Glaukom: Dollarzeichen im Auge

Stellen Sie sich vor, Sie gehen zum Augenarzt, um Ihre Sehschärfe bestimmen zu lassen. Schon beim Empfang wird Ihnen von der Fachkraft am Tresen ein Informationsblatt ausgehändigt, das Sie über eine empfohlene Untersuchung informiert – die Glaukom-Früherkennung, die von den Krankenkassen in den meisten Fällen nicht bezahlt wird. Auf der Rückseite sollen Sie mit Ihrer Unterschrift gleich Ihr Einverständnis erklären, diese Untersuchung selbst zu bezahlen.

Doch Sie wollen das nicht, schon gar nicht, bevor Sie den Arzt überhaupt zu Gesicht bekommen haben. Daraufhin werden Sie von der Sprechstundenhilfe aufgefordert, zu unterschreiben, dass Sie auf diese Untersuchung verzichten. Dafür ist extra ein Feld zum Ankreuzen vorgesehen.

Sie stutzen: Wozu eine Unterschrift, wenn Sie die Untersuchung doch gar nicht wollen? „Aus rechtlichen Gründen“, antwortet die Fachkraft. „Für den Fall, dass jemand später den Arzt dafür haftbar machen will, dass er den Hinweis auf diese Untersuchung vergessen hat, lassen wir uns das unterschreiben.“ Doch wäre diese Untersuchung medizinisch notwendig, würde sie dann nicht von der Krankenkasse bezahlt? Vielleicht geht Ihre Phantasie mit Ihnen durch: Muss ich jetzt auch unterschreiben, dass ich mich auf eigene Verantwortung weigere, meine Falten wegspritzen oder meine Brust vergrößern zu lassen? Wo führt das hin, wenn ich ab jetzt auch alles, was ich nicht will, unterschreiben muss?

Der Augenarzt kann Ihnen auch nicht genauer erklären, welche rechtlichen Gründe zwingend für diese Unterschrift sprechen – sein Berufsverband habe ihm das Abfordern einer Unterschrift aus rechtlichen Gründen empfohlen. Aber er erzählt Ihnen ausführlich, warum die Untersuchung medizinisch sinnvoll ist.

Sie wenden sich schriftlich an den Berufsverband der Augenärzte. Die erste Antwort bleibt ebenso unklar wie die des Arztes: Von „forensischen Gründen" ist die Rede und dann wieder von den medizinischen Gründen, von der Gefährlichkeit des Glaukoms oder Grünen Stars, der sich lange unerkannt entwickle, aber von verantwortungsvollen Augenärzten durch eine rechtzeitige „Vorsorgeuntersuchung“ vermieden werden könne.

Sie fragen beim Verband noch einmal nach: Ist schon mal ein Augenarzt verurteilt worden, weil er einen Patienten nicht über die Gefahr eines unerkannten Glaukoms und die Möglichkeit der Rettung durch rechtzeitige Früherkennungs-Untersuchung aufgeklärt hat? Die Antwort des Verbandsvorsitzenden fällt nun eindeutig aus: „Glücklicherweise kann ich Ihnen keinen gerichtsrelevanten Fall nennen, der sich auf eine mangelnde Aufklärung bezieht.“ Die "forensischen" (übersetzt: gerichtlichen) Gründe sind also gar nicht vorhanden, sondern nur vorgeschoben. In Wirklichkeit wird damit psychischer Druck aufgebaut. Patienten denken, diese Untersuchung sei Standard, vielleicht sogar Pflicht, und eine Weigerung etwas ganz Ungewöhnliches, vielleicht sogar Gefährliches.

Das sind Verkaufsmethoden, die man vom orientalischen Basar kennt, aber nicht in einer deutschen Arztpraxis erwartet. Gerade für Kassenpatienten sind sie gefährlich, denn die wollen beim Arzt „Sachleistungen“, die direkt mit ihrer Krankenkasse abgerechnet werden. Sie suchen das Vertrauen zu ihrem Arzt – und nicht, dass sie sich abgrenzen und schützen müssen vor Verkäufern, die sie zu etwas überreden wollen.

Und es ist Ärzten nach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) ausdrücklich verboten, Patienten zu medizinisch nicht notwendigen Privatbehandlungen zu drängen. Dort heißt es in § 1 Abs. 2, Satz 2 ausdrücklich:

„Leistungen, die über das Maß einer medizinisch notwendigen ärztlichen Versorgung hinausgehen, darf er [der Arzt] nur berechnen, wenn sie auf Verlangen des Zahlungspflichtigen erbracht worden sind.“

Noch deutlicher fordern das auch viele ärztliche Organisationen, etwa die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (Informationen zur Privatliquidation bei GKV-Versicherten, Stand April 2011). Sie schreibt:

„Die Initiative für die Privatbehandlung muss vom Patienten ausgehen. Der Vertragsarzt oder -psychotherapeut darf dem GKV-Patienten die private Behandlung weder vorschlagen noch ihn in irgendeiner anderen Form in diese Richtung drängen.“

Wie sinnvoll, wichtig und notwendig ist die Glaukom-Früherkennung?

