"Gesunde" Lebensmittel?

"Stärkt das Immunsystem", "für gesunde Knochen und Gelenke" und so weiter und so fort. Die Lebensmittelverpackungen strotzen nur so davon – jeder Verbraucher kennt sie: vollmundige Versprechungen zu angeb­lichen Gesundheits­wirkungen von Lebensmitteln.

Hier können Sie sich unseren Videoclip anschauen:

Videoclip mit Bernd im Supermarkt

25. Januar 2013
Reaktionen der Hersteller: Health Claims Verordnung zeigt Wirkung

Seit Mitte Dezember sorgt die von der EU veröffentliche Positivliste dafür, den Wildwuchs an unbewiesenen Gesundheitsaussagen einzudämmen. Unsere Beobachtung: Verschiedene Anbieter setzen die Vorgaben um. Prominentes Beispiel: Yakult, ein fermentiertes Getränk mit Magermilch und bestimmten Bakterien namens Lactobacillus casei Shirota. Das bei der europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA) eingereichte Gesundheitsversprechen zum Produkt, das Getränk könne vor Erkältung schützen und stärke die Immunabwehr, wurde zurückgewiesen. Noch im Juni 2012 warb der Anbieter mit Sprüchen wie „täglich ein Fläschchen Yakult leistet einen wertvollen Beitrag zur Erhaltung der Gesundheit“ oder „…unterstützt so die Gesundheit des Darms, unser wichtigstes Immunorgan…“ auf der Produktpackung. Diese Werbung hatten wir veröffentlicht und kritisiert. Nach einer erneuten Prüfung der Produktaufmachung stellten wir fest, dass diese Aussagen jetzt nicht mehr gemacht werden. Nach Angaben der Firma wurden die Vorgaben der Health Claims Verordnung schon im Sommer 2012 umgesetzt. Auch Danone verzichtet bei seinen Joghurts wie „Activia“ oder „Actimel“ inzwischen auf Gesundheitsaussagen, die von der EFSA zurückgewiesen wurden. Wir werten diese Änderungen als Erfolg der Öffentlichkeitsarbeit von Verbraucherorganisationen. Das Gesundheitsimage der Produkte, das die Firmen über Jahre mit zweifelhaften Werbeaussagen aufgebaut haben, wird in den Köpfen der Verbraucher aber wohl noch lange bestehen bleiben.

Gesundheitsaussagen zu Yakult auf der Packung
Gesundheitsversprechen auf der Packung von Yakult bis mindestens Juni 2012
Neue Yakult Verpackung ohne GEsundheitsversprechen
Neuer Text auf der Verpackung: Health claims fehlen (Stand Januar 2013)

 

15. Dezember 2012
Europäische Union verbietet haltlose Gesundheitsversprechen

4.000 der Werbeversprechen sind in den letzten Jahren der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zur Prüfung vorgelegt worden. Das Ergebnis: 1.600 hat die EFSA als wissenschaftlich nicht haltbar abgelehnt, 222 wurden als erwiesen eingestuft, weitere 2.000, die sich alle auf Pflanzenextrakte- oder -inhaltsstoffe, wie z.B. Artischocken­extrakt oder sekundäre Pflanzenstoffe wie Polyphenole beziehen, müssen noch bewertet werden.

 

Unsinnige Werbeaussagen und viele Wirkstoffgruppen durchgefallen  

Viele unsinnige Werbeaussagen sind seit dem 14. Dezember 2012 verboten. In der folgenden Tabelle sind einige bekannte Beispiele aufgeführt:

Produkt Gesundheitsbezogene Angabe

Hersteller

Lipton Schwarztee Fördert die Konzentrationsfähigkeit

Unilever

Cranberry-Saft Reduziert das Risiko für Harnwegsinfektionen

Ocean Spray

Kinderschokolade Unterstützt das Wachstum

Ferrero

Nahrungsergänzungsmittel mit mehreren Omega-3-Fettsäuren

Erhält eine gesunde Hirnfunktion; "hilft Kindern, konzentriert zu bleiben"; fördert die gesunde Entwicklung des Zentralnervensystems

Equazen

Yakult probiotischer Trinkjogurt

Stärkt die Immunabwehr gegen Krankheitserreger
schützt vor Erkältung

Yakult

 

Die nächste Tabelle zeigt einige ausgewählte Beispiele für zurückgezogene Claims. Das Risiko des Scheiterns war den Firmen offensichtlich zu groß.

