Fleisch: Label hier, Label da

Verbraucher wollen beim Fleischeinkauf mehr verlässliche Informationen zur Tierhaltung. Doch statt eines verpflichtenden staatlichen Tierwohllabels gibt es einen Dschungel an freiwilligen Kennzeichnungen. Lidl hat nun einen Haltungskompass eingeführt, der Disounter Netto einen Haltungsnachweis. Wir haben uns die Label genauer angeschaut.

Frau an der Fleischtheke

Das Wichtigste in Kürze

  1. Der Discounter Lidl kategorisiert seit April 2018 mit einem neuen Label bei Frischfleisch die verschiedenen Haltungsstandards der geschlachteten Tiere in den Stufen 1 bis 4. Eine Stichprobe in Hamburger Lidl-Filialen zeigt, dass über 95 Prozent der Fleischprodukte noch aus Massentierhaltung stammt.
  2. Die Edeka-Tochter Netto Marken-Discount versieht ihre Ware seit Mai 2018 ebenfalls mit einem Haltungsnachweis.
  3. Die Verbraucherzentralen fordern ein staatliches Tierwohllabel statt einen freiwilligen Labeldschungel.
Stand: 23.05.2018

Immer mehr Verbraucher wollen, dass Tiere gut leben, bevor sie geschlachtet werden. Der Handel reagiert darauf mit neuen Marken und Labeln. Der Discounter Lidl kategorisiert mit seinem vierstufigen „Haltungskompass“ und den Ziffern 1 bis 4 verschiedene Haltungsstandards bei Frischfleisch – von der Einhaltung gesetzlicher Mindestanforderungen bis zum Öko-Standard.

Wir meinen: Eine Kennzeichnung der Tierhaltung ist ein guter Ansatz, doch mit jedem weiteren freiwilligen Siegel wird es schwieriger, den Labeldschungel zu durchschauen. Um Verbrauchern Orientierung und Verlässlichkeit beim Einkauf zu geben, brauchen wir schnell ein einheitliches, mehrstufiges staatliches Tierwohllabel mit hohen Tierschutzstandards.

„Kritisch bewerten wir beim Lidl Haltungskompass die Stufe 2 „Stallhaltung Plus“. Sie orientiert sich an den Vorgaben der Initiative Tierwohl und bringt kaum Verbesserungen für die Tiere. Etwa 10 Prozent mehr Platz und minimales Beschäftigungsmaterial bringt das Tierwohl nicht wirklich voran. Aus unserer Sicht bleibt das Massentierhaltung und kann keine eigene Stufe darstellen. Hier muss dringend nachgebessert werden!“

Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg

Überschaubares Angebot mit höherem Tierschutzstandard

Die Verbraucherzentralen haben in zehn Bundesländern und insgesamt 13 Filialen stichprobenartig überprüft, welche Kennzeichnungen beim Frischfleischangebot von Lidl zum Tragen kommen. In den Kühltheken fanden wir überwiegend Fleisch, das lediglich den gesetzlichen Mindeststandard einhielt. Den geringfügig höheren Tierschutzstandard der Stufe 2 „Stallhaltung plus“ trug nur frisches ungewürztes Geflügelfleisch, das von Betrieben der Brancheninitiative Tierwohl stammte, bei der Tiere beispielsweise über zehn Prozent mehr Platz verfügen. Das Angebot an Frischfleisch mit höherem Tierschutzstandard der Stufe 3 „Außenklima“ war sehr überschaubar und lediglich auf ganzen Hähnchen zu finden – das jedoch nicht einmal in jeder Filiale. Das Siegel der Stufe 4 „Bio“ fand sich im Prinzip nur auf wenigen Packungen mit Hackfleisch und Gulasch.

Über 95 Prozent der Fleischprodukte in Hamburger Lidl-Märkten aus Massentierhaltung

In Hamburg waren nach unserer Stichprobe in drei Lidl-Filialen von insgesamt rund 250 Fleischprodukten über 80 Prozent der Haltungsstufe  1 „Stallhaltung nach gesetzlichem Standard“ zugeordnet und damit alle konventionellen Fleischprodukte von Schwein und Rind sowie einige Hähnchenpackungen. Rund 15 Prozent des Lidl-Fleischs mit Kennzeichnung trug das Label der Haltungsstufe 2, insbesondere Produkte aus Putenfleisch sowie einige aus Hähnchenfleisch. Nur etwa 3 Prozent des Fleischangebots in Hamburger Lidl-Märkten war mit den strengeren Stufen 3 (ganzes Hähnchen) und 4 (Bio-Hackfleisch und Bio-Rindersteak) deklariert.

Haltungskennzeichnung nun auch bei Netto

Erst vor wenigen Wochen hat Lidl seinen Haltungskompass eingeführt, nun folgt die Edeka-Tochter Netto Marken-Discount mit einem Haltungsnachweis. Das System ähnelt stark dem von Lidl. Netto führt in einer Pressemittelung dazu aus: „Während Stufe 1 dem gesetzlichen Standard entspricht, orientiert sich Stufe 2 an den Vorgaben der Initiative Tierwohl. Stufe 3 kennzeichnet Fleischprodukte mit Außenklimabereich und einem deutlich gestiegenen Haltungsniveau. Produkte der Stufe 4 entsprechen den gesetzlichen Bestimmungen für Bio-Fleisch.“ Der Discounter gibt als Zielangabe vor, dass bis Anfang 2019 „50% unseres Sortiments umgestellt“ sein sollen.

Supermarktketten wie Lidl und Netto haben mit ihren eigenen Systemen die Politik überholt. Umso wichtiger ist es, dass die Politik endlich Nägel mit Köpfen macht und ein verpflichtendes staatliches Tierwohllabel auf den Weg bringt.

Staatliches Siegel schafft Transparenz und besseres Angebot

Die Zahlen bei Lidl spiegeln den Fleischmarkt in Deutschland ganz gut wieder, meint Verbraucherschützer Valet. Praktisch alle Produkte kommen aus Massentierhaltung oder stammen von Tieren, die unter ein wenig besseren Bedingungen gelebt haben. Das muss sich ändern! Ein einheitliches staatliches Label, das hohe Standards für Tierschutz und Tiergesundheit garantiert, schafft Transparenz und Verlässlichkeit für Verbraucher, sodass diese auch durch ihr Einkaufsverhalten den Druck auf Handel und Hersteller erhöhen und bessere Haltungsbedingungen für Tiere durchsetzen können. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner sollte das seit Jahren angekündigte staatliche Tierwohllabel zügig auf den Weg bringen.

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