Lebensversicherung: So gibt's Nachschlag

Vertragsklauseln zum Rückkaufswert von Lebens- und Renten­versicherungen sind unwirksam. Sie können Geld zurückfordern. So geht's:

Die Ausgangslage

Sie mussten Ihre Lebens- oder private Rentenversicherung kündigen? Damit sind Sie kein Einzelfall. Aus fast 80 Prozent der Verträge steigen Versicherte vorzeitig aus. Nicht aus Leichtsinn, sondern meistens weil ihnen weniger Geld zur Verfügung steht – durch die Trennung vom Lebenspartner beispielsweise, Arbeitslosigkeit oder den Kauf einer Immobilie. Oder weil sie erkannt haben, dass sie einen schlechten Vertrag unterschrieben haben.

Das Problem

Mit der Kündigung kommt der Schock. Viele Betroffene erhalten von ihrem eingezahlten Geld kaum etwas zurück. Warum, fragen Sie sich? Schuld sind die hohen Abschlusskosten und deren nachteilige Verrechnung. Versicherungsnehmer zahlen nämlich mit ihren Prämien zunächst die Provisionen für die Vertreter, bevor sie überhaupt mit dem Sparen beginnen. Das Ergebnis sind geringe Rückkaufswerte, wenn der Vertrag vorzeitig gekündigt wird. Das ändert sich mit den Urteilen des Bundesgerichtshofs (BGH), die die Verbraucherzentrale Hamburg erstritten hat. Versicherte haben demnach Anspruch darauf, zumindest knapp die Hälfte der eingezahlten Beiträge zurück zu erhalten. Auch dann, wenn sie den Vertrag schon nach kurzer Zeit gekündigt haben.

Die Rechtslage

Da die höchsten Richter unserer Auffassung folgten, haben nun Millionen Verbraucher Anspruch auf Nachzahlung. Der BGH hat 2012 in insgesamt vier Gerichtsurteilen Klauseln verschiedener Versicherungsunternehmen für unwirksam erklärt. Die Versicherer hatten diese angewendet, wenn Kunden ihre Kapitallebensversicherung oder private Rentenversicherung kündigten. Die Urteile haben Signalwirkung für die gesamte Versicherungsbranche – und sie gelten auch für fondsgebundene Lebens- und Rentenversicherungen. Aber: Durch die Urteile werden die Nachteile im Falle einer Kündigung nicht völlig ausgeglichen, sondern nur etwas gemildert.

Die Urteile und weitere Hintergrundinformationen zum Nachlesen...

Was muss ich tun?

Wir schätzen die Summe, die von der Versicherungswirtschaft an ihre ehemaligen Kunden erstattet werden muss, auf mehr als eine  Milliarde Euro pro Jahr. Wir fordern die Versicherer zum Rückruf der Verträge und zur eigenständigen Erstattung der den Kunden zustehenden Beträge auf. Das verweigert die Branche. Kunden sollten daher ihre Ansprüche gegenüber ihrem Versicherer anmelden.

Ist mein Vertrag betroffen?

Grundsätzlich betreffen die Urteile alle Verbraucher mit Verträgen, die ab 1995 abgeschlossen und seither wieder gekündigt - bzw. beitragsfrei gestellt - wurden.

Was sollte ich überprüfen?

Nehmen Sie die Abrechnungsunterlagen zur Hand, die Ihnen der Versicherer nach der Kündigung geschickt hat – und überprüfen Sie folgendes:

  • Hat mein Versicherer einen Stornoabzug vorgenommen?
    Das ist laut BGH unzulässig.

  • Habe ich zumindest knapp die Hälfte der eingezahlten Beiträge zurückbekommen?
    Knapp 50 Prozent der eingezahlten Beträge müssen dem Versicherten laut BGH erstattet werden.

    Beispiel: Ein Versicherter hat pro Monat 100 Euro in seine Lebensversicherung eingezahlt. Der Vertrag wurde nach 18 Monaten gekündigt. Der Rückkaufswert betrug null Euro. Nach der Formel des Bundesgerichtshofs ist das unzulässig. Der Kunde kann knapp die Hälfte der eingezahlten Beiträge in Höhe von 1.800 Euro verlangen, ihm steht somit eine Rückzahlung von rund 850 Euro zu. Zusätzlich ist der Stornoabzug zu erstatten.


Wie mache ich meine Ansprüche geltend?

Sie haben nach der Kündigung nichts oder deutlich weniger als die Hälfte ihrer Beiträge zurückgezahlt bekommen? Dann berufen Sie sich auf die BGH-Urteile und fordern Sie von Ihrem Versicherer Geld zurück.

