»Die Praxisgebühr verhindert keine überflüssigen Arztbesuche, sondern nur die von armen Leuten« (Süddeutsche Zeitung, 12.12.2011). Damit ist die wichtigste Kritik an dieser Zuzahlung, die einmal im Quartal bei Haus- bzw. Fach- und Zahnärzten sowie in der Notfall-Ambulanz bezahlt werden muss, auf den Punkt gebracht.
In den Medien ist zur Zeit, wo die Politiker über eine Reform der Praxisgebühr nachdenken, immer wieder zu lesen, diese Zuzahlung erfülle »keine Steuerungswirkung«, die Menschen gingen, nach einem kurzen Rückgang der Arztbesuche nach ihrer Einführung 2004, längst wieder so häufig zum Arzt wie zuvor. Das mag in der Summe stimmen, im Detail jedoch haben Studien herausgefunden, dass vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen weniger zum Arzt gehen, während Wohlhabende sich von den zehn Euro im Quartal nicht abschrecken lassen (Gesundheitsmonitor der Bertelsmann-Stiftung, 2007). Die Praxisgebühr entfaltet also durchaus eine Steuerungswirkung, aber die falsche.
Wollen wir, dass Ärzte mehr Zeit für Gutverdiener haben und Arme sich zuhause kostenneutral selbst kurieren? Diese Hoffnung würde nicht aufgehen. Denn wer nicht zum Arzt geht, kann seine Krankheit verschleppen und muss später erst recht zum Arzt – oder gleich ins Krankenhaus, wo die Behandlung ein Vielfaches kostet und neue Risiken drohen, zum Beispiel Krankenhausinfektionen.
Die Politik sollte darüber nachdenken, ob Geld als Steuerungsmittel im Gesundheitswesen überhaupt taugt. Gehen die Menschen vielleicht zum Arzt, weil sie jemanden suchen, der sich kompetent um sie und ihr Leben kümmert? Wenn Ärzte das nur begrenzt können, sollten man andere Berufsgruppen bereitstellen, zum Beispiel Sozialarbeiter, Seelsorger, Gesundheitsförderer und Freizeitpädagogen. Oder sind die Menschen einfach heute kränker als vor zehn Jahren und brauchen mehr Arztbesuche? Dann müsste man die Ursachen herausfinden und abstellen.
Die Bundesregierung sagt, dass Arbeitnehmer mit durchschnittlichem Einkommen immer länger leben, während die Lebenserwartung der Armen stetig sinkt (Bundestagsdrucksache 17/7966). Dazu meint der Politologe und Armutsforscher Prof. Butterwegge aus Köln: »Der systematische Ausbau des Niedriglohnsektors führt dazu, dass die Menschen ungesünder leben – sie haben Angst, schlafen schlechter, die psychosozialen Probleme nehmen zu.« (Hamburger Morgenpost, 13.12.2011)
Geld ist also doch ein Steuerungsmittel für den Gesundheitszustand. Nicht durch eine andere Praxisgebühr, sondern über höhere Einkommen im Niedriglohnbereich könnten wir verhindern, dass die Menschen immer kränker werden – und wenn sie dann trotzdem häufiger zum Arzt gingen, wäre das sogar ein gutes Zeichen.
Stand vom Freitag, 16. Dezember 2011
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