Zahlen bis der Arzt kommt

Die Pläne der Bundesregierung zur Kostenerstattung bedeuten, dass mehr gesetzlich versicherte Patienten ihre Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte zunächst selbst bezahlen und sich danach den Rechnungsbetrag von ihrer Krankenkasse erstatten lassen sollen. Was sich auf den ersten Blick so harmlos anhört, ist bei näherem Hinsehen für Verbraucher höchst folgenreich.

Vorkasse schadet den Patienten

Auch jetzt schon können sich gesetzlich Versicherte für die Kostenerstattung entscheiden. Das tun aber nur weniger als 1 % der Versicherten. Wenn der Verbraucher sich für die Kostenerstattung entscheidet, rechnet der Arzt jede einzelne erbrachte Leistung nach der privatärztlichen Gebührenordnung (GOÄ) mit 2,3-fachem Satz ab. Das bedeutet, der Arzt bekommt mehr als das Doppelte der bisherigen Einnahmen. Die Kasse darf dem Patienten bei Anwendung der Kostenerstattung aber nur den gesetzlich festgelegten Betrag erstatten. So entstehen hohe Differenzbeträge von mehr als 50 %, auf denen der Verbraucher letztlich sitzen bleibt.

Im Vergleich zur GKV laufen den Privaten Krankenkassen die Kosten auf dramatische Weise davon, sie müssen ihren Versicherten von Jahr zu Jahr immer höhere Prämien in Rechnung stellen. Ein Grund: Ärzte behandeln Privatpatienten nicht nur unter gesundheitlichen, sondern auch unter Ertragsgesichtspunkten, zulasten der Versicherten. Diese Entwicklung droht mit der Kostenerstattung auch den gesetzlich Versicherten.

Beispiel für die gravierenden finanziellen Folgen der Vorkasse

Eine 68-jährige Frau geht mit Sehstörungen zum Augenarzt. Dort wird ein Glaukom (Grüner Star) diagnostiziert. Da sie sich für Kostenerstattung entschieden hat, erhält sie eine Honorarrechung. Diese beträgt 409 €, denn der Arzt hat nach GOÄ (2,3-fachem Satz) abgerechnet. Ihre Krankenkasse übernimmt davon 72 €, so dass sie für den Differenzbetrag von 337 € selbst aufkommen muss.

Das Interesse der Ärzte an der Kostenerstattung

Die Bundesregierung plant, die Bindungsfrist für Kostenerstattung von einem Jahr auf drei Monate zu verkürzen. Ärzte haben ein ökonomisches Interesse, dass sich Patienten für das Vorkasse-Modell entscheiden. Es droht ein massives Drängen der Patienten in die Kostenerstattung für zunächst ein Quartal, um bei der Terminvergabe in der Arztpraxis bevorzugt zu werden. Wer sich gegen dieses Abrechnungsverfahren entscheidet, hat dann das Nachsehen und muss sich bei manchen Ärzten auf längere Wartezeiten einstellen. Von der von Bundesgesundheitsminister Rösler ins Feld geführten Freiwilligkeit kann da kaum die Rede sein. Vorkasse beim Arzt bedeutet dann Vorfahrt für den vollen Geldbeutel.

Befragungen haben gezeigt, dass Privatversicherte im Gegensatz zu gesetzlich Krankenversicherten deutlich häufiger den Eindruck haben, dass bei ihnen nicht notwendige Untersuchungen und Behandlungen durchgeführt werden. Dieses Risiko wird für Verbraucher, die für die Vergütung der ärztlichen Leistung Kostenerstattung wählen, stark ansteigen.

Leistungstransparenz durch Patientenquittung

Nun wird für die Kostenerstattung ins Feld geführt, dass dadurch Kostentransparenz hergestellt wird. Patienten sollten, so heißt es, wissen, was eine Behandlung kostet. Dieses Ziel lässt sich aber auch ohne Vorkasse erreichen: durch eine Patientenquittung. Diese darf allerdings nicht eine einfache Aufstellung der Beträge sein, sondern muss eine Information über die erbrachten Leistungen enthalten.

Das Recht auf eine Patientenquittung gibt es bereits

Wer die Patientenquittung haben will, kann sie schon heute bekommen. Der Paragraph 305 des fünften Buches Sozialgesetzbuch nennt zwei Möglichkeiten: Entweder Sie bitten Ihre Krankenkasse um Auskunft darüber, was im vergangenen Kalenderjahr in Ihrem Namen von Ärzten abgerechnet wurde (Abs. 1). Das geschieht ohne dass Ihre Ärzte davon erfahren und ohne dass Ihre Krankenkasse sehen darf, was in diesem Brief steht. Oder Sie fordern Ihren Arzt oder das Krankenhaus direkt nach der abgeschlossenen Behandlung auf, Sie über die bei der Krankenkasse abgerechneten Leistungen und deren vorläufige Kosten zu unterrichten (Abs. 2). Die Praxisverwaltungssysteme der Vertragsärzte (also der Ärzte, die Sie als Kassenpatient auf Kassenkosten behandeln dürfen) unterstützen den Ausdruck solcher Patientenquittungen.

Falls Ihr Arzt oder Krankenhaus nicht gewillt ist, Ihnen mindestens nach Ende des Quartals (des Kalendervierteljahres) eine Patientenquittung auszustellen, beschweren Sie sich bei der Kassenärztlichen Vereinigung Ihres Bundeslandes – und sicherheitshalber auch bei Ihrer Verbraucherzentrale.

Patientenquittung als Leistungsnachweis

Selbst wenn die Patientenquittung nur begrenzt geeignet ist, Sparsamkeit und Kostenbewusstsein bei Patienten zu erzeugen, hat sie doch einen anderen positiven Effekt: Die Ärzte merken, dass jemand zuschaut. Sie könnten es dadurch schwerer haben, auf Kosten Ihrer Krankenkasse Leistungen abzurechnen, die sie gar nicht erbracht haben. Wie häufig so etwas passiert, wissen wir nicht, aber durch Überprüfungen der Krankenkassen ist bekannt, dass es geschieht. Nicht primär zur Kostentransparenz, sondern als Leistungsnachweis hat die Patientenquittung einen Sinn. Damit kann der Patient im Anschluss an die ärztliche Behandlung nachvollziehen, was der Arzt bei seinem Besuch gemacht hat und welche Leistungen er gegenüber seiner Krankenkasse abrechnen wird. Das schafft ein Bewusstsein für die Tätigkeit des Arztes und festigt das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Und als Nebeneffekt ist es eine Kontrolle derjenigen Ärzte, die ihr Abrechnungsverhalten ein wenig freiheitlich gestalten. Warum sollten nur die Krankenkassen die unangenehme Aufgabe haben, Ärzte zu kontrollieren? Patienten sind schließlich die einzigen, die beim Arztbesuch dabei sind.

Hier können Sie ein Merkblatt zum Thema Kostenerstattung bestellen.

Stand vom Mittwoch, 24. Oktober 2012

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