PCB-Gift in Hähnchen- und Putenfleisch

In einem Schlachtbetrieb in Ostwestfalen wurde giftiges PCB (polychlorierte Biphenyle) in Hähnchenfleisch gefunden. Ursache für die Kontamination soll belastetes Futtermittel sein. Jetzt zieht der Futtermittelskandal immer weitere Kreise. Wir meinen: Die Behörden müssen Ross und Reiter zu nennen.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Futtermittel der Agravis Mischfutter Ostwestfalen-Lippe GmbH Nordrhein-Westfallen ist durch Lackabsplitterungen in Verladezellen mit giftigem PCB verunreinigt worden.
  • Das kontaminierte Futtermittel wurde laut Behörden an Hähnchenmast-, Legehennen- und Putenmastbetriebe in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen ausgeliefert. Nun sind auch mehrere Betriebe mit Schweinen in beiden Bundesländern betroffen.
  • Verschiedene Geflügelfleisch/fett-Proben und Eier waren über den zulässigen Höchstwert mit nicht-dioxinähnlichem PCB (ndl-PCB) belastet. Eier sind aus dem Handel zurückgeholt worden.
  • Nach Auffassung der Verbraucherzentrale Hamburg sollten die Behörden umgehend die Namen des Herstellers und der betroffenen Betriebe nennen.
Stand: 28.11.2018

In einem Schlachtbetrieb in Ostwestfalen wurde Mitte November im Fett von Masthähnchen giftiges PCB (polychlorierte Biphenyle) gefunden. Die Belastung lag über dem festgelegten Höchstwert für sogenannte nicht-dioxinähnliche PCB (ndl-PCB). Als Ursache der Kontamination wurden Futtermittel ausgemacht, die durch punktuelle Lackabsplitterungen aus verschiedenen Verladezellen der Agravis Mischfutter Ostwestfalen-Lippe GmbH in Minden (Nordrhein-Westfalen) verunreinigt wurden.

Hunderte Tonnen verseuchtes Futtermittel

Die betroffenen Futtermittelchargen wiesen teilweise deutliche (10-fache) Höchstgehaltsüberschreitungen bei ndl-PCBs auf. Das Futter wurde an Betriebe in Niedersachsen  und  Nordrhein-Westfalen geliefert – insgesamt soll es sich um mindestens 290 Tonnen handeln.

Am 23. November 2018 teilte das Landesamt für Natur Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) mit: „(...) Die fortlaufenden Futtermittelanalysen im Auftrag des LANUV haben ergeben, dass weitere Verladezellen der Futtermittelfirma von Verunreinigungen betroffen sind. Aus Vorsorgegründen werden Futtermittellieferungen des letzten halben Jahres überprüft. Futtermittellieferungen aus den aktuell fünf kontaminierten Lagerbehältern wurden an 75 geflügelhaltende Betriebe und einen schweinehaltenden Betrieb in Nordrhein-Westfalen verteilt. Die zuständigen Kreisordnungsbehörden wurden umgehend informiert und haben die Sperrungen der entsprechenden Betriebe veranlasst. (...)“

Das LANUV gibt weiterhin an, dass bei 23 Geflügelproben im Fleisch/Fett die zulässigen Höchstmengen für ndl-PCB überschritten waren sowie bei dreizehn Eierproben. Als Konsequenz mussten deshalb Eier aus dem Einzelhandel vor allem in Nordrhein-Westfalen zurückgeholt werden. Unverständlicherweise werden aber Verbraucher nicht über die betroffenen Chargen informiert.

In Nordrhein-Westfalen sind nach derzeitigem Kenntnisstand 44 geflügelhaltende Betriebe (34 Geflügelmastbetriebe und 10 Legehennenbetriebe) mit dem kontaminierten Futter beliefert worden.

Das Niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gab an, dass Eier aus „drei kleinen Legehennenbetriebe aus dem Landkreis Osnabrück“ über die erlaubte Höchstmenge mit ndl-PCB belastet waren. Die beanstandeten Eier wurden ausschließlich vom Erzeuger an Verbraucher abgegeben. Die Kunden werden durch den Lebensmittelunternehmer direkt informiert, die Eier werden zurückgenommen. Weitere belastete Eier wurden nach Angaben des Ministeriums noch nicht gefunden. Neben Eiern war auch Putenfleisch aus einem Betrieb im Landkreis Nienburg zu hoch belastet.

Schweinehalter aus Niedersachsen haben möglicherweise ebenfalls ndl-PCB-kontaminierte Futtermittel aus Nordrhein-Westfalen erhalten. In den Landkreisen Diepholz und Osnabrück sollen drei Betriebe betroffen sein.

Ross und Reiter nennen!

Wir fordern von den Behörden, so schnell wie möglich Ross und Reiter zu nennen, um Verbraucher nicht weiter zu verunsichern. Wie viel belastetes Fleisch und belastete Eier im Umlauf sind bzw. verzehrt wurden, ist bisher unklar. Angesichts der Erfahrungen in den letzten Jahren gehen wir davon aus, dass der Lebensmittelskandal noch weitere Kreise ziehen wird. Als irritierend empfinden wir, dass die Lackabsplitterungen nicht früher bemerkt und die Schäden nicht behoben wurden.

Wie gefährlich sind PCB?

Zu den polychlorierten Biphenyle (PCB) gehören 209 Substanzen, die einen ähnlichen chemischen Aufbau haben; alle enthalten Chlor. PCB-Verbindungen werden in dioxinähnliche PCB (dl-PCB) und nicht-dioxinähnliche PCB (ndl-PCB) unterteilt.

In dem aktuellen Fall wurden ndl-PCB nachgewiesen, die im Allgemeinen weniger giftig sind als dl-PCB. Allerdings kommen ndl-PCB oft gemeinsam mit den toxikologisch bedenklicheren dl-PCB und Dioxinen vor. Eine eindeutige Zuordnung der toxischen Wirkungen ist daher in der Regel schwierig, so das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

Bei einigen Dioxinen und dl-PCB ist davon auszugehen, dass sie das Krebsrisiko erhöhen können. In Tierversuchen mit individuellen ndl-PCB-Verbindungen wurde hauptsächlich über Schilddrüseneffekte, Leberveränderungen, neuronale Effekte, Immuntoxizität sowie endokrine Veränderungen und reproduktionstoxikologische Effekte berichtet. Empfindlichste Zielorgane für ndl-PCB sind laut Expertenmeinung die Leber und die Schilddrüse.

Weitere Informationen dazu hat das Bundesinstitut für Risikobewertung in zwei Dokumenten veröffentlicht: Fragen und Antworten zu Dioxinen und PCB in Lebensmitteln und Nicht-dioxinähnliche Polychlorierte Biphenyle (ndl-PCB) in Hühnereiern aus Niedersachsen.

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