Glyphosat – Vorsorgeprinzip anwenden!

Die EU-Kommission hat das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat vergangenes Jahr für weitere 18 Monate und zwar bis Ende 2017 zugelassen. Bis dahin soll eine neue Studie der europäischen Chemikalienagentur klären, ob Glyphosat krebserregend wirken kann. Außerdem gelten seit 2016 einige neue Auflagen, zum Beispiel das Verbot von gefährlichen Beistoffen (Tallowamine), die Minimierung des Einsatzes in Parks oder auf Spielplätzen und wirkungsvollere Kontrollen gegen den Einsatz kurz vor der Ernte.

Wir meinen: Wirksame Reduktionsmaßnahmen sehen anders aus, zumal diese Vorgaben größtenteils nur empfehlenden Charakter haben. Aber die neuen Regelungen sind ein erster Schritt in die richtige Richtung. Immerhin wollte die EU die Zulassung  für Glyphosat ursprünglich um 15 Jahre verlängern.

Glyphosat ist das meistverbrauchte Herbizid (Unkrautbekämpfungsmittel) sowie in Deutschland als auch weltweit und aus Sicht der Landwirte kaum verzichtbar. Aus unserer Sicht muss jedoch das in Europa herrschende Vorsorgeprinzip umgesetzt werden, das Verbraucher im Voraus vor Gefahren schützt. Welche Gefahren birgt der Einsatz von Glyphosat? Wir beantworten Ihnen wichtige Fragen zum Unkrautvernichter.

Was sagen die Experten zu Glyphosat?

Die Internationale WHO-Agentur für Krebsforschung (IARC) hat das Herbizid Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ bewertet und in die zweithöchste Gefahrengruppe eingestuft, weil es beispielsweise unser Lymphsystem angreifen kann. Ein weiteren Expertenteam der der WHO, das Joint Meeting for Pesticide Residues (JMPR), hat kürzlich veröffentlicht, dass das Risiko bei den derzeitigen Rückstandsmengen in Nahrungsmitteln noch gering sei. Das sind unterschiedliche Antworten auf zwei verschiedene Fragestellungen. Allerdings wird die Unabhängigkeit des JMPRs stark angezweifelt, da Spendengelder von Monsanto und Co an die Verantwortlichen gezahlt wurden. Wichtig ist auch, dass  Glyphosat im Blut und im Urin von Landarbeitern gefunden wurde, was bedeutet, dass es vom menschlichen Körper aufgenommen wird. Auch in Deutschland konnte Glyphosat im Urin von ca. 40 Prozent der Bevölkerung nachgewiesen werden.      

Seit der Veröffentlichung der IARC ist ein Streit unter den Wissenschaftlern entbrannt, insbesondere darum, welche Auswirkungen eine regelmäßige, niedrige Aufnahme auf den Menschen haben kann. Krebsgefahr oder nicht?

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vertritt die Auffassung, dass sich bei bestimmungsgemäßer Anwendung von Glyphosat kein krebserzeugendes Risiko für den Menschen ableiten lässt. Auch die European Food Safety Authority (EFSA) ist der Auffassung, dass es unwahrscheinlich ist, dass Glyphosat eine krebserregende Gefahr für den Menschen darstellt. Das Umweltbundesamt (UBA) hingegen hat in einer Langzeitstudie eine deutliche Anreicherung von Glyphosat im menschlichen Urin nachgewiesen und fordert angesichts der Veröffentlichung der IARC, dass über den Stoff neu diskutiert werden muss. Außerdem wies das UBA in einer Studie nach, dass Glyphosat die Artenvielfalt auf den Äckern beeinträchtigt. Die Behörde für Gesundheit und Umwelt des US-Bundesstaates Kalifornien hat Glyphosat am 7. Juli 2017 auf die Liste von krebserregenden Chemikalien gesetzt – sie stuft diesen Stoff also als Krebsrisiko ein.

Warum sind die Wissenschaftler unterschiedlicher Meinung?

Glyphosat kann nur in Pflanzen eindringen, wenn im Pestizid noch weitere Stoffe vorhanden sind, sogenannte Netzstoffe. In Kombination sind diese Stoffe deutlich giftiger als das reine Glyphosat. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die EFSA haben den reinen Wirkstoff Glyphosat als „nicht krebserregend“ beurteilt. Die Mischungen, die tatsächlich auf dem Feld landen, stufen jedoch IARC und EFSA als genotoxisch, also erbgutschädigend, ein. Somit bestehen weiterhin berechtigte Zweifel an der Sicherheit des Stoffes.

Wie viel Glyphosat kann in Lebensmitteln enthalten sein?