Natürlich kann es sein, dass die Augenärzte Recht haben mit ihrer Meinung, die Glaukom-Früherkennungs-Untersuchung sei eigentlich ganz wichtig und es sei medizinisch gesehen fahrlässig, sie nicht ab dem 40. Lebensjahr regelmäßig durchführen zu lassen. Das wäre jedoch eine medizinische Begründung, keine forensische.

Und sollten sie tatsächlich Recht haben: Warum setzen sich die Ärzte dann nicht mit allen Mitteln dafür ein, dass die Untersuchung auch von den Kassen bezahlt wird? Immerhin haben Ärzte und Krankenkassen Ende 2004 gemeinsam beschlossen, die Glaukom-Untersuchung für die breite Bevölkerung (das "Screening") nicht in den Katalog der Kassenleistungen aufzunehmen. So heißt es in den Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA):

„Ein Glaukom-Screening kann auf Grundlage des gegenwärtigen Standes der wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht zur Früherkennung von Krankheiten (…) empfohlen werden.“

In der Begründung zu dieser Richtlinie werden dafür mehrere Argumente genannt. Zuerst wird dargestellt, dass die frühzeitige Behandlung das Fortschreiten eines Glaukoms durchaus bremsen kann. Allerdings könne man in einer überschaubaren Zeitspanne (von z.B. drei Jahren) nicht ermitteln, ob damit auch vermieden wird, dass die Betroffenen erblinden. Außerdem sei gegenwärtig unklar, welche Tests wie und an wem durchgeführt werden müssten, um über Sinn und Nutzen eines generellen Glaukom-Screenings zu entscheiden. Dafür brauche man „sehr lange Beobachtungszeiträume (vermutlich über 20 Jahre) und sehr große Patientenzahlen“.

Nun hätte man erwarten können, dass dann wenigstens eine solche Langzeitstudie auf den Weg gebracht worden wäre, um das irgendwann entscheiden zu können – ein Drittel der 20 Jahre wäre ja immerhin jetzt, Anfang 2012, schon vorbei. Doch die Mentalität von Politikern verhindert offensichtlich auch bei Ärzte- und Kassenvertretern in gesundheitspolitischen Gremien das Denken über einen Zeitraum von mehr als vier Jahren.

Weitere Begründungen für den Ausschluss des Glaukom-Screenings aus dem Katalog der Kassenleistungen gehen aus der Pressemitteilung vom 5. April 2005 zur Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses hervor: Das Glaukom sei keine eindeutige Krankheit, sondern eine Gruppe verschiedener Erkrankungen mit unterschiedlichen, teilweise unklaren Ursachen und wechselnden Symptomen, so dass ein einziger Test möglicherweise viele falsche Ergebnisse bringe. Dadurch würden einerseits zu viele Gesunde verdächtigt, krank zu sein, und unnötigen weiteren Untersuchungen unterzogen; andererseits aber auch möglicherweise wirklich Erkrankte nicht erkannt und nicht behandelt.

Wie kann es sein, dass Augenärzte auf der einen Seite und eine Koalition aus Ärzte- und Kassenvertretern im GBA auf der anderen Seite so unterschiedliche Meinungen zum selben Problem haben? Entweder versuchen die Augenärzte, mit einer lukrativen Untersuchung als Selbstzahlerleistung (IGeL) auf Kosten ihrer Patienten zusätzliches Geld zu machen; oder im höchsten Gremium unterhalb des Gesundheitsministeriums, dem GBA, werden aus irgendwelchen politischen oder lobbyistischen Gründen sachfremde Entscheidungen getroffen. Beides wäre nicht hinzunehmen in einer Demokratie, die sich zur Umsetzung des Bürgerwillens und zur Transparenz ihrer Entscheidungsprozesse verpflichtet hat.

Was bedeutet das für Sie und Ihren Augenarzt?

Fragen Sie Ihren Augenarzt, warum die Glaukom-Früherkennung nicht von Ihrer Krankenkasse bezahlt wird. Die Kassen übernehmen den Test beispielsweise bei Diabetikern, die schon Veränderungen am Auge aufweisen, und häufig auch wenn sie an einem speziellen Behandlungsprogramm für Diabetiker (Disease-Management-Programm, DMP) teilnehmen; bei Augenverletzungen; vor Augenoperationen, bei denen der Ausschluss einer Glaukomerkrankung notwendig ist; bei Beschwerden; bei Hinweisen auf eine Glaukomerkrankung sowie bei Patienten mit Cortisontherapie.

Zweitens: Weisen Sie ihn darauf hin, dass die Ärzte über die Kassenärztliche Bundesvereinigung jederzeit erneut die Möglichkeit haben, im Gemeinsamen Bundesausschuss die Aufnahme der Glaukom-Untersuchung in den Leistungskatalog der Krankenkassen zu beantragen – allerdings müssen sie das dann wohl besser mit wissenschaftlichen Ergebnissen begründen können als 2004.

Bis so ein Antrag gestellt ist und dann auch noch durchkommt, werden die Augenärzte Ihnen die Untersuchung allerdings als Selbstzahler-Leistung anbieten – und Sie müssen als mündige Kundin oder selbstbewusster Verbraucher entscheiden, ob Sie dem Druck nachgeben oder standhalten.

Stand vom Freitag, 6. Januar 2012

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