Widerspruch bei Lebens- und privaten Rentenversicherungen: Das müssen Sie wissen

Sie haben eine private Lebens- oder Rentenversicherung abgeschlossen? Dann können Sie Ihrem Vertrag unter bestimmten Voraussetzungen widersprechen und die eingezahlten Prämien zurückfordern. In diesem Beitrag haben wir wichtige Informationen für Sie zusammengestellt.

Welchen Verträgen kann ich widersprechen?

Betroffen sind private Lebens- und Rentenversicherungsverträge, die zwischen Mitte 1994 und Ende 2007 abgeschlossen wurden. In diesen Jahren gab es eine deutsche Sonderregel, nach der Versicherte zunächst nicht alle Unterlagen zum Vertragsschluss erhielten. Im Gegenzug hatten sie die Möglichkeit, noch maximal ein Jahr zu widersprechen. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs gilt diese Jahresfrist nicht mehr (Urteil vom 7. Mai 2014, Az. IV ZR 76/11).

Voraussetzung für einen Widerspruch ist, dass Sie fehlerhaft oder nicht ausreichend über den Vertrag informiert wurden. Dies ist der Fall, wenn die Widerspruchsbelehrung nicht korrekt war und/oder wenn Sie die Versicherungsbedingungen bzw. die Verbraucherinformation nicht erhalten haben.

Eine erste Erhebung aus von uns überprüften Verträge hat ergeben, dass mehr als 60 Prozent der Widerspruchs­belehrungen im fraglichen Zeitraum fehlerhaft und damit unwirksam sind.

Übrigens: Wir gehen davon aus, dass auch bei fehlerhaften Verbraucher­­informationen und falschen Versicherungs­bedingungen das Widerspruchs­recht fortbesteht. Dies ist jedoch noch nicht rechtssicher geklärt. In naher Zukunft dürfte diese Rechts­frage allerdings höchst­richterlich entschieden sein.

Wie viel Geld muss erstattet werden?

Neben den Prämien müssen Ihnen bei einem Widerspruch auch die hohen Abschluss- und Verwaltungskosten erstattet werden (Urteil des Bundesgerichtshofs vom 29. Juli 2015, Az. IV ZR 384/14). Im Ergebnis ist der Auszahlungsbetrag deshalb oft Hunderte oder sogar Tausende Euro höher als bei einer regulären Kündigung.

Nach einem Widerspruch dürfen die Versicherungsgesellschaften von Ihren eingezahlten Beträgen nur die Kosten für den Risikoschutz der Policen abziehen (bei einer Lebensversicherung wäre dies der Anteil der Prämie, der für die Absicherung des Todesfallrisikos gezahlt wurde) und müssen Ihnen den Rest der Summe komplett und mit Zinsen zurückerstatten. Ja, auch die Zinsen stehen Ihnen zu, denn Ihr Versicherer hat mit Ihrem Geld gewirtschaftet und Einnahmen erzielt.

Ein Beispiel: Frau B. schloss mit 63 Jahren eine Lebensversicherung bei der Quelle Lebensversicherung AG (heute: Ergo Direkt Lebensversicherung AG) ab. Jährlich zahlte Sie rund 490 Euro in ihren Vertrag ein. Nach 16 Jahren (also mit 79 Jahren) wollte sie kündigen. Nur knapp 6.300 Euro sollte sie zu diesem Zeitpunkt zurückerhalten, obwohl sie schon etwa 7.800 Euro in die Police eingezahlt hatte. Mit einem Widerspruch hätte sie zumindest Anspruch auf knapp 7.000 Euro. 700 Euro mehr müsste ihr Versicherer in diesem Fall an sie zahlen – zumindest ein kleines Trostpflaster. Selbst zum Ablauf des Vertrags nach 23 Jahren hätte Frau B. mit 10.700 Euro nicht die komplett eingezahlte Summe von über 11.000 Euro wiedergesehen.

Anspruch berechnen: Mit unserem neuen kostenlosen Online-Rechner können Sie selbst kalkulieren, wie viel Geld Sie bei der Rückabwicklung Ihres Vertrags voraussichtlich erhalten werden. Oder Sie nutzen unseren Rechenservice und lassen sich eine versicherungsmathematische Berechnung von uns erstellen. Damit können Sie Ihre Ansprüche noch besser durchsetzen.

Wann sollte ich widersprechen und worauf ist zu achten?

Nutzen Sie die Gunst der Stunde, um schlechte Policen ohne große Einbußen loszuwerden oder miese Verträge im Nachhein aufzubessern. In diesen Fällen sollten Sie handeln:

Bei keinem oder einem zu geringen Mindesrückkaufswert und verjährten Ansprüchen: In den vergangenen Jahren haben wir viele Menschen beraten, die bei der Kündigung ihres Lebens- oder Rentenversicherungsvertrags gar keinen oder einen viel zu geringen Rückkaufswert erhalten haben. Nach den BGH-Urteilen zu den Mindestrückkaufswerten hätte den Betroffenen eigentlich mehr Geld zugestanden, doch leider haben sich die Versicherungen häufig auf die Einrede der Verjährung berufen und nichts gezahlt. Sollte das auch bei Ihnen der Fall gewesen sein, können Sie bei einem Widerspruch auf eine kräftige Nachzahlung hoffen.

Bei korrektem Mindestrückkaufswert: Selbst wenn Sie mehr als den Mindestrückkaufswert erhalten haben sollten, können noch Ansprüche offen sein. Bei einem Rücktritt oder Widerspruch muss die Versicherung Ihre gesamten Prämien plus Zinsen sowie Abschluss- und Verwaltungskosten zurückerstatten, nur die Risikokosten werden abgezogen. Ein Widerspruch kann Ihnen also helfen, mehr Geld von Ihrem Versicherer zurück­zu­bekommen.

Bei einer schlechten Ablaufleistung des Vertrags: Das Gleiche gilt für Verträge, die regulär abgelaufen sind oder noch laufen. Wenn Sie mit der Ablaufleistung nicht zufrieden waren oder sind, sollten Sie Ihren Vertrag überprüfen lassen. Möglicherweise ist eine Rückabwicklung die bessere Alternative.

Wann verjähren meine Ansprüche?

Ihre Rückabwicklungsansprüche verjähren erst drei Jahre nachdem Sie formell Ihren Widerspruch oder einen Rücktritt vom Vertrag erklärt haben. Das gilt ebenso für bereits gekündigte Verträge (Urteil des Bundesgerichtshofs vom 8. April 2015, Az. IV ZR 103/15). Einem gekündigten Vertrag können Sie aber unabhängig von der Verjährung auch nach Jahren noch widersprechen. Sie können Ihren Vertrag also auch noch im Nachhinein rückabwickeln, selbst wenn er bereits vor langer Zeit aufgelöst wurde.

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