Bewertungsreserven

Fast alle haben gejubelt beim Inkrafttreten des neuen Versicherungsrechts zu Beginn des Jahres 2008. Endlich werde der Kunde auch an den sog. „Stillen Reserven“ (vulgo: „Glaspaläste“) der Versicherer beteiligt. Doch wieder einmal gelingt es der Versicherungswirtschaft offenbar, die Durchsetzung von den Kunden gesetzlich zustehenden Ansprüchen zu durchkreuzen.

Ganz freiwillig hatte sich der Gesetzgeber ohnehin nicht für den Verbraucherschutz eingesetzt. Das Bundesverfassungsgericht war die treibende Kraft. Es hatte in mehreren Entscheidungen (Urteil vom 26. Juli 2005 – 1 BvR 782/94 u. 1 BvR 957/96; Beschl. vom 15. Februar 2006, 1 BvR 1317/96) wesentliche Teile der gängigen Bedingungen in Lebensversicherungsverträgen für verfassungswidrig erachtet und dem Gesetzgeber den Auftrag erteilt, per Gesetz dafür zu sorgen, dass der Versicherungskunde Anspruch auf Teilhabe an den durch die Prämienzahlung geschaffenen Vermögenswerten bekäme.

So gilt seit Beginn des Jahres § 153 Abs. 3 VVG:
„Der Versicherer hat die Bewertungsreserven jährlich neu zu ermitteln und nach einem verursachungsorientierten Verfahren rechnerisch zuzuordnen. Bei Beendigung des Vertrages wird der für diesen Zeitpunkt zu ermittelnde Betrag zur Hälfte zugeteilt und an den Versicherungsnehmer ausgezahlt.“

Bewertungsreserven, im Volksmund auch „Stille Reserven“ genannt, ergeben sich aus der Differenz zwischen den nach dem Niederstwertprinzip angesetzten Buchwerten und den höheren Marktwerten von Kapitalanlagen. An sich werden sie erst durch Veräußerung der Kapitalanlagen realisiert, sollen aber nun auch vor der Veräußerung den Kunden zugutekommen.

Bekommen die Kunden nun mehr Geld?

Nach den ersten Erfahrungen lautet die Antwort leider frei nach Radio Eriwan: Im Prinzip ja, aber manchmal eben auch nicht, und wie viel, weiß keiner.

Schon bei der Verabschiedung des Gesetzes wurde die Befürchtung geäußert, dass unterm Strich für die Kunden nicht mehr herauskommen werde. Was der Versicherer an Bewertungsreserven zahlen müsse, würde er eben durch Kürzung bei den (nach wie vor quasi willkürlich zugeteilten) Überschüssen ausgleichen.

Nach einer kleinen Stichprobe zeigt sich nun, dass es in der Hälfte der Fälle kein zusätzliches Geld gibt. Die Bewertungsreserven waren mit „0“ ermittelt worden. In der anderen Hälfte gab es Geld, mal 60, mal ein paar Hundert, mal ein paar Tausend Euro. Dabei bleibt völlig unklar, wie diese Zahlen ermittelt wurden oder ob sie stimmen. Der Verbraucher kann in keinem Fall auch nur annähernd abschätzen, ob seine Beteiligung korrekt ermittelt und zugeteilt wurde.

Die Verbraucherzentrale Hamburg hat am 3. September 2008 bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht das Problem dargelegt. Die Antwort finden Sie hier.

Beispiel: Herr P. aus Lübeck. Ihm wurden von der Cosmos die folgenden Bewertungsreserven genannt:

November 2008: € 207,08

Novmeber 2009: € 701,72

November 2010: € 1.514,80

Doch zum Zeitpunkt der Auszahlung schmolzen die Bewertungsreserven auf wundersame Weise:

November 2011: €   70,54

 

Stand vom Freitag, 27. Januar 2012

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