Pyrrolizidinalkaloide: Schadstoffe im Tee

Bunt blühende Blumen und Kräuter auf naturbelassenen Flächen sind immer wieder eine Augenweide. Vielfalt und Idylle sind ökologisch betrachtet äußerst wichtig. Doch leider gibt es unter den Pflanzen auch einige Exemplare, die natürliche Gifte enthalten, die sowohl für Menschen wie auch Tiere schädlich sein können.

Jakobskreuzkraut, Huflattich oder Greiskraut wehren sich mit einem eigenen Fraßschutz vor Schädlingen. Diese Beikräuter können giftige Substanzen mit dem sperrigen Namen Pyrrolizidinalkaloide (PA) enthalten und unbeabsichtigt in Lebensmittel gelangen, beispielsweise in Tees oder über Blütenpollen und Nektar, die von Bienen in den Honig transportiert werden. Dabei reichen manchmal schon bis zu fünf Pflanzen, um ein gesamtes Feld mit Kamillenpflanzen und damit später auch den daraus hergestellten Tee zu belasten. Eine große Problematik – ähnlich wie eine Stecknadel im Heuhaufen zu finden.

Teetrinker, die viel und häufig Tee trinken, sind unter Umständen einem gewissen Risiko ausgesetzt.


Aktuelle Warnungen


6. Juni 2017: Der Hersteller Hexal ruft Felis-Kapseln mit dem Wirkstoff Johanniskraut-Trockenextrakt zurück. Betroffen ist die Charge Ch.-B.: GJ4494/30 Hartkapseln/425 mg. Es wurde ein erhöhter Wert an Pyrrolizidinalkaloiden festgestellt. Diese Meldung stammt von der Arzneimittelkommission der Apotheker.

20. Februar 2017: Das ZDF-Magazin WISO hat Schwangerschafts- und Stilltees getestet, in 12 von 28 Tees wurden Pyrrolizidinalkaloide gefunden. Die gesamten Untersuchungsergebnisse wurden auf der WISO-Seite veröffentlicht.

Die Belastung durch PAs erfolgt fast immer punktuell. Das bedeutet: Es kann auch nur eine Charge betroffen sein und nicht generell und kontinuierlich der gesamte Tee einer Marke. Häufig unterscheiden sich die Untersuchungsergebnisse zu unterschiedlichen Zeiten – also ein Tee kann mal belastet sein und ein anderes Mal nicht. Der Bundesverband Naturkost Naturwaren hat zu dieser Problematik Stellung genommen. Wir sind jedoch der Meinung, dass jede Veröffentlichung von konkreten Untersuchungsergebnissen sehr wichtig ist, um das gravierende Problem endlich in den Griff zu bekommen und einen gesetzlich verbindlichen Grenzwert festzulegen.

13. Februar 2017: Das ZDF-Magazin WISO berichtet über die Testergebnisse von 17 Kräuter-Babytees. Fünf davon waren mit Pyrrolizidinalkaloiden belastet. Am höchsten belastet war der Sidroga Säuglings- und Kindertee; er wurde inzwischen vom Markt genommen. Die weiteren Ergebnisse finden Sie auf der WISO-Seite.

19. Januar 2017: Die Stiftung Warentest warnt vor dem Kamillentee von Kusmi Tea. Er sollte nicht getrunken werden, weil sich in einer Charge des Tees extrem hohe Rückstände der Gifte befinden (Mindesthaltbarkeitsdatum 10/2019; Chargennummer 161031, 20 Teebeutel in der Packung).


Fragen und Antworten


Wir haben die neun wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema für Teetrinker und Honigliebhaber zusammengestellt und erklären Ihnen, wie Sie sich vor Pyrrolizidinalkaloiden schützen können.

