiert, was verbesserungswürdig ist.

  • Eine weitere positive Veränderung gab es bei Sky: Beim Marktcheck 2012 wurden die preisreduzierten Produkte im Kühlregal unübersichtlich zusammengestellt. Bei dem erneuten Besuch 2014 waren die Lebensmittel in einem eigenen Kühlregalabschnitt sauber einsortiert.

Wie die Warenpräsentation in den Supermarkten aussah, zeigen unsere exemplarischen Fotos. Durch einen Klick auf das jeweilige Motiv erhalten Sie eine größere Ansicht des Bildes.

Warenpräsentation bei Lidl Unhygienische Wühlkiste (Lidl, 2012)
Warenpräsentation bei Aldi Deklaration ohne Hinweis auf kurze Zeitspanne bis zum Verbrauchsdatum (ALDI, 2012)
Warenpräsentation bei Rewe Informative Deklaration (REWE, 2012)
 

Wir finden: Der Handel sollte einen aktiven Beitrag zur Einschränkung der Wegwerf­mentalität leisten und die Verkaufs­maßnahmen für Produkte mit fast abgelaufenem Mindest­haltbarkeits­datum genauso verkaufsfördernd gestalten wie für andere Waren.

Stand vom Donnerstag, 12. Mai 2016

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