Vervollständigen Sie unseren Musterbrief Rückkaufswert (Download 90 Cent) und senden Sie das Schreiben an Ihren Versicherer.
Eine Kopie schicken Sie bitte an uns: Verbraucherzentrale Hamburg, Kirchenallee 22, 20099 Hamburg oder per E-Mail: versicherungen@vzhh.de. Wir bekommen auf diese Weise einen Überblick über Nachforderungen und können Sie mit weiteren Informationen zum Thema Rückkauf von Versicherungen versorgen.

Informieren Sie auch betroffene Verwandte, Bekannte und Freunde über die Gerichtsurteile und ermuntern Sie sie, sich mit unserem Musterbrief an ihren Versicherer zu wenden. Viel zu wenige Betroffene machen ihren Anspruch geltend. Die Versicherer freut's: Sie sparen Geld.

Was kann ich tun, wenn der Versicherer sich weigert?

Nicht selten verweigern die Versicherer weitere Nachzahlungen. Einige Gründe sind stichhaltig, andere nicht. Prüfen Sie, was in Ihrem Fall zutrifft:

 

  • Der Vertrag wurde zwischen 1995 und Sommer/Herbst 2001 abgeschlossen.
    Mehr dazu...

  • Der Vertrag wurde 2011 oder früher gekündigt und der Versicherer sagt, meine Ansprüche seien verjährt.
    Mehr dazu…

  • Der Vertrag wurde 2008 oder später abgeschlossen.
    Mehr dazu...

  • Es handelt sich um einen „UPR”-Vertrag (Unfallversicherung mit Prämienrückgewähr).
    Mehr dazu...

  • Es handelt sich um eine „Direktversicherung” (über den Arbeitgeber).
    Mehr dazu...

  • Der Versicherer lässt die gesetzte Frist verstreichen und meldet sich einfach nicht.
    Was Sie tun können...

Weitere Fragen und Antworten

  • Gelten die Urteile auch für „vermögenswirksame Leistungen”?
    Weiterlesen...


Wie kann ich mich individuell beraten lassen?

Wenn Sie keine oder nur eine unbefriedigende Antwort von Ihrem Versicherungsunternehmen bekommen haben, können Sie Ihren Vertrag und die Antwort Ihres Versicherers von uns prüfen lassen. Wir geben Tipps für weitere Schritte.

Welche Vorgeschichte steckt hinter den Gerichtsprozessen?

Wir kämpfen seit 2005 für Ihre Rechte und Ihr Geld in Sachen Lebens- und Rentenversicherungen. Lesen Sie mehr darüber in den Nachrichten zur Durchsetzung der BGH-Entscheidungen. Von „A” wie Abmahnung bis „Z” wie Zahlungen – denn jetzt fließt endlich das Geld.

Wie kann ich die Verbraucherzentrale unterstützen?

Wir wollen, dass das Geld, das Sie als Verbraucher für später auf die Seite legen, Ihnen auch ungeschmälert im Alter zur Verfügung steht und nicht in die Taschen der Versicherer und ihrer Vertriebsorganisationen fließt. Mit unseren Klagen gegen die Versicherungskonzerne setzen wir uns deshalb für faire Vertragsbedingungen und gegen Wett­bewerbs­verstöße ein. Das nützt allen Kunden der betroffenen Unternehmen, ja der Verbraucher­schaft insgesamt – und natürlich auch Ihnen ganz persönlich. Denn damit bahnen wir den Weg für Ihre Ansprüche.

Doch die Gerichtsprozesse sind mit erheblichen Kosten verbunden, für die wir in Vorleistung gehen müssen. Und das manchmal über Jahre und mehrere Instanzen hinweg – dabei stehen uns nur geringe staatliche Zuschüsse zur Verfügung. Die Versicherungswirtschaft aber hat das Kapital für einen langen Atem.

Mit einer Spende (Stichwort: „Lebens- und Rentenversicherung”) helfen Sie uns, Ihre Interessen durchzusetzen.

  • Nutzen Sie unser Online-Spendenformular für Ihre finanzielle Unterstützung: Ihre Daten werden im SSL-Format verschlüsselt an uns übertragen.
  • Oder überweisen Sie direkt auf unser Konto bei der Bank für Sozialwirtschaft, IBAN DE47 2512 0510 0008 4351 00, BIC BFSWDE33HAN.

Die Verbraucherzentrale Hamburg e.V. ist gemeinnützig. Ihre Spende ist steuerlich absetzbar. Sie erhalten eine Zuwendungsbestätigung. Wir danken Ihnen schon jetzt für Ihre Hilfe!

Stand vom Mittwoch, 24. Juni 2015

zurück