Produkt Gesundheitsbezogene Angabe

Hersteller

Kellogg´s Frühstücksflocken Helfen beim Abnehmen Kellogg´s
Actimel Stärkt das Immunsystem (Abwehrkräfte)

Danone

Activia: Probiotischer Joghurt mit speziellen Bakterienkulturen

Befördert das Darmwohlbefinden

Danone

Evolus: Probiotischer Joghurt mit speziellen Bakterienkulturen

Vermindert arterielle Steifheit bei Bluthochdruck und vermindert das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Valio

 

Auch ganze Wirkstoffgruppen sind durchgefallen:

  • Glucosamin und/oder Chondroitinsulfat für gesunde Knochen und Gelenke

  • Cranberry zur Förderung der Blasengesundheit

  • Lutein und Zeaxanthin für den Erhalt der Sehkraft

  • Phyotöstrogene zur Besserung von Wechseljahresbeschwerden

Hiervon sind viele Produkte betroffen, die als Nahrungsergänzungsmittel seit Jahren vertrieben werden.

 


Die 10 wichtigsten Verbraucherfallen

Trotz der neuen Regelungen bleiben viele Werbetricks und Verbraucher­fallen weiterhin bestehen. Wir haben die wichtigsten zehn für Sie zusammengestellt. (Stand August 2012)

Verbraucherfalle Nr. 1 
Werbung mit Selbstverständlichkeiten

Als erwiesen gilt überwiegend, was schon lange bekannt war: die Wirkung von Vitaminen und Mineralstoffen im Stoffwechsel, von Ballaststoffen für die Verdauung und Fettsäuren für den Cholesterinspiegel. Dass Vitamin C für die Immunabwehr wichtig ist und Calcium für den Erhalt der Knochen, weiß in Deutschland jedes Kind. Die meisten der 222 zugelassenen Werbeaussagen beziehen sich auf Nährstoffe, mit denen die Menschen in Deutschland ausreichend versorgt sind. Nur weil Produkten jetzt Vitamin C oder Calcium zugesetzt wird oder entsprechende Nahrungs­ergänzungs­mittel auf dem Markt sind, heißt dass nicht, dass man sie kaufen muss, um seinen Nährstoffbedarf zu decken. Das vielfältige Angebot an frischem Obst und Gemüse, Milchprodukten und vielem mehr reicht in der Regel vollkommen aus.

Verbraucherfalle Nr. 2
Überdosierung von Vitaminen und Mineralstoffen

Wer häufig zu angereicherten Produkten oder Nahrungsergänzungsmitteln greift, der riskiert damit unter Umständen eine Überversorgung mit bestimmten Vitaminen oder Mineralstoffen und bringt seinen Stoffwechsel durcheinander. Es mehren sich die Hinweise, dass künstliche Vitamine und eine erhöhte Zufuhr bestimmter Mineralstoffe eher schaden als nützen.

  • Überhöhte Aufnahme künstlicher Folsäure. Eine Untersuchung des Max-Rubner-Instituts zeigte, dass bereits 3 Gläser (600 Milliliter) eines frisch abgefüllten Multi-Vitaminsaftes ausreichen, um die tolerierbare Tageshöchstmenge für Folsäure (1.000 Mikrogramm) zu überschreiten.

  • Eine zu hohe Eisenzufuhr, beispielsweise durch angereicherte Frühstückscerealien oder Nahrungs­ergänzungs­mittel wird von Experten kritisch eingestuft. In Norwegen etwa sind Frühstücks­flocken mit zusätzlichem Eisen verboten.

  • Insbesondere Kleinkinder und Kinder, die häufig sogenannte Kinderlebensmittel zu sich nehmen, können leicht des Guten zu viel aufnehmen – mit nicht einzuschätzenden gesundheitlichen Folgen. So ist auch bei Kinderlebensmitteln der Zusatz von Eisen umstritten und mit Risiken verbunden. Schon mit einer Portion von 50 Gramm Frühstückscerealien Nestlé cini Minis und einem 0,25-Liter-Glas Rotbäckchen Klassik Saft nehmen Kinder zwischen 7 und 9 Jahren das Eineinhalbfache ihrer empfohlenen Tagesdosis an Eisen auf.

Überdosierung mit Eisen durch Kinderlebensmittel:
Nur je eine Portion Cerealien und Saft überschreiten die Tagesdosis um fast 50 Prozent

Packung Cini Minis von Nestlé   Flasche Rotbäckchen Klassik Saft
Schon mit einer Portion von 50 g erreichen 7- bis 9-jährige Kinder über 50 % (5,8 mg) der empfohlenen Tagesdosis (10 mg) an Eisen. (Stand Juni 2012)
  Mit nur einem Glas (0,25 l), das 8,75 mg Eisen enthält, wird die empfohlene Tagesdosis (10 mg) an Eisen für 7- bis 9- jährige Kinder fast erreicht. (Stand Juni 2012)

 

Wissenschaftliche Studien, die negative Wirkungen einer langfristig überhöhten Zufuhr an isolierten Nährstoffen belegen, finden Sie auch auf der Website des Projektes „Fit im Alter”.

