Antibiotika: Achtung, Nebenwirkungen!

Antibiotika werden viel zu häufig, ungezielt und oft auch unnötig eingesetzt. Auch Medikamente, die eigentlich nur zum Zuge kommen sollen, wenn alle anderen nicht mehr helfen. Dadurch entstehen schwere Schäden.

Älterer Mann nimmt Tablette ein

Das Wichtigste in Kürze

  1. Immer häufiger wirken Antibiotika nicht mehr gegen bestimmte Krankheitserreger, weil diese Resistenzen gegen die Mittel entwickelt haben.
  2. Trotz des Problems werden Antibiotika oft wahllos verschrieben und auch dann, wenn ein Virus die Krankheit verursacht.
  3. Patienten sollten sich Antibiotika nur unter bestimmten Umständen verordnen lassen und einnehmen.
Stand: 19.04.2018

Können Sie sich das vorstellen: Jeder Arzt lernt im Medizinstudium, dass er bei einem Patienten mit einer Infektion ein sogenanntes Antibiogramm anfertigen muss. Damit lässt sich herausfinden, ob es sich bei einer Krankheit tatsächlich um eine bakterielle Infektion handelt, die mit Antibiotika behandelt werden kann. Doch fast kein Arzt lässt ein solches Antibiogramm in der Praxis anfertigen.

Antibiotika wahllos verschrieben

Nach Erhebungen des BKK-Landesverbands Nordwest wurde in manchen Bundesländern mehr als jedem fünften Patienten, die mit einem einfachen, durch Viren hervorgerufenen Erkältungsschnupfen zum Arzt gingen, ein Antibiotikum verschrieben, das jedoch gegen Viren überhaupt nicht hilft, stattdessen sogar schwere Schäden anrichten kann und vor allem zur Ausbreitung von Resistenzen beiträgt. Die BKK-Studie sagt, dass in Deutschland rund 95 Prozent der ärztlich verordneten Antibiotika ohne diagnostische Absicherung verschrieben werden. In Hamburg beispielsweise sei nur bei 4,64 Prozent der Patienten mit einer Harnweg- oder Wundinfektion durch ein Antibiogramm gesichert gewesen, dass ihnen das Mittel auch nützt, der Mittelwert der 13 vom BKK-Landesverband Nordwest ausgewerteten Bundesländer liegt sogar noch um ein Prozent niedriger.

Mehr Nebenwirkungen durch Reserveantibiotika

Ins Gerede gekommen sind beim Menschen vor allem die sogenannten Reserveantibiotika. Das sind spezielle Medikamente, die nur bei Infektionen mit resistenten Erregern angewandt werden, die gegen andere Präparate unempfindlich geworden sind. In der normalen Therapie einfacher Infektionen sollen Reserveantibiotika nicht genutzt werden, um die Entwicklung von Resistenzen zu vermeiden.

Außerdem sind Reserveantibiotika keineswegs besser als herkömmliche Antibiotika. Häufig wirken sie deutlich schwächer oder haben mehr Nebenwirkungen. Auch in unserer Patientenberatung melden sich immer wieder Menschen, die durch eine unbedachte Gabe von Antibiotika schwer geschädigt wurden.

Beispiel

Frau R. hatte vor vier Jahren eine Nebenhöhlenentzündung (Sinusitis) mit Erkältung und ihr Hausarzt verschrieb ihr ein Antibiotikum – ohne zu prüfen, durch welchen Erreger ihre Erkältung hervorgerufen worden war. Drei Wochen später bekam sie starke seelische und körperliche Nebenwirkungen, die bis heute anhalten: beispielsweise schwere Konzentrationsstörungen, so dass sie es immer noch nicht schafft, ihre Geschichte ohne Hilfe zusammenhängend zu formulieren.

Im Internet finden sich viele ähnliche, teils noch schwerwiegendere Berichte über Nebenwirkungen und Folgeschäden. Unter dem Stichwort „ciprohilfe“ – abgeleitet von dem Reserveantibiotikum Ciprofloxacin, das immer wieder ins öffentliche Gerede kommt (z.B. Spiegel 7/2017) – finden sich beispielsweise viele Berichte Betroffener.

Sollten Sie auch unter Nebenwirkungen von Antibiotika leiden, melden Sie sich bei uns!

Maßnahmen gegen übermäßige Antibiotikatherapie

Wir meinen: Ärzte und Patienten müssen mit allen vertretbaren Mitteln vom leichtfertigen Gebrauch von Antibiotika abgehalten werden. Um die zunehmende Unempfindlichkeit der Erreger einzudämmen, hat das Bundesministerium für Gesundheit beispielsweise gemeinsam mit dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie zahlreichen Verbänden und Organisationen die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie erarbeitet. Die Betriebskrankenkassen im BKK-Landesverband Nordwest haben mit der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein vereinbart, dass bei bestimmten Ärzten in Nordrhein-Westfalen kein Antibiotikum mehr ohne Wirksamkeitsnachweis verschrieben werden darf. Natürlich wird der Test den Ärzten auch honoriert.

In Hamburg macht sich das gesamte Gesundheitswesen auf den Weg, den Missbrauch von Antibiotika zu bekämpfen – von der Ärzteschaft über die Krankenkassen bis zur Gesundheitsbehörde. Mit der Hamburger Initiative: Antibiotika retten Leben – auch in Zukunft? haben die Verantwortlichen im April 2018 ein ganzes Bündel an Maßnahmen auf den Weg gebracht, um unnötige Antibiotikaverordnungen zu verringern und die Resistenzlage zu verbessern. Wir rufen alle Patientinnen und Patienten auf, die Bemühungen der Akteure des Gesundheitswesens für einen sinnvollen Einsatz von Antibiotika zu unterstützen.

Doch auch die teils unbedachte, profitgetriebene Nutzung von Antibiotika in der Landwirtschaft ist ein Problem. Denn dadurch entstehen erst viele der Resistenzen bei Erregern, die dann nur noch mit den nebenwirkungsreichen Reserve-Antibiotika bekämpft werden können. Zwar gibt es bereits ein Antibiotika-Minimierungskonzept des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, doch es wird von Kritikern und Wissenschaftlern als zu lasch kritisiert. So seien etwa die Bagatellgrenzen, bis zu denen eine Meldung von Antibiotikagaben nicht erforderlich ist, zu hoch und den Tierärzten müsste der Anreiz, Antibiotika zu verordnen, genommen werden, der darin besteht, dass sie an ihnen viel verdienen, da sie Verordner und Händler zugleich sind. Weiterhin wird gefordert, die Reserve-Antibiotika, die die Humanmediziner immer dringender brauchen, für die Tiermedizin ganz zu verbieten.

Unser Rat

Als Patient sollten Sie sich Antibiotika nur verordnen lassen und einnehmen, wenn

  1. vom Arzt ein Antibiogramm angefertigt wurde,
  2. dadurch eindeutig ein Bakterium als Erreger identifiziert wurde (und nicht ein Virus die Ursache ist),
  3. das Antibiotikum ausdrücklich auf Ihren Erreger zugeschnitten ist und gut dagegen wirkt.