Wann muss die Fluggesellschaft zahlen?

Wird Ihr Flug kurzfristig annulliert oder verspätet er sich um mehr als drei Stunden, haben Sie ein Recht auf Ausgleichszahlungen von bis zu 600 Euro. Dabei ist es völlig egal, ob Sie als Fluggast das Ziel Ihrer Reise verspätet erreichen, weil Ihr Flieger gestrichen wurde, überbucht war oder einfach zu spät gestartet ist. Denn am Ende haben Sie immer die gleichen Unannehmlichkeiten, wenn Sie nicht rechtzeitig abheben – so sehen es der Europäische Gerichtshof (Urteil vom 19. November 2009) und der Bundesgerichtshof (Urteil vom 18. Februar 2010; Az. Xa ZR 95/06).

Ihr Anspruch auf eine Ausgleichzahlung entfällt nur dann, wenn die Annulierung oder Verspätung Ihres Fluges die Folge von „außergewöhnlichen Umständen“ ist.

Wann muss die Fluggesellschaft nicht zahlen – welche Umstände sind außergewöhnlich?

„Außergewöhnliche Umstände“ sind Umstände, die sich auch dann nicht hätten vermeiden lassen, wenn alle zumutbaren Maßgaben ergriffen worden wären. Das können zum Beispiel sein:

  • Unwetter

  • Vogelschlag

  • Sperrung des Luftraums bzw. Flughafens

  • unvermeidbare Sicherheitsrisiken oder politische Instabilität

Doch die genannten Umstände bilden die Ausnahme. Ein Großteil der von den Fluggesellschaften aufgeführten Umstände ist nach Ansicht der Gerichte nicht außergewöhnlich.

Wann muss die Fluggesellschaft zahlen – welche Umstände sind nicht außergewöhnlich?

Immer wieder geben Luftfahrtunternehmen fadenscheinige Begründungen ab, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. Da wird so manches Ereignis zu einem „außergewöhnlichen Umstand“ erklärt. Diese Umstände sind es definitiv nicht:

  • Ist das Flugunternehmen nicht ausreichend auf extreme Wetterbedingungen vorbereitet und hat zum Beispiel nicht für genügend Enteisungsmittel für das Flugzeug gesorgt, dann liegt dies in der Verantwortung der Fluggesellschaft (Brandenburgisches Oberlandesgericht, Urteil vom 19. November 2013, Az. 2 U 3/13).

  • Eine Entschädigung erhalten Sie auch, wenn ein Crew-Mitglied oder der Pilot wegen Krankheit ausfällt und daher nicht fliegen kann (AG Königs Wusterhausen, Urteil vom 1. Juni 2012, Az. 9 C 138/12).

  • Auch bei einem technischen Defekt darf die Fluggesellschaft nicht einfach die Zahlung einer Entschädigung verweigern, beispielsweise bei einem defekten Kerosinfilter (AG Rüsselsheim, Urteil vom 18. April 2013, Az. 3 C 2265/12) oder einem notwendigen Getriebeaustausch (AG Simmern, Urteil vom 6. Januar 2012, Az. 3 C 732/11). Grundsätzlich kommt eine Entlastung des Flugunternehmens nur dann in Betracht, wenn die technischen Probleme auf tatsächlich unbeherrschbare Vorkommnisse zurückzuführen sind, die nicht Teil der normalen Tätigkeit eines Luftfahrtunternehmens sind, wie zum Beispiel versteckte Fabrikationsfehler, Sabotageakte oder terroristische Handlungen.

  • Der Zusammenstoß von einem Treppenfahrzeug mit einem Flugzeug und eine dadurch entstehende Verspätung ist ein alltäglicher Teil der Ausübung einer Fluggesellschaft und daher kein außergewöhnlicher Umstand (Europäischer Gerichtshof, Beschluss vom 14. November 2014, Az. C-394/14).

  • Ein Streik der Piloten, der Fluglotsen oder gar ein Generalstreik ist ein außergewöhnlicher Umstand und muss von der Fluggesellschaft nicht entschädigt werden. Führt eine streikbedingte Umorganisation des Flugplans allerdings dazu, dass Sie als Passagier einer Folgemaschine, die an sich nicht vom Streik betroffen ist, am Boden bleiben müssen, so steht Ihnen in der Regel eine Entschädigung zu (Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 4. Oktober 2012, Az. C-22/11).

Wie viel Geld muss die Fluggesellschaft zahlen?

  • bei Flügen mit einer Entfernung bis zu 1.500 Kilometern: 250 Euro

  • bei innergemeinschaftlichen Flügen (Abflugsort wie auch der Ankunftsort liegen innerhalb der Europäischen Union) mit einer Entfernung über 1.500 Kilometern und bei sonstigen Flügen mit einer Entfernung zwischen 1.500 und bis zu 3.500 Kilometern: 400 Euro

  • bei nicht-innergemeinschaftlichen Flügen mit einer Entfernung ab 3.500 Kilometern: 600 Euro

Eine 50-prozentige Kürzung der Ausgleichsansprüche ist möglich, wenn Ihnen ein Alternativflug angeboten wurde und Sie Ihr Endziel nicht später als zwei (bis 1.500 km Entfernung), drei (innergemeinschaftliche Flüge ab 1.500 km bzw. sonstige Flüge zwischen 1.500 km und 3.500 km Entfernung) bzw. vier Stunden (bei nicht-innergemeinschaftlichen Flügen ab 3.500 km) nach dem ursprünglich vereinbarten Zeitpunkt erreicht haben.

Gegen wen richte ich meine Ansprüche?

Ihre Ansprüche müssen Sie gegenüber der Fluggesellschaft geltend machen – nicht gegenüber dem Reiseveranstalter oder dem Reisebüro. Lediglich im Rahmen von Pauschalreisen berechtigen Flugverspätungen unter Umständen zur Minderung des Preises bzw. zum Rücktritt vom Reisevertrag gegenüber gegenüber dem Veranstalter.

Haben Sie noch Fragen?

Sie haben Probleme mit einer Fluggesellschaft, kommen Sie in unsere Rechtsberatung. Hier finden Sie eine Übersicht unserer Beratungsangebote und -zeiten.

Stand vom Mittwoch, 12. Juli 2017

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