Programmierter Verlust

Durch den Abschluss von Kapitallebens- und privaten Rentenversicherungen haben Verbraucher in den letzten 10 Jahren bis zu 160 Milliarden Euro Verlust erlitten. Das ergibt eine Studie von Professor Andreas Oehler von der Universität Bamberg.

Grundlage der Untersuchung waren 1.115 Fälle gekündigter Verträge von Verbrauchern, die sich in den letzten Jahren Hilfe suchend an die Verbraucherzentrale Hamburg gewandt hatten. Danach ergibt sich durch die Hochrechnung mit Zahlen des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft bei einer Stornoquote von 6 Prozent und einen Vergleich mit sicheren Anlageformen ein Schaden von 160 Milliarden Euro zwischen 2001 und 2010, also 16 Milliarden Euro im Jahr.

Nach den Erkenntnissen der Verbraucherzentrale sind bei den auf Jahrzehnte angelegten Verträgen Abbrüche aufgrund falscher Beratung, wegen Arbeitslosigkeit, Scheidung, Krankheit, Existenzgründung, Immobilienerwerb oder der Erkenntnis, dass ein schlechter Vertrag unterschrieben wurde, die Regel und nicht die Ausnahme. Hohe Kosten und eine für die Versicherungskunden nachteilige Verrechnung der Kosten mit den von ihnen gezahlten Prämien führen dazu, dass dann oft gar kein Geld ausgezahlt wird oder dass der sogenannte Rückkaufswert deutlich geringer ist als die Einzahlungen.

„Weder die Versicherungsreform von 2008 noch die erfreuliche Tendenz in der Rechtsprechung, nach der den Verbrauchern unter Umständen ein Teil des Schadens ersetzt wird, haben diesen Missstand bislang befriedigend beseitigt“, sagt Günter Hörmann, Geschäftsführer der Verbraucherzentrale Hamburg, und beklagt: „Die Verbraucher sparen sich das Geld für ihre private Vorsorge oft vom Munde ab. Doch im Alter steht es ihnen nicht zur Verfügung, weil es fehlgeleitet wird“. Wenn der Gesetzgeber sich rühme, etwas gegen Schäden der Anleger durch den sogenannten Grauen Kapitalmarkt unternommen zu haben, seien doch hier die Verluste um ein Vielfaches höher.

„Wenn Verbraucherinnen und Verbraucher vorzeitig aus Lebensversicherungen aussteigen, entsteht den meisten ein erheblicher finanzieller Verlust“, so die Hamburger Verbraucherschutzsenatorin Cornelia Prüfer-Storcks, und weiter: „Die Gründe für den Ausstieg reichen von zu hohen monatlichen Belastungen bis zu übertrieben langen Laufzeiten. Als Schutz vor finanziellen Schäden oder aufwendigen Rechtsstreitigkeiten muss es eine ausreichende und verständliche Information über die Vor- und Nachteile der Versicherung vor Vertragsabschluss geben. Hier fehlt es aber noch an einer hinreichenden Aufklärung, damit wirklich jeder in die Lage versetzt wird, individuell die für ihn richtige Entscheidung zu treffen. Hamburg wird sich als Vorsitzland der Verbraucherschutzministerkonferenz 2012 für entsprechende Verbesserungen einsetzen.“

Gerd Billen, Vorstand Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv): „Das Beispiel offenbart dramatische Missstände am Finanzmarkt und deren milliardenschwere Folgen. So etwas kann nur mit Hilfe einer verbrauchernahen Marktkontrolle aufgedeckt werden. Hier sind die Lehren aus der Finanzkrise noch nicht gezogen. Wir brauchen eine staatliche Finanzaufsicht, die auch den Verbraucherschutz zum Ziel hat. Daneben benötigen wir dringend eine systematische Marktbeobachtung in Form eines Finanzmarktwächters – als Sensor und kollektiver Interessenvertreter der Verbraucher. Mit einer effektiven Aufsicht und einem funktionierenden Frühwarnsystem können falsche Anreize, unfaire Vertriebsmethoden und schädliche Produkte unterbunden werden.“

Weitere Informationen zu Hintergründen, Rechtsprechung und Verbrauchertipps bei gekündigten Lebens- und Rentenversicherungen finden Sie hier.

Die Aktion der Verbraucherzentrale zu den Verlusten bei Kapitallebens- und Rentenversicherungen ist Teil der Initiative Finanzmarktwächter. Näheres dazu unter www.vzbv.de.

Aufgeben kostet Milliarden?

So oder ähnlich lauten manche Schlagzeilen, die sich mit unserer Studie beschäftigen. Doch das kann zu Missverständnissen führen. Um es klar zu sagen: Wer eine Kapitallebens- oder private Rentenversicherung abschließt, hat schon verloren. Denn drei von vier Kunden müssen später aussteigen. Und niemand weiß, ob er dazu gehört. Bei Ausstieg wird der Verlust nur offenbar. Das schlechte Geschäft ist also programmiert. Nicht der Ausstieg oder das Aufgeben kostet also Milliarden, sondern der Abschluss. Durchhalten um jeden Preis ist im Übrigen keine Lösung. Im Einzelfall kann die Kündigung unter Verlusten sogar die beste Lösung sein. Wenn etwa eine teurer Dispo zurückgezahlt werden kann und dadurch neu mit einer - vernünftigen - Geldanlage begonnnen werden kann. Um hier die richtige Entscheidung zu treffen, empfehlen wir, sich von der Verbraucherzentrale beraten zu lassen.

Übrigens: Auch wer seinen Vertrag über Jahrzehnte brav bedient und regulär ablaufen lässt, wird mit mageren Zinsen abgespeist!

Stand vom Mittwoch, 6. November 2013

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