Wie häufig pfuschen Ärzte?

Die Medizinischen Dienste der Krankenkassen haben heute durch ihren Spitzenverband MDS für das zurückliegende Jahr 2016 insgesamt 3.564 Behandlungsfehler bestätigt. Die Statistik der Bundesärztekammer berichtete bereits im März von 2.245 Behandlungsfehlern. Angenommen bei Gerichten gäbe es weitere 3.000 bestätigte Fälle, die nicht außergerichtlich beigelegt werden konnten – frühere Untersuchungen legen so eine Zahl nahe –, wäre die Anzahl der nachgewiesenen Behandlungsfehler ein Zeichen für eine extrem gute Qualität unseres Gesundheitswesens. Verglichen mit mehr als 700 Millionen medizinischen Behandlungen im Jahr (696 Millionen bei niedergelassenen Ärzten sowie 19,8 Millionen im Krankenhaus) läge die Quote bei gerade einmal 0,0012 Prozent. Kann das sein?

Wie viele Behandlungsfehler gibt es wirklich?

Die Dunkelziffer liegt mit ziemlicher Sicherheit weitaus höher. Das bestätigt selbst der MDS in seiner Pressemitteilung vom 30. Mai 2017: „Es ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, die systematisch erfasst und analysiert werden muss”, sagt PD Dr. Max Skorning, Leiter Patientensicherheit beim MDS. Dafür gibt es unserer Meinung nach etliche Gründe:

  • Erstens: Niemand ermittelt das tatsächliche Ausmaß an Fehlbehandlungen. Warum nicht? Interessiert es niemanden außer die Patienten, eine seriöse Dokumentation nach einheitlichen Kriterien durchzusetzen? Der MDS fordert konsequenterweise eine Meldepflicht für Behandlungsfehler und mehr Anstrengung bei ihrer wissenschaftlichen Erforschung.

  • Zweitens: Nur ein sehr kleiner Teil der mutmaßlichen Behandlungsfehler landet bei den Stellen, die so etwas zählen, den Schlichtungsstellen bzw. Gutachterkommissionen der Ärztekammern und den Medizinischen Diensten der Krankenkassen. Einige weitere werden vor Gerichten verhandelt, von dort gibt es jedoch keine belastbaren Zahlen. Die meisten Behandlungsfehler werden einfach nicht weiter verfolgt. Sei es, weil die Geschädigten nicht die Kraft für die langen und aufwändigen Auseinandersetzungen haben, sei es weil sie sich keinen Erfolg davon versprechen, oder beides.

  • Drittens: Die Anforderungen für den Nachweis eines Behandlungsfehlers sind enorm hoch und für durchschnittliche Patienten ohne Unterstützung kaum zu bewältigen.

Beweisen kann man die Höhe einer Dunkelziffer nie, dann wäre sie keine Dunkelziffer. Doch es gibt viele Hinweise darauf, dass sie hoch ist. Bei unserer Online-Umfrage zum „Verbraucherschutz-Pegel”, dessen Ergebnisse wir im März gemeinsam mit der Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz veröffentlichten, gaben von rund 1.000 Befragten fast 31 Prozent an, schon einmal eine Falschbehandlung beim Arzt erlebt zu haben. Eine erstaunlich hohe Zahl, auch wenn diese freiwillige Umfrage natürlich nicht repräsentativ ist. Sie lässt ganz anderes vermuten als die Statistiken der Ärzte und Krankenkassen.

Warum liegt die Dunkelziffer zu Behandlungsfehlern vermutlich so viel höher?

Anscheinend widerfährt vielen Patienten eine Fehlbehandlung, die wenigsten aber gehen der Sache weiter nach. Haben Sie Freunde oder Bekannte, die tatsächlich etwas unternommen haben, um ihren Fall aufzuklären, um Schadenersatz und Schmerzensgeld einzuklagen oder – noch wichtiger – um die Qualität des Anbieters zu verbessern? 

Das ist auch verständlich. Patienten wollen erstmal gesund werden, möchten keinen Ärger haben mit den Ärzten, den man doch vertraut und von denen man möglicherweise abhängig ist. Patienten glauben nicht daran, dass der Aufwand, einen Fehler aufzuklären und anzuzeigen, sich lohnt. Es gibt viele weitere nachvollziehbare Gründe.

Leider hat das Patientenrechte-Gesetz, das seit vier Jahren gilt, die Situation der Patienten kaum verbessert. Nach wie vor müssen sie selbst beweisen,

  1. dass sie geschädigt sind,

  2. dass der Arzt einen Fehler gemacht hat,

  3. dass der Fehler auch den Schaden verursacht hat.

Den Aufwand, dies mit Hilfe einer Schlichtungsstelle, eines bei der Krankenkasse einzufordernden MDK-Gutachtens oder gar vor Gericht zu verfolgen, scheuen immer noch die allermeisten Patienten.

Das fordern wir von der Politik

Vor allem muss es für Patienten einfacher werden, den Verdacht eines Behandlungsfehlers zu verfolgen. Sie brauchen:

  • weitere juristische Erleichterungen beim Nachweis eines Fehlers,

  • bessere und flächendeckende Unterstützungsangebote.

Dafür müssen strukturelle Voraussetzungen geschaffen werden:

  • eine Meldepflicht für Behandlungsfehler,

  • mehr Forschung zu den Fehlerursachen.

Wer hilft?

Wer rechtsschutzversichert ist, kann sich gleich an einen Anwalt wenden. Ansonsten empfehlen wir erst einmal unsere kurzgefasste Broschüre „Falsch behandelt – was tun?”, die wir auch in türkischer und russischer Sprache anbieten. Außerdem das ausführlichere Buch „Ihr gutes Recht als Patient”. Und wenn das nicht reicht: unsere Patientenberatung.

Stand vom Dienstag, 30. Mai 2017

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