Homöopathie streichen?
Rettung unseres Gesundheitswesens?
Politiker von SPD, CDU und CSU fordern, dass Homöopathie nicht mehr von den Krankenkassen bezahlt werden darf. Die Therapie sei unwissenschaftlich und man könne durch die Streichung in erheblichem Maße Gesundheitskosten sparen. Was ist dran? Rettungsring für das Gesundheitswesen oder fiebriger Vorschlag im Sommerloch?
Die Homöopathie – die „sanften Kügelchen“ – geht auf die Lehre von Samuel Hahnemann (1755–1843) zurück. Die Idee, mit potenzierten Substanzen nach der Ähnlichkeitsregel Krankheiten zu heilen, die in diesem Jahr genau 200 Jahre alt ist, wird immer wieder in Frage gestellt.
Dazu muss man wissen:
- Erstens bringt es wenig, eine Heilmethode zur Streichung als Kassenleistung vorzuschlagen, die meist gar keine Kassenleistung ist. Fast alle homöopathischen Medikamente sind nicht verschreibungspflichtig und dürfen daher auch von den Kassen nicht mehr erstattet werden. Dafür hat 2003 die rot-grüne Bundesregierung gesorgt. Nur im Rahmen spezieller Verträge, zum Beispiel der sogenannten Integrierten Versorgung, kann Homöopathie doch Eingang in die Versorgung finden. Und über Wahltarife der Krankenkassen (§ 53 Abs. 5 SGB V) – allerdings ist im Gesetz ausdrücklich vorgeschrieben, dass die zusätzlichen Aufwendungen für Wahltarife aus deren Einnahmen, Einsparungen und Effizienzsteigerungen finanziert werden müssen (§ 53 Abs. 9 SGB V). Was soll es also bringen, sie zu streichen?
- Zweitens sind die homöopathischen Medikamente die preiswertesten, die es gibt. Ihr Anteil an den Gesamtausgaben für Arzneimittel beträgt nur 0,06 % – neun Millionen von 170 Milliarden (!) Euro, wie der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie vorrechnet (Spiegel online, 13.07.2010).
- Drittens muss man die Mediziner fragen, ob sie die Wirksamkeit von Heilmethoden wie der Homöopathie mit ihren Methoden überhaupt überprüfen können. „Wer heilt, hat recht“, ist das Credo der modernen sozialwissenschaftlich orientierten Wirkungsforschung. Das ist gut – es geht nicht mehr, wie früher, um die Frage, ob die Homöopathie überhaupt wirken könne, wenn in höheren Potenzen doch gar keine Moleküle mehr nachweisbar sind. Heute geht es eher pragmatisch zu. In großangelegten Studien werden zum Beispiel tausend Patienten mit Kopfschmerzen verglichen: Die Hälfte bekommt ein Scheinmedikament (Placebo), die andere ein homöopathisches. Wenn die zweite Gruppe nicht signifikant, also statistisch eindeutig schneller von ihren Schmerzen befreit wird, schließt man auf die Unwirksamkeit der Homöopathie. Dabei vergisst man aber, dass diese Heilmethode nicht Symptome behandeln will, sondern komplexe Menschen; dass ihr Ziel nicht die Beseitigung der Kopfschmerzen ist, wie in der allopathischen Schulmedizin, sondern dass sie deren Ursachen verändern will. Folglich bekommt auch nicht wie in der Allopathie jeder, der Kopfschmerzen hat, das gleiche homöopathische Medikament. Solche Unterschiede in den Grundlagen der Heilsysteme müssten sich auch in den Forschungsmethoden niederschlagen. Die Mediziner folgen indes unbeirrt dem Paradigma der „Evidence Based Medicine“, die in Deutschland nur auf sogenannte Doppelblind-Studien mit großen Patientengruppen setzt. Andere Methoden des nicht-statistischen Nachweises der therapeutischen Wirksamkeit am individuellen Patienten und die dazugehörigen Systeme klinischer Forschung werden von der offiziellen Wissenschaft nicht zur Kenntnis genommen – zum Beispiel die schon vor mehr als zehn Jahren vom Freiburger Institut für angewandte Erkenntnistheorie und medizinische Methodologie in die Diskussion gebrachte „Cognition Based Medicine“ (siehe www.ifaemm.de). Und die direkten Erfahrungen von Patienten werden erst recht ignoriert – immerhin haben 57 % der Bundesbürger Erfahrungen mit Homöopathie. Nach einer Studie des renommierten Instituts für Demoskopie Allensbach gehört ein Viertel der Bevölkerung zu den „überzeugten“, ein weiteres Viertel zu den „pragmatischen Verwendern“ homöopathischer Medikamente und Verfahren (www.ifd-allensbach.de).
Die Streichung der Homöopathie als preiswerte, sanfte und in vielen Fällen als wirksam erwiesene und erfahrene Methode ist also der falsche Weg. Sie würde bedeuten, den stark wirkenden und damit auch mit vielen Nebenwirkungen einhergehenden Medikamenten der chemischen Industrie das Feld zu überlassen. Kritiker sollten sich lieber einmal damit beschäftigen, wie diese Arzneimittel wirken, vor allem wenn ein Patient mehrere gleichzeitig einnimmt. Viele kritische Mediziner und Pharmakologen warnen vor der Einnahme von mehr als einem Medikament zur gleichen Zeit. Der Pharmakologieprofessor Jürgen Frölich, Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, wurde vor Jahren in der Bild-Zeitung mit dem Satz zitiert: „Die meisten Medikamente wurden nie mit mehr als einem oder zwei anderen Präparaten zusammen getestet. Was wir im Alltag erleben, ist der größte Menschenversuch aller Zeiten.“ Und: „Rund 15 Prozent aller notfallmäßigen Krankenhausaufnahmen in der inneren Medizin sind Arzneimittelnebenwirkungen bei Vielfachtherapie. Etwa 60.000 Menschen sterben jährlich sogar an Fällen von Wechsel- oder Nebenwirkungen.“
Man sollte einmal die Gesamtkosten für 15 % aller Notfälle in Krankenhäusern sowie 60.000 unnötige Todesfälle im Jahr vergleichen mit den Einsparungen, die die Streichung der Homöopathie als Kassenleistung ergeben würde.
Stand vom Mittwoch, 11. August 2010
zurück