Verbraucherfalle Nr. 3
Zugelassene Claims als Deckmantel für abgelehnte Claims

Manche Hersteller wollen nicht von ihren ach so einträglichen Produkten lassen, obwohl die dazugehörigen Claims abgelehnt wurden. Daher setzen sie ihren Produkten Wirkstoffe mit angenommenen Gesundheitsaussagen zu, lassen die abgelehnten aber drin, denn die kennt der Kunde ja schon seit Jahren.

Ein schönes Beispiel hierfür ist das Produkt Augen Extra von Doppelherz. Der Hersteller lobt Vitamin A und Zink für den Erhalt der normalen Sehkraft bei Tag und Nacht aus.

Doppelherz Augen Extra

Unser Kommentar:
Zugelassene Claims – hier Vitamin A und Zink – werden genutzt, um Inhaltsstoffe, die den Verbrauchern seit Jahren mit nicht belegbaren Gesundheitswirkungen aufgeschwatzt wurden – in diesem Fall Lutein und Zeaxanthin – weiter zu vermarkten. Nur weil Vitamin A und Zink im Stoffwechsel unter anderem für das Sehen eine Rolle spielen, muss man keine Kapseln einnehmen. Die Versorgung mit diesen Nährstoffen ist in der Regel über die Nahrung ausreichend gesichert. Positive Effekte einer über den Bedarf hinausgehenden Aufnahme, sind nicht belegt. (Stand Juni 2012)

Verbraucherfalle Nr. 4
„Zucker- und Fettbomben” werden aufgewertet

Die Die EU-Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben für Lebensmittel (Health Claims-Verordnung) sieht vor, dass ernährungs­physiologisch ungünstige Lebensmittel nicht mit dem positiven Image Gesundheit werben dürfen. Die sogenannten Nährwert­profile sollten Höchstwerte für Zucker, Fett und Salz festlegen. Werden diese überschritten, sollte auch keine gesundheits­bezogene Werbung erlaubt sein. Doch unter dem Einfluss der Lebensmittel­industrie ruht die Diskussion seit Jahren - Nährwertprofile wurden bis heute nicht festgelegt. So können Hersteller derzeit auch ihren „Fett- und Zuckerbomben” einen gesunden Anstrich verpassen, indem sie sie beispiels­weise mit Vitaminen anreichern.

Nesquik Kakao mit Calcium  Das gesunde Plus Kaubonbons
Von 100 g Kakaopulver sind 76 g Zucker!
(Stand Juni 2012)

Mit 3 Bonbons nimmt man quasi 3 Stück Würfelzucker zu sich
(Stand Juni 2012)

Verbraucherfalle Nr. 5
Produkte mit abgelehnten
Gesundheitsaussagen noch am Markt (Stand August 2012)

Hersteller, die schon lange wissen, dass die EFSA ihre Gesundheits­aus­sagen als wissen­schaftlich nicht haltbar eingestuft hat, vertreiben und bewerben ihre Produkte einfach weiter. Dies ist zwar rechtmäßig, da die Aussagen erst ab Dezember 2012 verboten sind, aber eine Verbraucher­täuschung ist es aus unserer Sicht trotzdem.

 Biovital Gelenkplus  Das gesunde Plus Cranberry Kapseln Doppelherz Aktiv-Meno  Taxofit Augen Plus 
Chondroitin und
Glucosaminsulfat
erhalten nicht die
Gelenkgesundheit in der Allgemein­bevölkerung.

(Stand Juni 2012)
Cranberry unterstützt eine gesunde Blasenfunktion nicht.
(Stand Juni 2012)
Soja-Isoflavone helfen nicht bei Beschwerden in den Wechsel­jahren.
(Stand Juni 2012)
Die Einnahme von Lutein und Zeaxanthin hilft nicht, die normale Sehkraft zu erhalten.
(Stand Juni 2012)

Verbraucherfalle Nr. 6
Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen

Nicht jede gesundheitliche Wirkung ist unumstritten.Lebensmittel, denen beispielsweise Pflanzensterole zugesetzt wurden wie Margarine oder Milch, können nachgewiesenermaßen den Cholesterinspiegel senken und dürfen auch so beworben werden.

Obwohl sie nur von Personen mit erhöhten Cholesterinwerten gegessen werden sollten, zeigen Untersuchungen, dass sie regelmäßig von jedermann verzehrt werden – selbst von Vorschulkindern. Außerdem gibt es Zweifel an dem Gesundheitsnutzen dieser Art der Cholesterinsenkung, da befürchtet wird, dass auch ein hoher Phytosterolspiegel im Blut, der durch die Produkte erzeugt wird, zu arteriosklerotischen Gefäßveränderungen führen kann.