Foto Kamillefeld mit Jakobskreuzkraut

1. Was sind Pyrrolizidinalkaloide?

Pyrrolizidinalkaloide (PA) sind natürliche Pflanzenstoffe. Bei Tierversuchen wurde nach dem Verzehr großer Mengen vor allem eine krebserregende und leberschädigende Wirkung festgestellt. Pferdehaltern ist diese Problematik schon länger bekannt.

Auch bei Menschen sind Fälle von schweren Erkrankungen durch PAs aufgetreten, wenn diese in sehr hoher Dosierung (z.B. nach selbst zubereiteten Aufgüssen von PA-Pflanzen) aufgenommen wurden. Allerdings waren diese Konzentrationen um ein Vielfaches höher, als bei einem normalen Teekonsum wahrscheinlich ist. Da die möglichen gesundheitlichen Auswirkungen auch von geringeren Mengen noch nicht hinreichend erforscht sind, sollten aus Sicht der Verbraucher­zentrale Gesundheits­risiken vermieden und das Vorsorgeprinzip eingehalten werden.

2. Warum werden diese Gifte nicht wieder aus den Tees entfernt?

Die wasserlöslichen PAs gelangen unbeabsichtigt in die Lebensmittel. Einmal in der Nahrungskette, lassen sie sich nach dem Ernten und bei der Herstellung kaum noch entfernen. Da die PA-enthaltenden Pflanzen unregelmäßig verteilt in den Feldern wachsen und unbeabsichtigt mitgeerntet werden, können die Gehalte einzelner Proben erheblich schwanken. Die Belastung ist meistens punktuell: Ein Teebeutel in der Verpackung kann PA enthalten, während der Rest frei davon ist. Das macht das Aufspüren und Bewerten einer belasteten Charge so schwierig.

3. Welche Lebensmittel sind davon betroffen?

PA sind vor allem in Kräutertees und Honig enthalten. Da diese natürlicherweise gebildet werden, sind die Gehalte auch in Bio-Produkten nicht zwangsläufig geringer. Außerdem können sie in Nahrungs­ergänzungs­mitteln auf Pollenbasis sogar in höheren Konzentrationen vorkommen. Da das Blütenangebot für Bienen im Sommer geringer wird, fliegen die Bienen teilweise das sonst nicht bevorzugte Jakobs­kreuzkraut an. Daher kann insbesondere die sogenannte Sommertracht beim Honig belastet sein.

Bisher sind als belastet aufgefallen: Bisher nicht auffällig waren:

Kräutertee:

• Pfefferminze

• Brennnessel

• Melisse

Früchtetee:

• Hagebutten

• Waldbeeren

• Orangen

• Sanddorn

• Holunder

Grüner Tee Ingwertee
Schwarzer Tee Gewürztee
Rooibostee  
Fencheltee  

Honig der Sommertracht:

• Lindenblüten

• Sonnenblumen

• Sommerblüten

Honig der Frühtracht:

• Raps

• Ahorn

• Obstblüten

• Löwenzahn


Hier finden Sie weitere Links zu Testergebnissen aus den vergangenen Jahren:
Grüner Tee, Schwarzer Tee, Rooibostee und Kamillentee
Honig (Stiftung Warentest, Landesportal Schleswig-Holstein, Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein)

4. Haben diese Stoffe Auswirkungen auf die Gesundheit?

Eine akute Gefährdung der Gesundheit ist laut Bundesinstitut für Risiko­bewertung (BfR) bei einer geringen und kurzfristigen Aufnahme selbst von Teesorten mit einem hohen PA-Gehalt für Erwachsene und Kinder unwahrscheinlich. Allerdings kann für Vieltrinker belasteter Teesorten ein gesundheitliches Risiko nicht ausgeschlossen werden. Das BfR empfiehlt insbesondere Schwangeren, Stillenden und Kindern abwechslungs­reich und nicht nur Tees und Kräutertees zu trinken.

5. Wie viele Tassen Tee pro Tag sind für mich unbedenklich?

Infografik Vieltrinker Definition

Bei Personen, die längerfristig große Mengen PA-belasteter Teesorten trinken, könnte ein Gesundheitsrisiko bestehen. Besonders gefährdet sind dabei Schwangere, Stillende und Kinder.