Bier: Das Münchner Umweltinstitut hat Anfang 2016 in 14 bekannten Biersorten Glyphosat gefunden. Die Werte lagen zwischen 0,46 und 29,74 Mikrogramm pro Liter und damit im extremsten Fall fast 300-fach über dem gesetzlichen Grenzwert für Trinkwasser von 0,1 Mikrogramm. Das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht jedoch kein Gesundheitsrisiko. Der Grenzwert für Wasser ist sehr streng und für die Beurteilung von Bier nicht unbedingt geeignet. Einen Grenzwert für Bier gibt es leider noch nicht.

Lebensmittel und Futtermittel: In den Jahren 2013 und 2014 wurden vom Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit insgesamt 200 Lebensmittelproben sowie 85 Futtermittelproben auf Glyphosat untersucht. In 2,5 Prozent der Lebensmittel (z. B. Weizenmehl) und in 44 Prozent der Futtermittelproben wurde Glyphosat gefunden. Sowohl bei Lebens- als auch bei Futtermitteln wurden die jeweiligen Höchstwerte aber nicht überschritten. In einer Probe Bohnen fand die Behörde jedoch 1,8 mg/kg Glyphosat; der Höchstwert beträgt 2 mg.

Getreide und Getreideprodukte: Eine Untersuchung von Getreide des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz zeigte sogar eine Belastung bei 71 Prozent der Weizenproben. Besonders Gerste, in der sogar Höchstmengen bis zu 20 mg/kg erlaubt sind, wies hohe Rückstände (zwischen 11 und 18 mg/kg) auf; es kam auch zu einer Überschreitung des Grenzwertes. In einer Untersuchung der Zeitschrift Öko-Test von 2013 wurde in ca. drei Vierteln von 20 untersuchten Getreideprodukten Glyphosat gefunden.

Soja und Milch: Besonders genverändertes Soja, welches zur Tiermast eingesetzt wird, ist oft weit über den Rückstandshöchstgehalt belastet (bis zu 5fach darüber). Da Glyphosat vom Futter in Fleisch und Milch von Tieren übergehen kann, muss auch diese Menge miteinbezogen werden, um Risiken für den Menschen abzuschätzen. Allerdings konnte beispielsweise in Milch von niedersächsischen Kühen im Jahr 2015 kein Glyphosat nachgewiesen werden.

Wie können Sie sich schützen?

  • Im ökologischen Landbau ist der Einsatz von glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln nicht erlaubt. Wenn Sie also den Einsatz von Glyphosat nicht unterstützen möchten, sollten Sie biologisch angebaute Produkte wählen. Diese erkennen Sie am EU-Biosiegel.

  • Doch nicht nur die Anwendung in der Landwirtschaft sorgt dafür, dass wir das Pflanzenschutzmittel aufnehmen: Auch im Baumarkt oder im Internet kann Glyphosat für den Einsatz im eigenen Garten erworben werden. In einem Baumarkt wurde auf Nachfrage der Verbraucherzentrale Niedersachsen sofort ein glyphosathaltiges Unkrautvernichtungsmittel gegen Giersch in der Auffahrt empfohlen. Ein genauerer Blick in die Vitrine zeigte: Von den zehn dort angebotenen Unkrautvernichtungsmitteln enthielten sieben den Wirkstoff Glyphosat. Zwar wurde auf einem Schild daneben gewarnt, Unkrautvernichtungsmittel dürften auf Asphalt nur mit Genehmigung und unter Beachtung der Sicherheitsvorkehrungen angewandt werden, doch im eigenen Garten kontrolliert dies niemand. Für den eigenen Garten sollten Sie lieber auf die mechanische Entfernung von Unkraut setzen oder dieses abflammen.

    Übrigens: Hamburg hat, neben einigen anderen Bundesländern, die Anwendung von Glyphosat auf öffentlichen Plätzen (z.B. Spiel- und Sportplätze, Bürgersteige, Friedhofswege) vorläufig gestoppt – bis geklärt ist, ob und unter welchen Bedingungen Glyphosat krebserregend ist und damit voraussichtlich bis Ende 2017.

  • Um schnell herauszufinden, ob Sie noch glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel im Keller haben, hat die Verbraucherzentrale Niedersachsen eine Liste aller in Deutschland zugelassenen Mittel zusammengestellt. Wenn Sie diese loswerden möchten: Bringen Sie sie zurück in den Baumarkt oder zur nächsten Sammelstelle für Schadstoffe, schütten Sie das Unkrautvernichtungsmittel auf keinen Fall in den Ausguss. Sollten Sie Ihr Produkt unbedingt noch weiter benutzen wollen, treffen Sie alle Sicherheitsvorkehrungen, die in der Anleitung genannt sind.