„Reform“ frisst Bewertungsreserven

Viele Verbraucher bekommen die Auswirkungen des Lebens­versicherungs­reform­gesetzes zu spüren: Durch die Kürzung der Bewertungs­reserven fehlen oft mehrere Tausend Euro auf dem Konto. Die Versicherungskonzerne drücken gezielt die Ausschüttungen an ihre Kunden.

Ordner mit Beschriftung Lebensversicherung
Stand: 20.03.2018

Zum 7. August 2014 ist das sogenannte Lebensversicherungsreformgesetz in Kraft getreten. Seither müssen viele Kunden, deren Verträge auslaufen, auf ihre Beteiligung an den Bewertungsreserven aus festverzinslichen Wertpapieren ganz oder zumindest teilweise verzichten. Ziel dieser Regelung sei, so der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, die gerechte Behandlung der Kunden unabhängig von der Laufzeit ihrer Verträge.

Wann dürfen Bewertungsreserven gekürzt werden?

Ob die Bewertungsreserven gekürzt werden oder ganz entfallen, richtet sich nach dem Sicherungsbedarf des jeweiligen Versicherers. Ausschlaggebend ist der Betrag, der notwendig ist, um die mit den Versicherten vereinbarten Garantien unter Berücksichtigung des aktuellen Zinsniveaus zu finanzieren. Lediglich der Teil der Bewertungsreserven auf festverzinsliche Wertpapiere, der diesen Betrag übersteigt, darf dem Kunden zu 50 Prozent ausgezahlt werden.

Bewertungsreserven aus anderen Kapitalanlagen wie Immobilien oder Aktien sind von dieser Regelung nicht betroffen und müssen unverändert an die Verbraucher weitergegeben werden. Das ist allerdings nur ein schwacher Trost, denn der überwiegende Anteil der Kapitalanlagen von Versicherungs­unter­nehmen besteht aus festverzinslichen Wertpapieren.

Doch damit nicht genug. Versicherungen dürfen Gewinne eigentlich nicht an Eigentümer auszahlen, wenn dadurch die Leistungen für die Versicherten gefährdet sind. Medienberichten zufolge zweigen aber viele Lebensversicherer immer größere Summen zum Beispiel an ihre Muttergesellschaften ab. Die Zahl der Unternehmen mit sogenannten Gewinnabführungsverträgen sei seit Inkrafttreten des Gesetzes gestiegen.

„Der Gesetzgeber hat gewusst, dass die Ausschüttungssperre nicht greift, wenn ein Gewinnabführungsvertrag vorliegt. Im Wortlaut des Gesetzes wird so getan, als ob Verbraucher und Eigentümer gleichermaßen betroffen sind. Das ist in der Realität jedoch nicht der Fall.“

Beispiele

  • In der Standmitteilung der Axa Lebens­versicherung AG zum 1. Juli 2014 waren für Herrn D. aus N. noch Bewertungsreserven in Höhe von 5.429 Euro vorgesehen. Zum Kündigungstermin am 1. September 2014 wurden dann nur 338 Euro als Bewertungsreserven ausgezahlt. Ein Verlust von 5.091 Euro! 

    Die Axa schreibt dazu: Bei der Berechnung der Bewertungsreserven wurden die Änderungen im Rahmen des Lebensversicherungsreformgesetzes (LVRG), das zum 07.08.2014 wirksam geworden ist, berücksichtigt. Deshalb sind die Bewertungsreserven zum Kündigungstermin wesentlich geringer als zum Berechnungstermin 01.07.2014.“ 
  • Laut Mitteilung der Ergo Lebensversicherung AG vom 1. Juli 2014 sollte die zum 1. September 2014 fällig werdende Ablaufleistung der Police von Herrn E. aus L. noch Bewertungsreserven in Höhe von 3.910,17 Euro beinhalten. Ausgewiesen wurden zum 1. September 2014 dann lediglich 206,01 Euro. Damit erhielt Herr E. 3.704,16 Euro weniger an Bewertungsreserven!

    Stellungnahme der ERGO: „Hintergrund der geänderten Auszahlungssumme ist die Neuregelung zur Beteiligung an den Bewertungsreserven. […] Das Gesetz soll die Auszahlung von Geld verhindern, welches zur Sicherung der Garantien erforderlich ist. Dies gilt auch für Auszahlungen an Aktionäre.“

Kann durch eine Kündigung noch etwas gerettet werden?

