Aligner: Das Geschäft mit den schönen Zähnen

Sie interessieren sich für eine Aligner-Behandlung, und fragen sich, ob die gewerblichen Angebote aus dem Netz eine gute Alternative sind? Das sollten sie über die Zahnschienen wissen.

Frau mit Aligner in der Hand

Das Wichtigste in Kürze

  1. Gewerbliche Anbieter können sogenannte Aligner – transparente Zahnschienen zur Korrektur von Zahnfehlstellungen – häufig zu günstigeren Preisen anbieten an als klassische kieferorthopädische Praxen
  2. Das Geschäftsmodell steht in der Kritik, da der günstigere Preis auf Kosten der Patientensicherheit gehe.
  3. Ein Marktcheck der Verbraucherzentralen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sieht ebenfalls Nachteile für Kundinnen und Kunden und fordert eine stärkere Regulierung.
Stand: 26.08.2021

Wer in eine bestimmte Altersgruppe fällt oder auch nur einmal entsprechende Begriffe in seine Suchmaschine eingegeben hat, kann sich häufig vor ihrer Werbung in sozialen Medien oder auf Internetbannern kaum retten – die Rede ist von Anbietern sogenannter Aligner.

Aligner sind in der Regel transparente, individuell mittels eines Zahnabdrucks oder -scans hergestellte Zahnschienen, die Zahnfehlstellungen korrigieren sollen. Die Schienen üben einen leichten Druck auf die Zähne aus, um diese peu à peu in die gewünschte Richtung zu schieben. In regelmäßigen Abständen wird ein neuer „Satz“ angepasster Zahnschienen notwendig, der den bereits vollzogenen Zahnbewegungen Rechnung trägt und weiter Druck auf die Zähne ausübt, um deren Stellung zu korrigieren.
 

Aligner online bestellen

Es handelt sich bei Alignern um eine schon lange von Kieferorthopädinnen und Kieferorthopäden eingesetzte Technik. Durch das Auslaufen mehrerer Patente drängen allerdings seit einigen Jahren Unternehmen auf den Markt, die eine Aligner-Behandlung durch eine (je nach Anbieter unterschiedliche) Mischung aus Do-it-yourself-Verfahren (bspw. durch das eigenständige Erstellen eines Zahnabdrucks zu Hause), netzbasiertem Vertrieb (bspw. durch das Bestellen via Internet) und einer telemedizinischen (Fern-)Begleitung (bspw. mittels des Uploads von Fotos der Zähne) in der Regel deutlich günstiger als klassische kieferorthopädische Praxen anbieten können.

Wenn Sie eine nicht durch eine Zahnarztpraxis durchgeführte Aligner-Therapie ins Auge fassen sollten, müssen Sie mit rund 1.500 bis 4.000 Euro für die Behandlung rechnen. Die Kosten variieren von Fall zu Fall. Einfluss auf den Preis hat in erster Linie der Umfang der Zahnfehlstellung und damit die Dauer der Behandlung. Aligner sind in der Regel privat zu bezahlen.

Da die selbstständige Berufstätigkeit von Zahnärztinnen und Zahnärzten ein „freier Beruf“ ist, werden die neuen Anbieter häufig in Abgrenzung hierzu als „gewerbliche Anbieter“ bezeichnet. Manchmal wird auch von „Direct-to-consumer“-Anbietern gesprochen.

Aligner-Therapie als sichere Behandlungsmethode?

„Endlich selbstbewusst lächeln“, „Endlich schöne, gesunde & gerade Zähne“, „Zum perfekten Lächeln in nur wenigen Monaten“ – so und ähnlich werben die Unternehmen um neue Kundschaft. Viele Kieferorthopädinnen und ‑orthopäden stehen der neuen Konkurrenz aus dem Netz skeptisch gegenüber. Das ist kaum verwunderlich, bedrohen die Firmen doch ihre vorherige Monopolstellung. Gleichzeitig lohnt es, sich mit ihren Argumenten auseinanderzusetzen: So schrieb Dr. Hans-Jürgen Köning (1. Bundesvorsitzender des Berufsverbands der Deutschen Kieferorthopäden, BDK) laut einer Veröffentlichung in „Zahnärztliche Mitteilungen“ (zm)“ vom 22. März 2019 im Mitgliedermagazin des BDK im Jahre 2018, dass die Behandlung eines der Aligner-Anbieter DrSmile „eine eindeutige Standardunterschreitung bei Diagnostik und Therapie“ darstelle. Die Urban Technology GmbH, die hinter DrSmile steht, leitete daraufhin rechtliche Schritte ein, da sie in den Äußerungen eine wettbewerbswidrige Schmähkritik sah. Das Landgericht Düsseldorf folgte der Argumentation nicht (Urteil vom 13. März 2019, Az. 34 O 1/19). DrSmile kündigte daraufhin an, in die nächste Instanz zu gehen... Doch zwischenzeitlich war von dem Fall nichts mehr zu lesen oder zu hören.

