Parkinson-Diagnose in fünf Minuten?

„Sie haben Parkinson, das sehe ich Ihnen an den Augen an. Nehmen Sie dieses Medikament, und wenn es hilft, dann ist die Diagnose sicher.” Eine 75-jährige Frau wurde mit dieser Aussage und der 5-Minuten-Diagnose „Parkinson” aus einer Praxis für Neurologie nahe ihres Wohnortes entlassen.

Nachdem der erste Schreck abgeklungen war, wurde der aktiven Rentnerin bewusst, dass diese recht schnell erfolgte Feststellung einer unheilbaren Krankheit ihr Leben künftig stark bestimmen und verändern würde. Das wollte sie nicht einfach stumm und geduldig hinnehmen und zumindest überprüfen. Die Frau wandte sich daraufhin an uns und wurde zur Patientin in unserem Neurologen-Check.

Begleitet von einer Angehörigen als Protokollantin besuchte die mutmaßliche Parkinson-Patientin 16 zufällig ausgewählten Hamburger Neurologen. Ihre Begleiterin notierte, was die Ärzte taten und sagten und welche Untersuchungs- und Beratungsqualität im Erstgespräch zu beobachten war. Besonders wichtig war auch, ob es den Ärzten gelang, der verunsicherten Patientin fachkundig und einfühlsam neue Perspektiven und neuen Lebensmut zu vermitteln.

So haben wir bewertet

Parkinson ist eine häufige neurologische Erkrankung. Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie beschreibt Leitsymptome wie Muskelsteifheit, Zittern in Ruhe und mangelnde Stabilität der Körperhaltung. Dazu können Begleitsymptome kommen. Die ärztliche Diagnose wird auf Basis der Anamnese und Untersuchung gestellt, indem andere Ursachen für die beobachteten Symptome ausgeschlossen werden.

Mithilfe der Parkinson-Leitlinie und nach Absprache mit zwei Referenzärzten erstellten wir eine Checkliste mit möglichst objektiven Bewertungskriterien, anhand derer wir die protokollierten Arztgespräche überprüften. Neben der Anamnese, die für die Klärung der Ursachen der Parkinson-Symptome unerlässlich ist, war uns vor allem die Aufklärung und Beratung der Patientin wichtig. Ebenso hoch bewerteten wir die Sozialkompetenz der Ärzte und die Einbeziehung der Patientin in die Therapieentscheidung. Außerdem wollten wir überprüfen, ob sich stadtteil- oder geschlechtsspezifische Unterschiede bezüglich der Neurologen erkennen lassen.

Bereits im Herbst 2014 zogen wir aus einer Liste der kassenärztlich tätigen Neurologen in Hamburg zufällig und unter juristischer Aufsicht eine Stichprobe von 22 Ärzten, wobei wir darauf achteten, dass Geschlecht und sozioökonomischer Status der Stadtteile in etwa gleich verteilt waren. Daraufhin wurden Termine vereinbart und die Besuchsreihe gestartet. Nach 16 Arztbesuchen konnte die 75-jährige Frau keinen weiteren Erkenntnisgewinn für sich sehen und weitere Arztbesuche wurden abgesagt. 15 Arztbesuche waren gültig.

Das sind die Ergebnisse

Parkinson tritt bei älteren Menschen zwar relativ häufig auf, die Diagnose abzusichern, ist für den Arzt aber mit etwas Aufwand verbunden. Die Besuchsreihe ergab, dass alle Ärzte relativ sorgfältig mit der Ratsuchenden umgingen und sich zwischen 15 und 50 Minuten Zeit für das Arztgespräch nahmen. Die Diagnose Parkinson wurde demnach nicht leichtfertig gestellt. Allerdings befragte und untersuchte fast keiner der Ärzte unsere Patientin so gründlich, wie es nach der Leitlinie der Fachgesellschaft und dem Rat unserer Referenzärzte hätte sein müssen.

Die Frau wurde außerdem in keinem Fall so in die Therapieentscheidung einbezogen, wie sie sich das gewünscht hatte. Einige Ärzte vermittelten zwar im Gespräch den Eindruck, als hätte die Patientin die Möglichkeit, die Entscheidung über die Therapie selbst zu treffen, ließen jedoch durchblicken, dass es für sie nur eine richtige Entscheidung gab. Mögliche Nebenwirkungen der verordneten Medikamente wurden nicht besprochen und ebenso wenig alternative Therapiemöglichkeiten genannt. Die sinnvolle Dosierung der Medikamente wurde eher vorgeschrieben als zusammen mit der Patientin besprochen. Fragen zu Sport- und Musikangeboten, die der Patientin gegen Symptome der Krankheit bereits geholfen hatten, blieben unbeantwortet. Nur eine Praxis empfahl der 75-Jährigen die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe, um besser mit dieser häufigen, bisher nicht heilbaren Krankheit umgehen zu können. Keiner der Ärzte hat von sich aus nachgefragt, ob die Testerin Auto fährt. Diese beiden letzten Aspekte wären jedoch im Arztgespräch wünschenswert und ein Zeichen dafür, dass Ärzte eine Krankheit mit dem Leben ihrer Patienten in Verbindung bringen und nicht isoliert davon betrachten.

Das Fazit: Die meisten Ärzte haben bei der 75-jährigen Patientin den Morbus Parkinson richtig diagnostiziert und sind dabei angemessen auf sie eingegangen. Aufklärung und Untersuchung waren aber teilweise zu oberflächlich.

Ärzte sollten Bedürfnisse und Wünsche der Patienten besser in die Therapie-Entscheidung einbeziehen und berücksichtigen, dass chronisch kranke Menschen nicht nur eine Behandlung der Krankheit brauchen, sondern auch psychosoziale Unterstützung, um damit umzugehen.

Praxischecks bei anderen Fachärzten

Neben den Neurologen haben wir in den zurückliegenden Monaten auch Dermatologen (Durchschnittsnote: 3,0), Augenärzte (3,5), Allgemeinmediziner (3,6), Orthopäden (3,9), Zahnärzte (3,8) und plastische Chirurgen (4,2) überprüft – teils mit enttäuschenden Resultaten und hohen Durchfallquoten.

Stand vom Mittwoch, 6. Januar 2016

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