Frauenärzte: Schlecht beraten in Sachen Verhütung

Viele Gynäkologen klären nur unzureichend über Verhütungsmethoden auf. Sie verharmlosen Risiken, verschweigen ungefährliche Alternativen und geben Werbebroschüren der Pharmaindustrie als Aufklärungsmaterial weiter. Wir haben in Zusammenarbeit mit dem ZDF-Magazin Frontal21 die Qualität der Verhütungsberatung in 28 Berliner Arztpraxen für Frauenheilkunde und Geburtshilfe untersucht. Unser Fazit: Drei Viertel der Frauenärzte schnitten demnach mit den Noten vier (ausreichend) und fünf (mangelhaft) ab.

Pille zu oft empfohlen

Durch Anti-Baby-Pillen der neuesten Generation steigt das Thromboserisiko und damit die Gefahr einer lebensgefährlichen Gefäßverstopfung. Dennoch äußerten sich viele Mediziner gegenüber den zwei Test-Patientinnen wie folgt oder ähnlich: „Ihre Tante hatte eine Thrombose? Nicht so schlimm. Nur wenn Vater oder Mutter betroffen wären, müssten Sie vielleicht mit der Pille vorsichtig sein.“

Auch Nachfragen zu Migränekopfschmerzen, die ebenfalls gegen die Einnahme der Pille sprechen, blieben in den meisten Arztpraxen aus. Lediglich sechs der besuchten Gynäkologen wollten von ihren Patientinnen mehr dazu wissen. Dabei hätten die Ärzte im Gespräch darauf hinweisen müssen, dass Migräne und vor allem solche mit Wahrnehmungsstörungen (Aura) die Empfängnisverhütung mit der Anti-Baby-Pille gefährlicher macht.

Alternativen selten benannt

Unzureichend war darüber hinaus die Information und Aufklärung zu harmloseren Verhütungsmethoden wie Spirale oder Kondom. Präservative mögen zwar für viele unbequem sein, haben aber den Vorteil, dass sie auch vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützen. Nur zwei Drittel der Ärzte kam jedoch auf solche Alternativen von sich aus zu sprechen.

Mehr als ein Drittel der Mediziner händigte dagegen Informationsmaterial der Pharmaindustrie aus. Nur fünf Ärzte gaben Material von unabhängigen Stellen weiter, etwa von Pro Familia oder der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Schlechte Beratung trotz langer Gespräche

Interessant ist auch, dass die Patientinnen durchschnittlich 14 Minuten im Sprechzimmer der Ärzte waren. Von Fünf-Minuten-Medizin kann also keine Rede sein. Nur fünf Ärzte nahmen sich weniger als 10 Minuten Zeit. Sechs Mediziner sprachen sogar länger als 20 Minuten mit unseren Probandinnen. Doch erstaunlich: Wer sich mehr Zeit ließ, war kaum besser. Der Arzt mit der besten Note beriet mit 17 Minuten um eine Minute schneller als der viert-schlechteste.

Unzureichende Beratung liegt also nicht wirklich daran, dass den Ärzten die Zeit für Gespräche nicht bezahlt wird, wie sie immer behaupten. Gut und schlecht zu beraten, gelingt in derselben Zeit, wie unsere Auswertung zeigt.

Leitlinie dringend erforderlich

Es ist erschreckend, wie wenig Informationen Gynäkologen von ihren Patientinnen einholen und wie schlecht sie diese aufklären. Gerade bei Behandlungen, die nicht aus Krankheitsgründen medizinisch indiziert sind, müsste die Aufklärung laut Rechtsprechung eigentlich besonders sorgfältig erfolgen. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Dabei kann eine unzureichende oder falsche Beratung in letzter Konsequenz sogar zu einem Behandlungsfehler und schweren Gesundheitsschäden führen. Doch dieser Umstand lässt sich schwer nachweisen, wenn keine Zeugen dabei waren und Ärzte nicht wie Anlageberater bei der Bank verpflichtet sind, ein Beratungsprotokoll zu führen, das die Patientin gegenzeichen muss.

Bislang mangelt es in Deutschland an einer Leitlinie der gynäkologischen Fachgesellschaften, die Ärzten aufzeigt, welche Fragen sie bei einer Verhütungsberatung zu stellen und welche Informationen sie weiterzugeben haben. Angesichts unserer Untersuchungsergebnisse bleibt zu hoffen, dass die für Ende dieses Jahres angekündigte Handlungsempfehlung tatsächlich ihren Zweck erfüllt.

Weitere Ärzte-Checks durchgeführt

Neben den Gynäkologen (Durchschnittsnote: 4,0) haben wir in den zurückliegenden Monaten auch Dermatologen (3,0), Augenärzte (3,5), Allgemeinmediziner (3,6), Orthopäden (3,9), Zahnärzte (3,8), plastische Chirurgen (4,2) und Neurologen überprüft – teils mit enttäuschenden Resultaten und hohen Durchfallquoten.

Stand vom Mittwoch, 20. Juli 2016

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