Als Vieltrinker gilt ein Erwachsener, der pro Tag drei oder mehr Tassen Tee zu je 200 Milliliter trinkt. Mit Grün- oder Schwarztee dürfen es insgesamt fünf Tassen sein. Normalverzehrer, die beispielsweise nur eine oder zwei Tassen Kräutertee am Tag trinken, gehen nach heutigem Wissen kein erhöhtes Risiko ein.

Kinder gelten schon mit einer Tasse von 200 Millilitern als Vieltrinker und mit einer viertel Tasse als Normalverzehrer. Durch abwechslungsreiches Trinken kann ein gesundheitliches Risiko durch PA verringert werden.

6. Was ist mit Arzneitees und Nahrungsergänzungsmittel auf Pollenbasis?

In Deutschland gilt für pflanzliche Arzneimittel einen Grenzwert für PA (1 Mikrogramm pro Tag bei oraler Aufnahme), der durch den Konsum von Arzneitees und die Einnahme von pflanzlichen Arzneimitteln nicht überschritten werden darf. Eine längere Aufnahme von mehr als sechs Wochen im Jahr darf nicht erfolgen. Auf Verpackungen dieser speziellen Tees gibt es zum Beispiel Dosieranweisungen.

Eine besondere Gefährdung kann bei Nahrungsergänzungsmittel auf Pollenbasis auftreten, da diese nicht als Arzneimittel gelten und deshalb nicht unter diese Regelung fallen. Tests haben ergeben, dass diese besonders hohe Konzentrationen von PA enthalten können.

7. Was tut die Politik, um uns zu schützen und was fordern Verbraucherschützer?

  • Kampf gegen Jakobskreuzkraut: Einige Politiker riefen im vergangenen Sommer zu einem verstärkten Kampf gegen Jakobskreuzkraut in Deutschland auf, um die weitere Ausbreitung von belasteten Pflanzenarten zu verhindern. Weitere konkrete Aktivitäten seitens der Politik lassen leider noch auf sich warten.

  • Verbraucherzentralen fordern Warnhinweis und Grenzwert: Einen Grenzwert gibt es noch nicht, stattdessen nur einen sogenannten Zielwert. Dieser sieht vor: Eine Tageszufuhr von 0,007 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht (z.B. 0,42 Mikrogramm für eine 60 Kilogramm schwere Person) sollte aus wissenschaftlicher Sicht nicht überschritten werden. Rund 14-mal so hoch ist der derzeitige gesundheitsbasierte Richtwert, bei Überschreitungen sollen Produkte vom Markt genommen werden. Beispiel: Edeka, Netto Marken-Discount und Bad Heilbrunner haben ihre Rooibos­tees wegen starker Überschreitung vom Markt genommen. Sidroga hat den Säuglings- und Kindertee vom Markt genommen.

    Viele Tees bestehen aus unterschiedlichen Mischungen, die weltweit von verschiedenen Anbietern eingekauft und dann zusammengemischt werden. Deshalb fordern die Verbraucher­zentralen, dass auf den Verpackungen eindeutige Warnhinweise zu Verzehr­empfehlungen und Risikogruppen vorgeschrieben werden. Die schnelle Festlegung eines Grenzwertes ist von sehr großer Wichtigkeit, damit höher belastete Ware vom Markt genommen wird und die staatliche Lebensmittelüberwachung tätig werden kann! Die Analyse­methoden zu verbessern und auszudehnen gehört ebenfalls zu den wichtigen Aufgaben, um höher belastete Ware auszuschließen, bevor diese in unsere Teegläser gelangt.

  • Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) verlangt mehr Kontrollen: Die PA-Gehalte von Kräutertee- und Teechargen sollten vor der Vermarktung kontrolliert werden. Von der Teeindustrie wird erwartet, dass verstärkte Ursachenforschung für hohe PA-Gehalte erfolgt. Ausführliche Stellungnahmen des BfRs finden sie hier.

