Wollen Versicherer teure Verträge loswerden?

Vier Prozent Zinsen – gibt es das heute noch? Ja, für einige alte private Renten- oder Lebens­versiche­rungen schon. Das ist teuer für die Versicherungen, die nun anscheinend Kunden loswerden wollen. Das Unternehmen Neue Leben hat deswegen eine Abmahnung erhalten.

Hochhaus mit Glasfassade
Stand: 19.12.2016

Renten- und Lebensversicherer leiden unter dem aktuellen Niedrigzinsniveau und wollen daher anscheinend einen Teil ihrer Kunden dazu bewegen, gut verzinste Altverträge vorzeitig zu beenden. Diese haben noch Renditen, die sich mit ähnlich sicheren Finanzprodukten heute nicht mehr erwirtschaften lassen. Doch was für die Kunden lukrativ ist, kostet die Versicherungsgesellschaften viel Geld.

Abmahnung für Neue Leben

Die Neue Leben Lebensversicherung AG beispielsweise wollte ihre Kunden per Brief davon überzeugen, sich Policen früher auszahlen zu lassen. Das Unternehmen hatte angekündigt, in diesem Jahr 30.000 entsprechende Briefe zu verschicken. Einige dieser Briefe liegen unserem Marktwächter-Team vor. In ihnen werden die Kunden nicht darauf hingewiesen, dass sie bei Kündigung den Versicherungsschutz verlieren. Wir finden: Ein eindeutiger Verstoß gegen die Beratungspflicht.

Unser Bundesverband hat die Versicherung wegen ihres Umgangs mit den hochverzinsten Altverträgen daher nun abgemahnt.

In dem Schreiben der Neue Leben an eine Verbraucherin, war zu lesen:

„Über viele Jahre haben Sie uns einen wichtigen Teil Ihrer Altersvorsorge anvertraut. Dafür danken wir Ihnen.“

Weiter heißt es:

„Ihre persönliche Situation, Ihre Ziele sowie Ihre finanziellen Wünsche haben sich vielleicht während der Vertragslaufzeit geändert. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, sich Ihr Guthaben früher auszahlen zu lassen?“

Direkt unter dem Anschreiben wurde die Summe genannt, die die Besitzerin der Versicherungspolice bereits jetzt stornoabschlagsfrei erhalten könnte, wenn sie sich von ihrem Vertrag trennt. Ein Formular für die Auszahlung hat der Versicherer gleich beigefügt und bezeichnet die Offerte als Serviceangebot.

Die meisten Angeschriebenen hätten vor 2005 eine klassische kapitalbildende oder fondsgebundene Police abgeschlossen und können sich diese nach 12 Jahren Laufzeit steuerfrei auszahlen lassen.

Was steckt dahinter? Die Neue Leben will mit ihrem vermeintlich fürsorglichen Brief teure Kunden loswerden. Der Versicherungsvertrag, der im beschriebenen Fall aufgelöst werden soll, ist 20 Jahre alt. Verträge aus dieser Zeit haben einen sehr hohen Rechnungszins von vier Prozent, der auf die Sparanteile der Versicherung gezahlt wird. Da die Vertriebs- und Abschlusskosten für die Police bereits von den Beiträgen der ersten Jahre abgezogen wurden, haben die Verträge eine ausgezeichnete Rendite. Noch elf Jahre lang müsste die Neue Leben die hohen Zinsen weiterzahlen, wenn die Verbraucherin ihren Vertrag nicht vorzeitig beendet.

Haben Sie auch Post von Ihrem Versicherer bekommen?

Haben Sie auch ein Schreiben von Ihrer Versicherung erhalten, mit dem Ihnen eine vorzeitige Vertragsbeendigung vorgeschlagen wurde? Dann schildern Sie uns Ihre Erfahrungen und senden Sie uns den Brief Ihres Versicherers zu, wahlweise

  • per E-Mail an fmw@vzhh.de,

  • per Fax an (040) 24832-2105 oder

  • auf dem Postweg an die Verbraucherzentrale Hamburg, Marktwächter Finanzen, Kirchenallee 22, 20099 Hamburg.

Je mehr Erfahrungen von Verbrauchern uns zu den Geschäftspraktiken einzelner Versicherer vorliegen, desto wirksamer und gezielter können wir darüber aufklären. 

Was sollten Betroffene tun?

Egal, ob Sie Kunde bei der Neuen Leben oder einem anderen Versicherer sind: Wenn Sie unsicher sind, ob Sie Ihren Versicherungsvertrag fortführen oder auflösen sollten, wenden Sie sich an uns und nutzen Sie unsere Beratungsangebote. Wir helfen Ihnen gern.

Im Bundesprojekt Marktwächter Finanzen ist die Verbraucherzentrale Hamburg für Versicherungen zuständig. Weitere Informationen über das Projekt finden Sie auf der Marktwächter-Website.

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