Alles Zucker oder was?

Rund 36 Kilogramm Zucker isst jeder Deutsche laut Statistik jedes Jahr. Viel zu viel, wenn man sich nach der Deutschen Gesellschaft für Ernährung richtet, die die Hälfte empfiehlt. Trotzdem sieht die Lebensmittelindustrie keinen Handlungsbedarf. Der Zuckerverbrauch sei seit Jahren konstant.

Die Position der Zuckerlobby

Die Zuckerlobby wehrt sich vehement gegen eine bessere Kennzeichnung und bestreitet die Gefahren durch einen hohen Zuckerkonsum. Ihre Standardargumente haben wir für Sie entkräftet:

Diabetes mellitus: Zucker ist kein Risikofaktor

Stimmt nicht, das ist dreist gelogen. Diese Behauptung im Newsletter „Zucker Infodienst 03/2015“ sind falsch und abseits aller wissenschaftlichen Erkenntnisse. Zucker kann in zweifacher Hinsicht das Risiko an Diabetes mellitus (Typ II) zu erkranken, erhöhen. Zum einen fördert zu viel Zucker im Essen das Übergewicht und Übergewicht ist ein anerkannter Risikofaktor für diese Krankheit. Süßigkeiten und viele andere süße Lebensmittel verführen zum Naschen und häufig auch zum übermäßigen Naschen. Lebensmittel mit viel Zucker werden überall und immer angeboten und zudem noch sehr stark beworben. Mit der Verfügbarkeit von Zucker steigt weltweit der Anteil an Menschen mit Übergewicht. Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor einer weltweiten Epidemie. Zum anderen haben Studien speziell zu Softgetränken gezeigt, dass Menschen mit einem hohen Softgetränke-Konsum ein deutlich höheres Risiko besitzen, Typ-2 Diabetes zu bekommen. 

Die Kampagne „Diabetes STOPPEN – jetzt!“ will die Politik auf das Thema Diabetes aufmerksam machen und setzt sich dafür ein, dass mehr unternommen wird, um die Krankheit zu bekämpfen.

Kohlenhydrate sind lebensnotwendig, da der Körper sie als Energiequelle für seinen Stoffwechsel braucht.

Das stimmt, aber es kommt auf die Art der Kohlenhydrate an. Sie sollten überwiegend Kohlenhydrate in Form von Stärke zu sich nehmen, die beispielsweise in Kartoffeln, Nudeln oder Haferflocken enthalten ist. Zucker sollte nur in Maßen, laut Weltgesundheitsorganisation 5 Prozent der Kalorienmenge, gegessen werden.

Der durchschnittliche Pro-Kopf-Absatz von Zucker/Saccharose in Deutschland ist seit 40 Jahren stabil und liegt bei rund 35 Kilogramm pro Jahr.

Das ist nicht richtig, denn es wird nur der sogenannte „Haushaltszucker“ berechnet. Zucker kommt aber zunehmend in Form von Glukosesirup, Maltodextrin oder anderen Zuckerarten in Lebensmitteln vor. Der Anteil dieser „versteckten“ Zucker ist in den letzten Jahren weiter gestiegen und wird von der Zuckerlobby verschwiegen.

Es gibt keine wissenschaftliche Evidenz, die belegt, dass der Konsum zuckerhaltiger Lebensmittel für die Entstehung von Übergewicht verantwortlich ist.

Zahlreiche Studien zeigen, dass ein erhöhter Verzehr von Lebensmitteln mit hoher Energiedichte, also vielen Kilokalorien, einer der Faktoren für Übergewicht ist, so dass Fachgesellschaften und Gesundheitsorganisationen weltweit sowohl für Erwachsene als auch für Kinder empfehlen, die Energiedichte von Lebensmitteln zur Gewichtskontrolle zu reduzieren. Zuckerhaltige Lebensmittel haben in der Regel eine hohe Energiedichte. Ernährungswissenschaftler raten daher zu Lebensmitteln mit einer geringen bis mittleren Energiedichte, um Übergewicht zu vermeiden.

Übergewicht ist die Folge eines Ungleichgewichts von Kalorienaufnahme und Kalorienverbrauch.

Ja, und dieses Ungleichgewicht wird durch Zucker verstärkt, denn Zucker trägt wesentlich zur Energieaufnahme bei und hat einen geringen Sättigungswert, so dass man nach einem gesüßten Schokoriegel schnell wieder Hunger verspürt.

Zucker wie auch andere einzelne Makronährstoffe sind im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung nicht für Übergewicht und andere Krankheiten verantwortlich. Dementsprechend entbehren Werbeverbote oder diskriminierende Sondersteuern auf zuckerhaltige Lebensmittel jeder Grundlage. Steuern oder Werbeverbote machen nicht schlank.

