Schnäppchen nun auch auf Rezept?

Viele Medien berichten, der Europäische Gerichtshof (EuGH) habe die Preisbindung für verschreibungspflichtige Medikamente „gekippt”. Bislang gilt in Deutschland, dass ein verschreibungspflichtiges Medikament in jeder Apotheke und an jedem x-beliebigen Ort gleich viel kostet. Soll damit nun Schluss sein? „Gekippt” klingt, als ob die deutsche Preisbindung tatsächlich sofort vom Tisch wäre.

So schnell geht es vermutlich nicht. Allerdings dürfte das Urteil des EuGH längerfristig für einige Änderungen sorgen. Welche das in Deutschland sind, ist noch offen. Wir sehen zwei Möglichkeiten:

Szenario 1: Preisbindung fällt tatsächlich

In Deutschland fällt die Preisbindung wirklich und in stationären Apotheken und Versandapotheken wird der freie Preiswettbewerb auch für verschreibungspflichtige Medikamente eingeläutet. Den gibt es gegenwärtig innerhalb Deutschlands nur für Medikamente, für die kein Rezept nötig ist, für die verschreibungspflichtigen Arzneien dagegen nur bei ausländischen Versandapotheken. Diese Lösung könnte dazu führen, dass die Krankenkassen ihre Versicherten ermuntern, veranlassen (oder zu zwingen versuchen), verschriebene Medikamente wegen der günstigeren Preise nur noch bei ausländischen Versandapotheken zu bestellen.

Das könnte für beide Seiten positive Folgen haben: Die Versicherten müssten weniger zuzahlen, und die Kassen hätten weniger Ausgaben, weil die Medikamente günstiger werden.

Aber es wären auch verheerende Auswirkungen zu erwarten: Wer nicht im Internet zuhause ist (z.B. ältere und kränkere Mitbürger), müsste höhere Preise zahlen und fände nicht mehr die Apotheke um die Ecke. Denn zuerst werden vermutlich die kleineren Apotheken sterben, die der globalisierten Konkurrenz nicht standhalten können. Auch die persönliche Beratung in der Apotheke wird leiden, denn die ist vor Ort viel eher zu erwarten (und einzufordern) als übers Internet.

Szenario 2: Kein Versandhandel mehr

Der Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln wird in Deutschland grundsätzlich verboten. Dann wären Rezepte nur noch in Apotheken vor Ort einlösbar. Der Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe scheint diesem Ansatz laut Pharmazeutischer Zeitung wohlwollend gegenüber zu stehen.

Ein solches Verbot hätte aus Verbrauchersicht einen großen Vorteil: Rezepte könnten auf dem Weg zur Versandapotheke nicht mehr verloren gehen – was schon vorgekommen ist, wie das nachfolgende Beispiel zeigt.

Da hatte ein herzkranker Patient sein Rezept an eine ausländische Versandapotheke geschickt, aber das Medikament kam nicht. Er war jedoch dringend darauf angewiesen. Die Apotheke um die Ecke durfte es ihm ohne Rezept nicht geben; er musste nochmal zum Arzt gehen und den überreden, ihm ein neues Rezept auszustellen. Was der aber auch nicht gern tat. Schließlich hatte er demselben Patienten dasselbe Medikament vor wenigen Tagen schon einmal verschrieben – was geschieht denn nun mit dem verloren gegangenen ersten Rezept, in welchen Kanälen landet das…?

Zum Hintergrund

Ausgelöst wurde die EuGH-Entscheidung durch den Vertrag einer deutschen Selbsthilfeorganisation mit einer ausländischen Versandapotheke, die den deutschen Kunden für verschreibungspflichtige Medikamente sowohl die Zuzahlung erließ als auch einen weiteren kleinen Bonus gewährte. Das ist nach dem aktuellen Urteil jetzt weiterhin möglich. Allerdings dürfen nur ausländische Versandapotheken solche Nachlässe gewähren, für den innerdeutschen Warenverkehr gilt das Urteil nicht. Mit dieser Ungleichbehandlung werden weder die Politiker noch die deutschen Apotheken leben wollen. Deshalb ist eine Änderung absehbar.

Stand vom Montag, 24. Oktober 2016

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