Sie wollen groß? Sie kriegen groß!

Eine junge Frau ließ sich von 26 plastischen Chirurgen aus Hamburg, Berlin, Köln, Düsseldorf, Frankfurt, Stuttgart und München beraten. Ihr Anliegen: ihre Brust sollte größer werden. Ende 2010 war sie bereits bei elf Hamburger Schönheits-Chirurgen gewesen. Nur einer hatte sie gut, zehn aber eher schlecht oder sehr schlecht beraten (wir berichteten). Nun wurde die Untersuchung zusammen mit der Zeitschrift Bild der Frau auf andere deutsche Großstädte ausgedehnt. Das Ergebnis für die gesamte Stichprobe, ausgedrückt in Schulnoten:

  • Ein »sehr gut« (Note 1) konnte gar nicht vergeben werden.
  • Nur einer von 26 Ärzten erfüllte so viele Kriterien aus Rechtsprechung und Empfehlungen der Fachgesellschaften an eine gute Beratung, dass er die Note »gut« (2) erhält.
  • Nur 4 Ärzte berieten mittelmäßig (Note 3), 11 Ärzte eher schlecht (Note 4) und 10 Ärzte sehr schlecht (Note 5). Beim weit überwiegenden Teil der Ärzte waren wir folglich mit der Beratung erheblich unzufrieden.

Rechtsprechung und medizinische Fachgesellschaften stellen an die Aufklärung vor Operationen, die medizinisch nicht notwendig sind – und dazu gehören Schönheitsoperationen immer – besonders hohe Anforderungen. Auf drei Aspekte haben wir uns konzentriert: Erstens soll der Arzt die Motiva­tion der Patientin intensiv hinterfragen, also die Begründung für die Operation (Indikation); zweitens soll er im Rahmen der medizinischen Aufklärung die Risiken des Eingriffs besonders betonen; und drittens muss er über Kosten und mögliche Folgekosten umfassend informieren. Kein Arzt erfüllte alle drei Kriteriengruppen einwandfrei.

  • 7 Ärzte fragten nach der Motivation der Patientin, 3 von ihnen hinterfragten jedoch ihre lapidare Antwort, sie sei einfach mit ihrem Busen unzufrieden, nicht weiter. Und 19 Ärzte fragten gar nicht. Einer sagte sogar, ohne dass die junge Frau besonders große Brüste verlangt hatte: »Sie wollen groß? Sie kriegen groß!« Konkrete Empfehlungen zur Größe der Implantate, die einige Chirurgen äußerten, lagen zwei- bis dreifach über dem, was der uns beratende plastische Chirurg noch hätte verantworten können.
  • Die wichtigsten Risiken wurden nur von gut der Hälfte der Ärzte einigermaßen ausführlich erläutert, weniger wichtige noch weit seltener. 4 Ärzte spielten Risiken sogar herunter.
  • Nur 7 Ärzte erwähnten ausdrücklich, dass es zu kostspieligen Folgeoperationen kommen könnte. 19 Ärzte sprachen darüber gar nicht.

Wir erneuern unsere Forderungen an Ärzte, Fachgesellschaften, Politik und Patient(inn)en:

  • Ärzte, die Schönheitsoperationen anbieten, müssen in der Beratung und bei Operationen ethische Gesichtspunkte vor finanzielle stellen.
  • Die Fachgesellschaften und -verbände sollten Qualitäts­entwicklung und -sicherung gegenüber ihren Mitgliedern als Aufgabe ansehen und ernst nehmen.
  • Die Politik sollte Ärzte, die Schönheitsoperationen durchführen, veranlassen, ihre Aufgaben und Pflichten vollständig zu erfüllen. Auch sollte vor Schönheitsoperationen eine Beratung durch unabhängige Akteure erwogen werden.
  • Unabhängige wissenschaftliche Institute müssen die Folgewirkungen und Komplikationsraten nach ästhetischen Operationen systematisch erforschen und veröffentlichen.
  • Patientinnen und Patienten sollten sich vor Schönheitsoperationen – wie vor jeder medizinisch nicht indizierten Maßnahme – sorgfältig über ihre Motivation klar werden, eine ausführliche und vollständige Aufklärung einfordern sowie sich die möglichen Folgen und auch Folgekosten eines Eingriffs schon bei der Entscheidung schonungslos vor Augen führen.

Der vollständige Bericht ist hier (im pdf-Format) veröffentlicht.

Stand vom Freitag, 19. August 2011

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