Wir erhalten regelmäßig Beschwerden von Verbrauchern, bei denen die Bewertungsreserven radikal gekürzt wurden. Sollte Ihr Vertrag in den nächsten ein bis drei Jahren auslaufen, fragen Sie bei Ihrem Versicherer nach, wie hoch der aktuelle Rückkaufswert zuzüglich Bewertungsreserven ist. Auch die garantierte und prognostizierte Ablaufleistung Ihres Vertrags ist relevant. Übersteigt der Rückkaufswert inklusive Bewertungsreserven zuzüglich der ersparten Prämien die garantierte Ablaufleistung, kann sich eine vorzeitige Kündigung unter Umständen lohnen.

Kündigungsfristen sind nicht zu beachten, da der Lebens- oder Rentenversicherungsvertrag jederzeit zum Ablauf der Versicherungsperiode gekündigt werden kann. Bei jährlicher Beitragszahlung ist daher die Kündigung zum Ende des Versicherungsjahres möglich. Bei monatlicher Beitragszahlung grundsätzlich zum Ende des Monats. Bevor Sie diesen Schritt gehen, sollten Sie die Vor- und Nachteile jedoch genau abwägen. Wir können Sie dabei unterstützen, denn manchmal kann auch ein Widerspruch in Frage kommen.

Grundsätzlich gilt: Sollten die vom Versicherer mitgeteilten Bewertungsreserven auffällig gering sein, empfiehlt es sich nachzuhaken, wie hoch die Sockelbeteiligung an den Bewertungsreserven ist.

Was hat das Lebensversicherungsreformgesetz gebracht?

Während ganz Deutschland 2014 nach Brasilien schaute und der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM alle Daumen hielt, peitschte die Bundesregierung das Lebensversicherungsreform­gesetz (LVRG) durchs parlamentarische Verfahren. Dadurch wurden Millionen Versicherte finanziell schlechter gestellt. 

Magere Bewertungsreserven: Der Anteil an Bewertungsreserven, der Versicherungsnehmern seit 2008 zustehen, können vom Versicherer gekürzt oder sogar gänzlich gestrichen werden. Bewertungsreserven sind die Beteiligungen an Wertpapieren des Unternehmens, die die Versicherten mitfinanzieren. Zurzeit sind sie sehr hoch, weil Versicherer Zinspapiere mit hohen Zinsen halten, die vor Jahren gekauft wurden. Läuft ein Vertrag bald aus, werden Versicherungsnehmer durch die Kürzung der Bewertungsreserven sehr viel schlechter gestellt. Bei durchschnittlichen Verträgen macht die Streichung einige Tausend Euro aus.

Abgesenkter Höchstzinssatz: Die Renditen von Kapitallebensversicherungen und privaten Rentenversicherungen sind in den letzten Jahren immer schlechter geworden. Mit dem Gesetz wurde der Höchstzinssatz für neue Verträge weiter herabgesetzt.

Nichtssagende Effektivkosten: Beim Abschluss eines neuen Versicherungsvertrags müssen die Versicherungskonzerne die sogenannten Effektivkosten ausweisen. Doch die „Effektivkosten” geben Verbrauchern keine Orientierung bei der Auswahl eines bestimmten Finanzprodukts. Sie sagen auch nichts über die Qualität eines Vertrages aus. Ursprünglich geplant war eine Ausweisung der gesamten Provisionen, die die Vermittler erhalten, doch die Versicherungsbranche ist so sehr dagegen Sturm gelaufen, dass der Finanzausschuss seine Pläne verworfen hat.

Gewinne werden abgeführt: Kann ein Versicherungs­unter­nehmen die Verträge mit seinen Versicherten nicht erfüllen, dürfen laut LVRG auch die Aktionäre keine oder nur eine geringere Dividende erhalten. Was tun? Stattdessen schließen die Versicherungsunternehmen mit anderen (zum Beispiel den Muttergesellschaften) Gewinnabführungsverträge. So kann man den Aktionären doch noch gerecht werden, nicht aber den Verbrauchern. Sie bekommen vom „Kuchen” nichts ab.

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