„Kindermilch” in der Kritik

Das Bundesinstitut für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat 15 Kindermilchgetränke beanstandet, da sie nicht halten, was sie versprechen. Die Behörde bemängelt die Werbung und Kennzeichnung dieser unsinnigen Spezialprodukte. Das geht aus einem Bericht der Bundesregierung über das noch laufende Prüfverfahren hervor, wie beispielsweise Spiegel Online berichtet.

Nachdem zuerst nur die beiden Konzerne Danone mit dem Produkt Milumil Meine Kindermilch 2+ und Nestlé mit Beba Kleinkind-Milch 2+ Unterlassungsbescheide erhalten hatten, wurden jetzt alle untersuchten Produkte von der Behörde beanstandet. Wir begrüßen diesen Schritt. Bereits im Sommer 2011 kritisierten die Verbraucherzentralen in einer bundesweiten Untersuchung „Kindermilchprodukte” scharf. Lesen Sie die Details dazu im folgenden Artikel.


17. August 2011
Kostenfalle
„Kindermilch”

„Kindermilch“ wird als Kuhmilchersatz für Kinder ab dem zwölften Lebensmonat verkauft, ist aber bis zu vier Mal teurer als Kuhmilch. Das haben wir bei einer Untersuchung von 21 Kindermilchprodukten von fünf Herstellern festgestellt. Der Durchschnittspreis lag bei 1,75 Euro pro Liter, wobei das teuerste Produkt 2,27 Euro pro Liter kostete. Ein Liter handelsübliche fettarme Kuhmilch wird im Vergleich dazu schon für 0,54 Euro verkauft.

Kindermilch ist völlig überteuert. Die Rohstoffe für die Herstellung kosten nur wenige Cent. Doch Eltern haben pro Jahr bis zu 245 Euro Mehrkosten im Vergleich zu fettarmer Kuhmilch. Überdies ist ein Preisvergleich zwischen beiden Produktgruppen kaum möglich, da sich der Grundpreis bei der oft in Pulverform angebotenen Ersatzmilch auf das Gewicht und nicht auf die verzehrsfertige Menge bezieht. 

Kuhmilch ist die bessere Milch für Kinder

Wir halten schon den Begriff „Kindermilch“ für zweifelhaft: Es handelt sich bei dem Produkt nicht um Milch, sondern um ein Milchsurrogat. Das süße Getränk wird auf Basis von Magermilch mit Zutaten wie Maltodextrin als Füllstoff, pflanzlichem Öl, Zusatzstoffen und Aroma zusammen gemischt. Stoffe, die in der Milch von Natur aus nicht vorhanden sind. Zudem wird oft der Calciumgehalt beworben, obwohl dieser um ein Drittel geringer ist als bei Milch.

Der in der Werbung anzutreffende Slogan „gesünder als Kuhmilch“ wird von der Industrie damit begründet, dass der geringere Eiweißgehalt der nachgemachten Milch und höhere Gehalte an – künstlich zugesetztem – Eisen und Vitamin D von Vorteil seien. Doch "Kindermilch" ist weder gesünder noch bei einer ausgewogenen Ernährung erforderlich. Sie nützt nur der Industrie, die wegen des Geburtenrückgangs Pseudoinnovationen erfinden muss, um die "Fütterungsdauer" der Kleinkinder künstlich zu verlängern und dadurch dauerhaft den Absatz zu sichern. Kleinkinder können ab dem zehnten Lebensmonat an die Familienkost herangeführt werden und somit auch normale Milch trinken. Unsere Vermutung: Babykosthersteller wollen mit den Produkten Kleinkinder möglichst früh an den Kunstgeschmack von aromatisierten Fertigprodukten gewöhnen. Das kann aber zusammen mit zu hohem Zuckerkonsum die Basis für späteres Übergewicht sein.

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kommt zu dem Ergebnis, dass Kleinkindermilchgetränke ernährungsphysiologisch nicht besser als fettreduzierte Kuhmilch sind. In der Pressemitteilung des BfR vom 16.8.2011 heißt es: „...Aus ernährungsphysiologischer Sicht sind diese besonderen Kleinkindermilchgetränke nicht notwendig... Vielmehr tragen angereicherte Vitamine und Mineralstoffe in Kleinkindermilch zu einer unkontrollierten Erhöhung der Zufuhr einiger Nährstoffe bei, während andere Vitamine und Mineralstoffe in geringeren Mengen enthalten sind als in Kuhmilch. Ferner ist zurzeit wissenschaftlich nicht hinreichend nachgewiesen, dass eine verringerte Proteinzufuhr im Kleinkindalter das Risiko für Übergewicht und Adipositas im späteren Kindesalter reduziert. Der Fettgehalt der Kleinkindermilchprodukte ist in etwa vergleichbar mit dem von Vollmilch und damit höher als der von fettreduzierter Milch..."

Stand vom Mittwoch, 18. Juli 2012

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