„Vorsicht, Arzt!”

Vorsicht, Arzt!Normalerweise geben wir keine Buchempfehlungen. Aber hier schreibt uns eine Journalistin aus der Seele. Auf 220 Seiten beschreibt Anette Dowideit im Detail alle Widrigkeiten unseres Gesundheitssystems. Das zwar eines der besten der Welt sein soll, aber auch eines der teuersten ist und immer mehr zur Gesundheitswirtschaft wird, wo die Gesetze des Marktes gelten. Und Markt heißt immer: Es geht primär ums Geld.

Gleich im ersten Kapitel, ohne Vorwort, geht es um Korruption: Ein Privatdetektiv beschattet eine Radiologin, die anderen Ärzten in die Briefkästen ihrer Privathäuser Umschläge mit Geldscheinen steckt, damit sie ihre Patienten nur in ihre Röntgen- und Bestrahlungspraxis überweisen. Das tut der Detektiv nicht im Auftrag der Polizei, sondern eines anderen Radiologen, der sich im selben Gebiet niederlassen will, aber wegen der Bestechungspraxis fürchtet, keine Patienten zu bekommen.

Das mögen selbst wir kaum glauben, obwohl wir in der Patientenberatung so einiges hören. So geht es in dem Buch aber weiter. Alle skandalträchtigen Themen werden abgehandelt: die Selbstzahler- (oder IGeL)-Leistungen, Korruption durch Ärzte und Apotheker, die raffinierten Gelddruckmethoden der Pharmaindustrie, die Gefahr durch kranke Ärzte und durch Keime in Krankenhäusern, die ungleichen Chancen verschiedener Arztgruppen, die Verquickung zwischen Industrie und Forschung…

Erst auf den letzten zehn Seiten fragt die Autorin, was der einfache Patient dagegen tun kann. Viel fällt auch ihr nicht ein. Das System wird von oben gelenkt, der Fisch stinkt vom Kopf. „Brauchen wir ein anderes Gesundheitssystem?” fragt sie und schaut auf Systeme in Ländern, die stärker vom Staat kontrolliert werden, dabei aber auch transparenter sind. Und stellt fest, dass das auch Nachteile hat. Datenschutz verhindert Transparenz, und in Deutschland sind die Regeln des Datenschutzes besonders hoch, das wollen wir ja auch nicht aufgeben.

Ganz am Ende des Buches preist die Autorin das belgische Gesundheitssystem, in dem die Krankenkassen direkt mit den Ärzten verhandeln, ohne dass ärztliche Selbstverwaltungskörperschaften dazwischen stehen. Aber wollen wir, dass AOK, DAK, Barmer, TK usw. bestimmen, ob der 80-jährige Patient noch eine künstliche Hüfte bekommt? Sind das nicht, wie bei uns, eher ärztliche Entscheidungen? Ist unser System dann doch besser als sein Ruf?

Nicht, solange Ärzte auch hier immer mehr finanziellen Erwägungen folgen (müssen) als medizinischen. Wir brauchen ein System, das es Ärzten ermöglicht, „wieder mehr ans Wohl ihrer Patienten zu denken und weniger ans Geld, das sich mit diesen erzielen lässt”. Die ständigen kosmetischen Reparaturen, die jede neue Regierungskoalition veranlasst oder unterlässt, haben unser System nicht besser gemacht. Aber zu einem „großen Wurf” fehlt den Politikern bisher der Mut. Außerdem wissen sie nicht, wohin der Wurf gehen soll: zu einem noch freieren, deregulierteren System oder zu einem staatlicheren, kontrollierteren.

Neue Systeme fangen sowieso zuerst in den Köpfen an. Erst denken, dann handeln. Zum Denken ist dieses Buch schon mal eine sehr gute Anregung.


Anette Dowideit: Vorsicht, Arzt!
224 Seiten, gebunden/Schutzumschlag
ISBN: 9783864703867, Plassen Verlag
Erschienen am 24. Oktober 2016

Anette Dowideit ist Diplom-Volkswirtin und Absolventin der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft. Sie arbeitet seit 2004 bei der Zeitungsgruppe Die Welt.

Stand vom Donnerstag, 3. November 2016

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