Becel Margarine pro activ Becel Trinkjoghurt pro activ
Margarine und Trinkjoghurt der Marke Becel mit den Auslobungen „senkt aktiv den Cholesterinspiegel” und „wissenschaftlich geprüft”.
(Stand Juni 2012)

Verbraucherfalle Nr. 7
2.000 Pflanzenstoffe noch immer unbewertet

Etwa 2.000 pflanzliche Stoffe, für die die Lebensmittelindustrie Gesundheits­auslobungen bei der EFSA beantragt hat, sind von dieser aufgrund methodischer Probleme bislang nicht bewertet worden. Vermutlich wird dies auch noch Jahre dauern. So können weiterhin Pflanzenextrakte- oder einzelne Pflanzen­inhaltsstoffe aus Artischocke, Soja oder sonstigen Pflanzen mit gesundheits­bezogenen Aussagen beworben werden, ohne dass für den Verbraucher ersichtlich ist, ob die Aussage Hand und Fuß hat.

Verbraucherfalle Nr. 8
Allgemeinplätze statt zugelassener Health Claims

Viele Firmen werben mit allgemeinen Aussagen wie „fördert das Wohlbefinden“ oder „steigert die Leistungsfähigkeit“, die nach der Health Claims-Verordnung nicht angreifbar sind.

Verbraucherfalle Nr. 9
Werbung mit Health Claims begünstigt Industrienahrung

Health Claims gibt es vor allem für industriell stark verarbeitete Nahrungsmittel, die den Herstellern satte Gewinne versprechen. Für naturbelassene Lebensmittel wie frisches Obst und Gemüse findet man sie dagegen nie. Dabei gibt es genau für diese Lebensmittel jede Menge wissenschaftlicher Belege, dass sie der Gesundheit wirklich langfristig nutzen, zum Beispiel dadurch, dass sie das Risiko für Krebserkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken. Durch die Bewerbung industriell hergestellter Lebensmittel mit Gesundheitswirkungen entsteht so für Verbraucher ein völlig verzerrtes Bild – zugunsten der Industrienahrung.

Verbraucherfalle Nr. 10
Höhere Preise für fraglichen Gesundheitsnutzen

Häufig sind Produkte, die mit Gesundheitswirkungen werben, teurer als Vergleichsprodukte, obwohl der Gesundheitsnutzen für den Verbraucher fraglich ist.

  Probiotischer Joghurt von TiP Joghurt mild von TiP
Preis pro 4
Becher (600 g)
0,75 Euro - 36 % teurer
als der herkömmliche
Joghurt von TiP
(Stand Juni 2012)
0,55 Euro
(Stand Juni 2012)
  Amecke Saft mit Zink und Vitamin C Mit Vitamin C angereicherter Orangensaft von Valensina
Preis pro
Liter
1,69 Euro
(Stand Juni 2012)
1,49 Euro
(Stand Juni 2012)
Erläuterung Zinkzusatz überflüssig –
dafür 13% teurer.
Auch ohne zusätzlichen
Health Claim enthält
dieser Saft viel
Vitamin C.

 

Das muss sich noch ändern

Zwar wurde mit der jetzigen Positivliste dem Wildwuchs an unbewiesenen Aussagen Einhalt geboten, doch vieles ist noch ungeregelt. Es gibt beispielsweise auch weiterhin keine Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe in Lebensmitteln. Verbraucher sind jedoch damit überfordert, selbst einzuschätzen, ob das eigene Essverhalten bereits zu einer Überversorgung führt oder nicht. Auch fehlt ein schlüssiges Konzept, um zu bewerten, wie mit vielen verschiedenen Stoffen angereicherte Lebensmittel wirken und wie Verbraucher vor eventuellen negativen Folgen dieser Nährstoffcocktails geschützt werden können.

Und selbst das Wichtigste steht noch aus: die Festlegung der sogenannten Nährwertprofile, damit Zucker und Fettfallen nicht durch Zusatz billiger Vitamine zu „Gesundheits­produkten“ mutieren.

Deshalb fordern wir,

  • dass endlich Nährwertprofile festgelegt werden, die bereits seit mehr als drei Jahren ausstehen und

  • dass Höchstmengen für die Anreicherung mit Mikronähr­stoffen festgelegt werden.

Stand vom Montag, 22. Februar 2016

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Infobroschüre: Nahrungsergänzungsmittel unter der Lupe .pdf 533,30 kb 2,50 €