Patienten werden krank gemacht – wer ist schuld?

Plötzlich sind die Medien voll von Eingeständnissen: „Wir Krankenkassen schummeln ständig,” hatte Jens Baas, Arzt und Chef der Techniker Krankenkasse, am 9. Oktober 2016 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zugegeben. Rund eine Milliarde Euro würden jährlich ausgegeben – nicht für bessere Patientenversorgung, sondern für die Beeinflussung von Ärzten.

„Upcoding” wird das im Fachsprech genannt, wenn ein Arzt einem Patienten eine Krankheit bescheinigt, die er eigentlich nicht wirklich hat, nur um zu erreichen, dass seine Krankenkasse für ihn im internen Finanzausgleich ein paar Euro mehr bekommt. Wie das alles genau funktioniert, müssen wir hier nicht wiederholen, es wurde in allen Medien ausführlich beschrieben, sehr gut beispielsweise von Anette Dowideit in der Online-Ausgabe der Welt am 11. Oktober 2016 und von Dyrk Scherff auf FAZ Online am 17. Oktober 2016.

Welche Folgen hat das Geld-Gemauschel für Patienten?

Dieses Hin- und Her-Geschiebe von Geld der Versicherten hat eine Menge negative Auswirkungen:

  • Falsche Einträge in der Krankenakte: Wenn eine viel zu schwere oder gar nicht vorhandene Krankheit in der Akte steht, kann das zu einer falschen Weiterbehandlung durch andere Ärzte führen, die natürlich glauben, was ihre Kollegen schreiben.

  • Risikozuschlag bei Versicherungen: Wer eine Krankheit bescheinigt bekommt, die er gar nicht hat, kann Nachteile haben, wenn es beispielsweise um den Abschluss einer Versicherung geht. Für Krankheiten fallen bei manchen privaten Versicherungen – etwa Berufsunfähigkeits-, Kranken- und Pflegeversicherungen – Risikozuschläge an oder ein Versicherungsvertrag wird ganz verweigert.

  • Weniger Geld für Behandlungen: Wenn es stimmt, dass eine Milliarde Euro für die Beeinflussung von Ärzten verpulvert wird, fehlt dieses Geld für die Behandlung wirklich kranker Menschen, für die es eigentlich ausgegeben werden müsste. Sowohl die Gesetze verpflichten eigentlich dazu als auch der Wille derjenigen, die dieses Geld den Krankenkassen treuhänderisch übergeben haben: die Mitglieder. Doch daran scheinen sich die Krankenkassen einfach nicht zu halten.

  • Vertrauensverlust: Was sich da zurzeit vor unseren Augen abspielt, untergräbt das Vertrauen der Patienten in unser ach so hochgelobtes Gesundheitssystem. Wenn sich Krankenkassen benehmen wie Großkonzerne im Wettbewerb, dürfen sie sich – und wir uns – nicht wundern, wenn sie eines Tages wirklich privatisiert werden. Sie sind auf dem besten Weg dorthin.

Wer ist schuld an der Misere?

Die Politik hat in den letzten Jahrzehnten gründlich dafür gesorgt, dass unser Gesundheitswesen nach und nach zu einer Gesundheitswirtschaft wurde und für alle – Ärzte, Krankenhäuser, Pharmaindustrie, Krankenkassen und -versicherungen – der finanzielle Profit wichtiger ist als der gesundheitliche Gewinn ihrer Mitglieder, Versicherten und Patienten. Wer wirtschaftlichen Wettbewerb will, bekommt Konkurrenz aller Akteure – und zwar um Geld, nicht um Qualität.

Was können Patienten tun?

Schade, dass wir Patienten nur Zuschauer sind. Wären wir Akteure wie Ärzte und Krankenkassen, könnten wir die, denen es nur ums Geld geht, am Schopf packen, auf den Topf setzen, ihnen zeigen, wofür sie da sind – nämlich uns Patienten gute Behandlung zu sichern und die Krankenkassenbeiträge zweckentsprechend und sparsam auszugeben.

Leider wissen Sie als Patient in der Regel nicht, ob Ihr Arzt Sie gegenüber der Kasse kränker gemacht hat als Sie sind. Das können Sie nur herausfinden, wenn Sie sich Kopien Ihrer Krankenunterlagen besorgen – darauf haben Sie ein Recht (§ 630g BGB). Und Sie können sich eine „Patientenquittung“ geben lassen, die zeigt, was Ihre Ärzte für Sie gegenüber der Krankenkasse abgerechnet haben, auch das ist Ihr Recht (§ 305 SGB V) – bei Ihrer Krankenkasse über die letzten 18 Monate (§ 305 Absatz 1) oder direkt bei Ihren Ärzten (§ 305 Absatz 2).

Schreiben Sie uns, sollten Sie herausfinden, dass Sie Opfer solcher illegalen oder grenzwertigen Maßnahmen geworden sind (patientenschutz@vzhh.de)!

Stand vom Montag, 17. Oktober 2016

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