Aktuell wird europaweit über eine Steuer diskutiert (z.B. von den Gesundheitsbehörden in Großbritannien), um die Übergewichtsepidemie einzudämmen. Werbung, etwa in Fernsehsendungen für Kinder oder Online-Spiele mit Süßigkeiten, beeinflussen das Ernährungsverhalten von Kindern, da sie nicht zwischen Werbung und Realität unterscheiden können. Studien zeigen, dass werbefreie Lebenswelten (z.B. Kita und Schule)  bei Kindern zu einem gesünderen Ernährungsverhalten führen. Sind an jeder Ecke Süßigkeiten erhältlich oder werden diese in den (sozialen) Medien beworben, dann greifen sie eher zu.

Die Behauptung, Zucker könne süchtig machen, hält einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Die Annahme beruht unter anderem darauf, dass nach Zuckerverzehr im Gehirn der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet wird. Eine Dopaminausschüttung ist aber nicht nur nach dem Verzehr von etwas Schmackhaftem wie Zucker, sondern in Folge aller „natürlichen Belohnungen“ messbar. Zudem gibt es wesentliche Unterschiede zwischen dem Reaktionsmuster des Gehirns auf Drogen und dem auf „natürliche Belohnungen“.

Auch darüber wird zurzeit verstärkt diskutiert, die Abgrenzung zwischen Sucht und „natürlichen Belohnungen“ durch Zucker ist fließend. Hier ist mehr Forschung nötig. Die ernährungsabhängigen Krankheiten durch zu viel Zucker kosten Milliarden und führen zu großem persönlichen Leid. Es wäre angemessen in diesem Bereich mehr zu forschen und die Studien nicht durch Geld der Zuckerlobby zu finanzieren.


 

Tipps für den Einkauf

Beim Zucker wird mächtig getrickst und geschummelt, denn Zuckerstoffe haben viele tolle Eigenschaften und sind außerdem sehr preiswert. Sie süßen nicht nur, sondern geben auch Fülle und Konsistenz, wirken konservierend und geschmacksverstärkend und können so wertvolle Zutaten wie Früchte im Joghurt ersetzen. Für die Hersteller lohnt es sich also, ihre Produkte mit reichlich Zucker zu versehen. Und wir Verbraucher? Wir müssen die Kalorienbomben wieder mühselig loswerden. Unsere Empfehlungen, damit Sie keine Extra-Runden joggen müssen:

1. Lassen Sie sich nicht von Decknamen in die Irre führen!

Neben dem Begriff Zucker haben die Verbraucherzentralen in einem Marktcheck 70! weitere Zutatenbezeichnungen für süßende Substanzen ausfindig gemacht. Diese Süßmacher mit unterschiedlichen Namen vertreiben Zucker oder Saccharose oft von der Spitzenposition in der Zutatenliste. Doch wie das Beispiel einer mit Schokolade überzogenen gefüllten Waffel zeigt, tragen auch Zutaten wie etwa Glukose-Fruktose-Sirup, Glukosesirup, karamellisierter Zucker, Maltodextrin, Milchzucker, Molkenerzeugnis, Süßmolkenpulver, Vollmilchpulver, Magermilchpulver oder gezuckerte Kondensmilch zum Zuckergehalt eines Lebensmittels bei – ohne, dass Ihnen das auf den ersten oder sogar zweiten Blick klar sein muss.

2. Seien Sie kritisch bei groß ausgelobten Hinweisen!

Auslobungen wie „ohne Zuckerzusatz“ oder „ungesüßt“ vermitteln den falschen Eindruck, ein Produkt enthalte kaum oder keinen Zucker. Doch auch süßende Zutaten wie Trockenfrüchte oder Molkenerzeugnisse liefern natürlicherweise Zucker. So enthält so manches Cappuccinopulver rund 40 Prozent Zucker aus der Zutat Süßmolkenpulver, obwohl auf dem Getränk „ungesüßt“ als Verkaufsargument ausgelobt wird.

Auch ein reduzierter Zuckergehalt wird gern beworben. Doch im Regal können neben einem Fruchtaufstrich mit „40 % weniger Zucker“ sogar Produkte stehen, die ähnlich viel oder sogar weniger Zucker enthalten – und das ganz ohne werbende Worte.

3. Lassen Sie sich nicht von kleineren Mengen täuschen!

Die Angabe des Zuckers pro Portion irritiert insbesondere bei Getränken, wenn die Portion nicht der Flaschen- oder Dosengröße entspricht. Vor allem bei alkoholfreien Erfrischungsgetränken in großen Flaschen summiert sich der Zuckergehalt pro Flasche so sehr schnell auf eine Menge, die weit über den empfohlenen 90 Gramm pro Tag liegt. Eine 1,75-Limonadenflasche, beworben mit „weniger süß“ und „enthält nur 9,7 g Zucker pro 100 ml“ liefert pro Portion von 250 Millilitern immerhin 24,3 Gramm und pro Flasche mal eben 170 Gramm Zucker.

