Ohne Krankenversicherung?

Das berührende Schicksal des Claudius Holler verbreitet sich gegenwärtig übers Internet. Der frühere Hamburger Spitzenkandidat der Piraten-Partei hat gerade die Diagnose Hodenkrebs bekommen, ist aber nicht krankenversichert und bittet jetzt seine Netzfreunde und Follower um finanzielle Unterstützung für Operation und Chemotherapie. Als Unternehmer („Leetmate”, ein Konkurrenzprodukt zu Club-Mate und anderen Kultgetränken) war er in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten und konnte die monatlich 600 Euro für die Krankenkasse nicht mehr bezahlen.

Versicherungspflicht in Deutschland

Seit 2007 gilt für die gesetzliche (GKV) und seit 2009 für die private Krankenversicherung (PKV) eine allgemeine Versicherungspflicht. Die wird jedoch nicht – wie etwa die Steuer – bei jedem Bürger über Finanz- oder Einwohnermeldeämter eingefordert und kontrolliert, sondern man muss sich selbst melden. Tut man das nicht, muss man nachzahlen, selbst für mehrere Jahre rückwirkend. Zwar nicht den vollen Betrag, aber trotzdem kann das einige tausend Euro ausmachen.

Unterwegs ohne Krankenversicherung

Warum sind immer noch viele Menschen nicht krankenversichert? Gründe dafür gibt es viele.

1. Einer ist, dass Selbständige manchmal denken, sie könnten nicht nur ihre Firma, sondern auch ihr privates Leben ganz alleine stemmen. Aber Krankheit ist ein unvorhersehbares Schicksal und kann einen schnell überfordern, nicht nur finanziell.

2. Ein zweiter Grund ist, dass Menschen, die wenig oder nichts verdienen, trotzdem relativ viel für ihre Krankenversicherung bezahlen müssen. Das ist in der privaten und gesetzlichen Krankenversicherung sehr unterschiedlich:

  • Die Krankenkassen stufen einen freiwillig versicherten Geringverdiener – zum Beispiel einen Selbständigen im Startup-Modus wie Claudius Holler – so ein, als würde er mehr als 2.000 Euro im Monat verdienen, auch wenn er tatsächlich von Unterstützung durch Familie oder Freunde lebt. Nur auf Antrag und mit Nachweis aller Einkommen kann diese Grenze auf etwa 1.300 Euro gesenkt werden. Doch das ist immer noch zu hoch für viele, denn davon ungefähr 15,5 Prozent sind 200 Euro Krankenversicherungsbeitrag im Monat. Dazu kommen noch Beiträge für die Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung.

  • Bei der privaten Krankenversicherung ist es noch schlimmer. Die interessiert sich überhaupt nicht dafür, wie viel jemand verdient. Sie schaut nur nach Alter und Gesundheitszustand. Deshalb kommen Privatversicherte noch häufiger in finanzielle Schwierigkeiten, vor allem wenn sie älter werden und die Beiträge unverhältnismäßig steigen.

3. Ein dritter Grund für die mangelnde Bereitschaft, sich gegen Krankheit zu versichern, dürfte sein, dass man sich damit gar nicht auseinandersetzen möchte, wenn man jung und gesund ist. Und wenn die Krankheit dann doch kommt, ist es relativ spät. Aber nicht zu spät.

4. Ein vierter Grund ist sicher auch, dass in der Bevölkerung kein Bewusstsein für das Solidarsystem der GKV besteht, und mancher da erst mitmachen will, wenn er Leistungen braucht, nicht aber, wenn es darum geht, die Leistungen für andere zu ermöglichen. Das ist ein sozial- und bildungspolitisches Problem, dem die Politik mehr Aufmerksamkeit schenken sollte.

Die Lösung für Claudius Holler

Er sollte sich sofort bei seiner früheren Krankenkasse melden, den geringstmöglichen Beitrag entrichten und Ratenzahlung für die aufgelaufenen Schulden vereinbaren. Dann ist er wieder normal versichert und bekommt die teuren Krebsbehandlungen bezahlt.

Nur wer das System der Krankenversicherung in Deutschland nicht akzeptiert, hat es schwer. Für alle anderen gibt es immer eine Lösung.

Stand vom Freitag, 1. April 2016

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