Selbst die Politik schaltete sich schon ein: So brachte die FDP Anfang des Jahres 2021 einen Antrag zur Stärkung der Patientensicherheit bei Aligner-Behandlungen in den Bundestag ein, in welchem sie forderte, dass „Aligner-Behandlungen nicht mehr von gewerblichen Unternehmen ohne eine vollumfängliche zahnheilkundliche Begleitung durch approbierte Kieferorthopäden oder Zahnärzte angeboten werden“ dürfen.

In einer gemeinsamen Stellungnahme zu diesem Antrag formulierten die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) und die Bundeszahnärztekammer (BZÄK), dass es aus ihrer Sicht bei „gewerblichen Angeboten […] Zweifel im Hinblick auf die Einhaltung des zahnmedizinisch gebotenen Standards“ gäbe, „wobei dessen Unterschreitung je nach Geschäftsmodell mehr oder weniger evident ist“. Bei Aligner-Behandlungen zur ausschließlichen Fernbehandlung gehen BZÄK und KZBV davon aus, dass sich diese „grundsätzlich nicht für eine ausschließliche Fernbehandlung“ eigneten. Bei Angeboten unter Einbeziehung eines Zahnarztes oder einer Zahnärztin haben BZÄK und KZBV zumindest Bedenken, ob eine Verlaufskontrolle wirklich gegeben sei oder zum Beispiel durch Fotos der Zähne, die Patienten selbst machen, überhaupt möglich sei. Schlussendlich befürworten beide Interessenvertretungen eine stärkere Regulierung gewerblicher Anbieter.
 

Schlechte Erfahrungen mit Alignern

Über die Probleme und Schwierigkeiten, die Betroffene durch die Behandlung mit Alignern haben, wurde bereits in verschiedenen Medien berichtet, zum Beispiel in der Zeit, im ZDF und (hinter einer Paywall) ebenfalls in Welt und Hamburger Abendblatt. Auch uns erreichen immer wieder Beschwerden und Beratungsanfragen zu Alignern von gewerblichen Anbietern.

Danke für Ihren Hinweis!

Sie haben einen Vertrag für eine Aligner-Behandlung geschlossen? Sie konnten keinen Behandlungsfortschritt sehen? Sie hatten Schmerzen? Sie fühlten sich nicht gut betreut? Berichten Sie uns von Ihren Erfahrungen.

Gewerbliche Zahnschienen-Anbieter im Marktcheck

Die Verbraucherzentralen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz haben im Rahmen eines Marktchecks vier große gewerbliche Anbieter (Dr Smile, PlusDental/Sunshine Smile, SmileDirectClub, Ilovemysmile) von Alignern genauer unter die Lupe genommen. Sie sehen für Patientinnen und Patienten mehrere Schwierigkeiten und Nachteile. Dazu gehören neben vielem anderen die irreführende Werbung der Unternehmen, Schwachstellen in der Aufklärung, Behandlungsbegleitung und -dokumentation sowie die Umgehung gesetzlicher Regelungen für das Widerrufsrecht, aber auch schwer durchschaubare Rechtskonstruktionen reichen. Sie fordern daher eine stärkere Regulierung in diesem Feld.

Unser Rat

Eine Zahnbegradigung mittels Zahnschienen ist ein anerkanntes Verfahren und wird seit vielen Jahren angewendet. Ob Sie dafür das Angebot eines gewerblichen Unternehmens nutzen oder doch lieber in eine kieferorthopädische Praxis gehen, sollten Sie gut abwägen. Der Marktcheck der Verbraucherzentralen hat deutliche Schwächen des kontakt-reduzierten Modells mancher Aligner-Anbieter offengelegt. Informieren Sie sich daher vor Behandlungsbeginn genau über Risiken, Behandlungsablauf, Verantwortlichkeiten, Widerrufsrechte etc.

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