Aktuelles Beispiel: So verkauft Edeka die Waffelröllchen seiner Eigenmarke „gut & günstig“ quasi als Schlankmacher. Auf der Schauseite der Verpackung steht, dass die Waffelröllchen nur 1,6 Gramm Zucker und 1,4 Gramm Fett – und insgesamt nur 26 Kilokalorien (kcal) enthalten. Die Zahlen erinnern eher an einen fettarmen Jogurt als an einen Keks.

Nährwertkennzeichnung auf Edeka Waffelröllchen

Wie kommt es zu diesen Werten? Im Kleingedruckten (Schriftgröße ca. 1 Millimeter !) steht, dass die Angaben sich auf eine Portion beziehen. Als Portion hat Edeka ein einziges Röllchen von 5 Gramm zu Grunde gelegt.

Wie müssten die richtigen Werte lauten? In Wahrheit enthalten 100 Gramm der Waffelröllchen 31 Gramm Zucker, was mehr als 10 Zuckerwürfeln entspricht und 28 Gramm Fett, davon sind über 70 Prozent gesundheitlich problematische „gesättigte Fettsäuren“. Insgesamt happige 521 Kilokalorien pro 100 Gramm!

4. Schauen Sie auch bei pikanten Lebensmitteln genau hin!

Hätten Sie gedacht, dass in pikanten Gerichten wie Soßenbinder oder Fleischsalat Zucker steckt? Auch im Haushalt wird durch eine Prise Zucker bei vielen Speisen gern eine Geschmacksabrundung erzielt, aber gut zwei Teelöffel auf rund 100 Gramm Weißkrautsalat werden sicherlich nicht verwendet.

5. Kaufen Sie keine besonderen „Kinderlebensmittel”!

Als Kinderprodukte beworbene Lebensmittel sind häufig energiereicher und auch beim Zucker gibt es oft einen süßen Zuschlag. Knusperbrot hat normalerweise einen Zuckergehalt von 0,5 bis 2 Gramm pro 100 Gramm und ist damit eine leicht Kost. Nicht so ein Knusperbrot, das damit wirbt, „genau richtig als Snack für zwischendurch, im Kindergarten und in der Schule“ zu sein. Dieses Brot bringt es auf einen Anteil von 36 Gramm und ist damit keinesfalls ein Snack für zwischendurch.

Das brasilianische Institut für Verbraucherschutz (IDEC) hat im Rahmen seiner Kampagne„Shake it before drinking“ ein Video veröffentlicht, um Eltern darauf aufmerksam zu machen, besser genau auf die Zutatenliste der Fruchtsaftgetränke für ihre Kinder zu schauen. Diese enthalten oft nur eine verschwindend geringe Menge der erwarteten Früchte, dafür aber viel Zucker unter den verschiedensten Bezeichnungen.

6. Seien Sie auch bei Produkten mit Süßstoffen vorsichtig!

Durch den Einsatz von Süßstoffen kann der Zucker- und Energiegehalt eines Lebensmittels reduziert werden. Doch um die strukturgebenden und geschmacksverstärkenden Eigenschaften des Zuckers auch in diesen Produkten zu erreichen, kommen ergänzende Zutaten zum Einsatz, die natürlich auch Kalorien beisteuern.

App fürs Smartphone

Damit Sie herausfinden können, was in welchem Produkt steckt, haben die Verbraucherzentralen eine App entwickelt, mit der Sie sich direkt vor dem Supermarktregal informieren können. Lernen Sie verschiedene Zuckerarten und Zuckersynonyme in Lebensmitteln kennen. Wer weiß schon, dass Dextrose, Glukose und Traubenzucker das Gleiche bedeuten und wie viel Energie in Glukosesirup, Invertzucker und Maltodextrin steckt?

Unsere App erhalten Sie als kostenlosen Download:

Unser Rat

Anhand von Nährwerttabellen auf den Produkten könnte man schnell erkennen, wie viel Zucker enthalten ist, auch ohne die Zutatenliste zu entziffern. Doch erst ab 2016 werden die Tabellen per EU-Verordnung Pflicht. Was können Sie tun? Sich informieren und – auch wenn es lästig ist – die Angaben auf den Verpackungen genau lesen. Oder nur noch solche Produkte kaufen, auf denen bereits jetzt der Zuckergehalt richtig angegeben wird. 

Nährwertangaben müssen verständlich sein, daher fordern die Verbraucherzentralen die Bewertung mit einer Ampel. Schon jetzt können Sie unter www.ampelcheck.de testen, ob Ihre Frühstücksflocken oder Kekse für Ihre Kinder eine rote Zucker-Ampel verdienen.

In einem bundesweiten Marktcheck haben die Verbraucherzentralen 276 verarbeitete Lebensmittel unter die Lupe genommen: Fruchterzeugnisse, Getreideprodukte, Getränke, Milchprodukte und Eis sowie Pikantes und Süßwaren aller Art.

Unser Fazit:

Gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages

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Stand vom Mittwoch, 18. November 2015

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