Lichtnahrung oder Sterbefasten?

Der tragische Tod des 22-jährigen Finn Bogumil ging durch die Medien. Der junge Mann verhungerte auf einer einsamen Südsee-Insel, nachdem er versucht hatte, sich nur von Licht zu ernähren.

Wald im Sonnenlicht
Stand: 03.06.2019

Finn Bogumil war ein junger Mann, der an die sogenannte Lichtnahrung glaubte, ein esoterisches Konzept mit Anhängern auf der ganzen Welt. Angeblich soll es möglich sein, komplett ohne Essen und Trinken zu leben – und sich nur von Licht zu ernähren. Finn wollte diesen Weg gehen und starb im Dschungel einer karibischen Insel. Sein Entschluss, sich nur von Licht zu ernähren, ist nach einem von ihm selbst verfassten Brief unter anderem auf den Film „Am Anfang war das Licht“ zurückzuführen, der von Peter-Arthur Straubinger für das österreichische Fernsehen produziert wurde.

„Am Anfang war das Licht“

Was ist das für ein Film und was ist das für eine Lehre? Der Film wird auf seiner Homepage als mit 100.000 Kinobesuchern „erfolgreichste Kinodokumentation 2010“ bezeichnet; dort steht auch, er sei mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ ausgezeichnet und von der österreichischen Jugendmedienkommission als „annehmbarer Diskussionsfilm ab 12 Jahren“ empfohlen worden. Ein 16-seitiges Begleitheft für Lehrerinnen und Lehrer wird kostenlos zum Download angeboten. Darin heißt es unmissverständlich:

„P.A. Straubinger hat sich eingehend genug mit dem Thema beschäftigt, um daran zu glauben. Ein Jünger ist er deshalb nicht. Eben so wenig wie der Regisseur davon ausgeht, dass seine Nahrung in Zukunft von der Sonne kommen wird, ebenso wenig soll sein Film die Menschen auffordern, von nun an nichts mehr zu essen. Das wäre ein grobes Missverständnis, ein gefährliches noch dazu.“

In einer Diskussion über diesen Film sagt der Redakteur, ihm gehe es nicht darum, Lichtnahrung zu propagieren, sondern ihn interessiere das Thema, weil die etablierte Wissenschaft hier an ihre Grenzen kommt, sich Phänomene nicht erklären kann und über sich hinauswachsen müsse. Dazu passt ein zentraler Satz in diesem Film von einem österreichischen „Yogi“, der sagt: „Der Mensch fürchtet sich vor allem, was nicht erklärbar ist.“ Und dass sich ein Mensch von Licht ernähren können soll, ohne dass er es wie die Pflanzen durch Photosynthese umwandeln kann, ist durch die gängige Naturwissenschaft nicht erklärbar.

Oder doch? Vielleicht sind die Physiker weiter als die Mediziner und Ernährungswissenschaftler. Sowohl Bewusstseinsforscher als auch Quantenphysiker deuten am Ende des Films an, dass Lichtnahrung wenigstens theoretisch vielleicht irgendwie doch möglich sein könnte. Sie formulieren dann auch die Quintessenz des Films – das, was als Anregung übrig bleibt: Der Geist des Menschen sei möglicherweise nicht im Gehirn gefangen, reiche weit darüber hinaus, sei überall. Es gehe gar nicht darum, keine Nahrung zu sich zu nehmen, sagen sie, sondern darum, zu begreifen, dass unser Bewusstsein Teil eines umfassenden Bewusstseins ist, dass wir Teil der Erde und Teil der Menschheit sind.

Wenn man das als Intention des Films begreift: die Auseinandersetzung mit blinden Flecken der nur aufs Stofflich-Materielle schauenden Naturwissenschaft, dann ist der Film auch kein Aufruf, sich von Licht zu ernähren. Für Menschen allerdings, die den Zwängen des Irdischen schnell und direkt entfliehen wollen, kann er als Anleitung wirken. Vor allem weil immer wieder auf den „21-tägigen Lichtnahrungsprozess“ der dubiosen Esoterikerin Ellen Greve alias Jasmuheen hingewiesen wird, durch den man lernen könne, sich von „Prana“ (der hinduistischen Lebensenergie) zu ernähren. Auch wenn ihr eigener Selbstversuch nach vier Tagen abgebrochen werden musste, was ebenfalls in dem Film vorkommt.

Letztlich erinnert die propagierte Lichtnahrung uns dann doch eher an das immer mehr in Mode kommende Sterbefasten, bei dem der lebensmüde Mensch einfach aufhört zu essen und dadurch langsam verhungert. Wer auch das Trinken einstellt, sei in ein bis drei Wochen tot, erklären Experten. Auch von kirchlicher Seite wird diese Art, sich selbstbestimmt vom Leben zu verabschieden, als einzige sanfte und sozialverträgliche Selbsttötungsmethode langsam immer mehr anerkannt. Zahlreiche Bücher und Erfahrungsberichte sind dazu auf dem Markt. Darin wird aber immer von Menschen gesprochen, die schon sehr alt sind oder im Endstadium einer zum Tode führenden Erkrankung.

Unser Fazit

Der junge Finn, der auf der Südsee-Insel starb, war nicht krank und nicht alt. Er wollte vermutlich nicht sterben, sondern suchte ein besseres Leben. Vielleicht eines, das nicht von Konkurrenz und Wettbewerb gekennzeichnet ist, sondern von Licht und gegenseitiger Liebe – wir wissen es nicht. Sein Tod gibt aber Anlass, über die Qualität des Lebens junger Menschen in der heutigen Zeit nachzudenken. Und noch etwas macht uns dieser Film klar: wie schwer es ist, seriösen Verbraucherschutz im Bereich von Esoterik und jenseits der stofflich fassbaren Welt zu betreiben. Da muss das Urteil häufig dem Fragenden überlassen bleiben.

Bücher und Broschüren