100 Jahre Verbraucherschutz: Von den Sülzeunruhen zur Verbraucherzentrale

Als am Morgen des 23. Juni 1919 – vor 100 Jahren dem Fuhrmann – Rüssau eines der Fässer, die er für die Fleischwarenfabrik Heil & Co. transportieren sollte, vom Wagen fiel, zerbarst und eine „breiige, undefinierbare Masse“ auf der Straße einen unangenehmen Geruch verbreitete, war das der Auslöser für die sogenannten »Hamburger Sülzeunruhen« – einen der ersten Verbraucherproteste des 20. Jahrhunderts.

100 Jahre Verbraucherschutz: Werbung für Sülze von Heil

Das Wichtigste in Kürze

  • Nach dem Ersten Weltkrieg sind Lebensmittel in Hamburg knapp und für die einfache Bevölkerung teils unerschwinglich. Günstige Sülze aus der Konserve ist für viele Menschen ein Rettungsanker.
  • Doch nach Gerüchten über die Verarbeitung von gammeligen Fleischabfällen, Tierfellen und -häuten zu Sülze kommt es im Juni 1919 – vor 100 Jahren – zum Aufstand an der Alster. 
  • Die Verbraucherproteste werden gewaltsam niedergeschlagen, Menschen sterben, die Reichswehr marschiert in Hamburg ein.

Damals vor 100 Jahren, im Juni 1919 wurde dem Sülzefabrikanten Jacob Heil vorgeworfen, matschige, schimmelige und mit Maden durchsetzte Fleischabfälle verarbeitet, diese als Sülze verkauft und so aus dem Hungerelend der Bevölkerung Kapital geschlagen zu haben. Der Ärger der Menschen über die Vorkommnisse war so groß, dass sie Heils und andere Fleischfabriken stürmten, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zogen und auch versuchten, das Hamburger Rathaus einzunehmen.

Sehr eindrucksvoll schildert ein Hamburger Bürger die damaligen Unruhen in einem Brief an seinen Sohn. Er berichtet, wie er den Protest in Hamburg erlebte, wie schließlich die Regierungstruppen einmarschierten und die Stadt abgeriegelt wurde.

Um für Verbraucherinnen und Verbraucher öffentliche Interessenvertretungen zu schaffen, wie sie für Handel und Industrie schon lange bestanden, verabschiedete die Hamburger Bürgerschaft ein Jahr später ein Gesetz über die „Kammer der Vereinigungen nichtgewerblicher Verbraucher“. Diese Konsumentenkammer gilt als ein Vorläufer der heutigen Verbraucherorganisation in Deutschland, wie sie sich vor allem in den Verbraucherzentralen darstellt.

Mit einer Ausstellung im Hamburger Rathaus erinnerten die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz, das Hamburger Genossenschafts-Museum und die Verbraucherzentrale Hamburg im Juni/Juli 2019 an die Ereignisse vor 100 Jahren und zeichneten die Entwicklung des Verbraucherschutzes in der Hansestadt nach.

Gut zu wissen

An der Fassade unseres Gebäudes im Stadtteil St. Georg erinnert seit 2015 das obige Wandgemälde an die »Hamburger Sülzeunruhen«. Mit dem Wandbild, das von der Kunststiftung Heinrich Stegemann finanziert wurde, gedenken wir erstmals ausdrücklich der Verbraucherinnen und Verbraucher, die mit ihrem Widerstand die staatliche Lebensmittelüberwachung einen entscheidenden Schritt nach vorne gebracht haben. Auf dem von der Künstlerin Hildegund Schuster geschaffenen Wandbild stehen daher die Menschen und ihr Protest gegen die Fleischpanschereien im Mittelpunkt. 

Mehr über die „Hamburger Sülzeunruhen“ lesen Sie in dem Artikel „Schuld und Sülze“ von Johanna Lutteroth auf Spiegel Online oder sehen Sie im Fernsehbeitrag „Sülzeunruhen 1919: Hamburg im Belagerungszustand“ des Hamburg Journals.

Lebensmittelskandale gestern wie heute

Ob BSE, Dioxin oder Pferdefleisch – dass die Sicherheit und Gesundheit von Lebensmitteln nach wie vor wichtige Themen sind, zeigen die zahlreichen Skandale der letzten Jahre. Mit der Ausstellung „100 Jahre Verbraucherschutz: Von den Sülzeunruhen und der Konsumentenkammer zur Verbraucherzentrale Hamburg“ schlagen wir eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und zeigen, dass es noch viele weitere Baustellen für Verbraucher gibt, um die wir uns seit Jahren kümmern: untergeschobene Verträge, unerlaubte Werbeanrufe, zu teure Kredite, intransparente Versicherungen, riskante Geldanlagen, Behandlungsfehler, die Plastikflut im Supermarkt und viele weitere mehr.

Die zahlreichen E-Mails, Anrufe und Beratungsanfragen, die uns jedes Jahr erreichen, beweisen, wie wichtig der Verbraucherschutz und die Arbeit der Verbraucherzentrale bis heute ist.