8. Was tut die Teeindustrie gegen PAs?

Die Teeindustrie hat in den vergangenen Jahren einen Maßnahmenplan entwickelt, um den Anbau, die Ernte und Verarbeitungsverfahren in Hinblick auf die PA-Thematik optimieren.

Das sagt die Teeindustrie: „Die Unternehmen der Teewirtschaft arbeiten seit Juli 2013, als erstmals das Vorkommen von PA in Kräutertees und Tees bekannt wurde, zusammen mit ihren Lieferanten intensiv daran, die Werte kontinuierlich zu reduzieren. In der Regel werden Rohwaren für Kräutertees einmal im Jahr geerntet. Daher bedarf es einer gewissen Zeit bis sich entsprechende Maßnahmen, wie Veränderungen im Anbau und der Erntetechnik, auf den PA-Gehalt der Folgeernten auswirken." Laut Angaben des Deutschen Teeverbands e.V. und der Wirtschaftsvereinigung Kräuter- und Früchtetee e.V. zeigen die durch die Teewirtschaft ergriffenen Maßnahmen bei den neuen Ernten inzwischen deutliche Verbesserungen. "Für die Herstellung von Babytees werden die Rohstoffe besonders sorgfältig geprüft und nur die Chargen ausgewählt, in denen keine PA-Gehalte festgestellt werden können. Tees, die speziell für Säuglinge und Kleinkinder geeignet sind, weisen daher kaum noch nennenswerte PA-Gehalte auf." Hier finden Sie weitere Informationen zum Engagement der Teewirtschaft.

Das meinen wir: Mehr Transparenz im Hinblick auf die konkreten Maßnahmen, auf Minimierungskonzepte und die Veröffentlichung aktueller Belastungswerte unterschiedlicher Sorten wären für den Verbraucherschutz von großer Bedeutung. Die Informationspolitik war bisher zu zögerlich. Ohne neutrale Untersuchungen, zum Beispiel von der Stiftung Warentest,  dem ZDF-Magazin "WISO" oder Öko-Test, wären die Verbraucher zu lange im Unklaren gelassen worden. Eine besondere Sorgfaltspflicht obliegt aus Sicht der Verbraucherzentrale den Anbietern von Still-, Säuglings- oder Kindertees, diese ist immer noch nicht ausreichend!

9. Kann man selbst etwas gegen die Ausbreitung von Jakobskreuzkraut tun?

Jakobskreuzkraut und Beschreibung der Pflanze

  • Im Sommer kann man den Bienen im eigenen Garten eine Nahrungsquelle bieten, damit diese Jakobskreuzkraut nicht anfliegen. Diese Maßnahme ist insbesondere dann wichtig, wenn Bienenstöcke in der Nähe sind. Hier finden Sie bienenfreundliche Pflanzen. Fragen Sie bei Ihrem Gärtner oder im Gartencenter gegebenenfalls nach fertigen Saatmischungen mit Pflanzen, die Bienen lieben.

  • Viele Landwirte würden sich freuen, wenn Sie insbesondere in der Nähe von bewirtschafteten Flächen auf das Vorhandensein von PA-Pflanzen, beispielsweise Jakobskreuzkraut, hinweisen könnten. Die Blätter dieser Pflanze ähneln übrigens denen der Rucola-Blätter, seien Sie daher auch im eigenen Garten vorsichtig bei der Ernte.

  • PA-haltige Pflanzen sind sehr anspruchslos und können praktisch überall wachsen. Häufig sind es auch die ersten Pflanzen, die auf nicht genutzten Flächen, verlassenen Grundstücken oder alten Baustellen wachsen. Achten Sie darauf, dass Kinder diese Pflanzen nicht in den Mund nehmen.

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Stand vom Dienstag, 13. Juni 2017

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