Wo ist das Fleisch aus besserer Tierhaltung?

Seit April 2019 kennzeichnen viele Lebensmittelhändler Fleischprodukte einheitlich mit einem freiwilligen Siegel zur Haltungsform. Doch Fleisch aus besserer Haltung bleibt Mangelware im Supermarkt. Wem das Tierwohl am Herzen liegt, hat es schwer beim Einkauf. 

Schweine im Sand

Das Wichtigste in Kürze

  1. Nur rund 10 Prozent des Fleischangebots in Supermärkten und Discountern stammt von Tieren aus deutlich besseren Haltungsbedingungen. Der größte Teil des verkauften Fleisches wird nur entsprechend der gesetzlichen Mindestanforderungen produziert.
  2. Je nach Fleischsorte variiert das Angebot sehr stark.
  3. Die »Haltungsform« des Handels ist kein Tierwohllabel. Der Hinweis ersetzt keine staatliche Tierwohlkennzeichnung mit Kriterien deutlich über dem gesetzlichen Mindeststandard.
Stand: 15.12.2020

Alle reden vom Tierwohl und artgerechterer Aufzucht von Tieren. Doch Fleisch aus tiergerechter Haltung kaufen, ist noch immer wie die Stecknadel im Heuhaufen suchen. In Supermärkten und Discountern sind die Produkte selbst anderthalb Jahre nach Einführung des Haltungsform-Labels immer noch Mangelware. In einem bundesweiten Marktcheck haben die Verbraucherzentralen geprüft, wie es um das Fleischangebot in den einzelnen Haltungsformen zurzeit bestellt ist. Das Ergebnis ist ernüchternd. Die Kennzeichnung von 1.767 Produkten wurde begutachtet.

Fleisch aus besserer Tierhaltung selten zu finden 

Mehr als die Hälfte des Frischfleischangebots (51,1 Prozent) – überwiegend Schwein und Rind – ist mit der Haltungsform Stufe 1 gekennzeichnet. Diese Stufe entspricht dem gesetzlichen Mindeststandard. Etwa ein Drittel der Produkte (35,8 Prozent) stammt aus der Haltungsform 2 – meistens Geflügelfleisch. Die Anforderungen hierfür liegen nur wenig über dem Mindeststandard.

Aus Haltungsform 4 mit den besten Standards kommt lediglich rund 10 Prozent des Angebots. Fleisch mit dem Label Haltungsform 3 ist nur in wenigen Geschäften zu finden. Knapp 3 Prozent der geprüften Ware ist damit gekennzeichnet. Beide Haltungsformen stehen für deutlich bessere Haltungsbedingungen.

Wir meinen: Das ist viel zu wenig und schränkt die Auswahl beim Einkauf erheblich ein. Bei Haltungsstufe 4 handelt es sich meistens um Bio-Fleisch, obwohl auch konventionelles Fleisch aus deutlich besserer Tierhaltung in dieser Kategorie möglich wäre, doch offensichtlich gibt es kaum Anbieter.

Kaum Entwicklung im Fleischangebot mit mehr Tierwohl

Seit der Einführung des Haltungsform-Labels im Frühjahr 2019 hat sich das Angebot kaum verändert. Damals hatten die Verbraucherzentralen einen ersten Marktcheck durchgeführt. Wie bereits 2019 stammt derzeit mehr als die Hälfte der Fleischprodukte aus Haltungsform 1, gut ein Drittel aus Haltungsform 2. Fleisch aus Haltungsform 3 macht mit drei Prozent einen verschwindend geringen Anteil aus. Haltungsform 4 ist mit gut 10 Prozent etwas häufiger vertreten.

Haltungsform  Anteil in %
(2019)
Anteil in %
(2020)
Stufe 1 56,3 51,1
Stufe 2 33,8 35,8
Stufe 3 1,7 2,9
Stufe 4 8,2 10,2

Bedeutung der »Haltungsform«-Label

Die vierstufige Kennzeichnung des Handels ist kein Tierwohllabel und kann auch nicht flächendeckend für mehr Tierwohl in den Ställen sorgen. Mehr Platz und Einstreu im Stall sind noch kein Garant für besseres Tierwohl. Für verlässliche Aussagen zum Tierwohl müssen verhaltens- und gesundheitsbezogene Parameter wie beispielsweise Lahmen, Bissverletzungen und Organbefunde in der Tierhaltung und am Schlachthof systematisch erhoben und ausgewertet werden. Die Haltungsform-Kennzeichnung ist deshalb nicht mehr als eine Übergangslösung. Wir brauchen schnellstmöglich die aussagekräftigere staatliche Tierwohlkennzeichnung.

  • Haltungsform 1 „Stallhaltung“ (rot) beschreibt den gesetzlichen Mindeststandard für die Haltung von Schweinen und Masthühnern. Bei Rindern und Puten zeigt Stufe 1 die branchenübliche Haltung an, da es für diese Tierarten keine speziellen Haltungsvorschriften gibt. Ein wenig mehr gibt es aber doch: Die Betriebe müssen zusätzlich am QS-System teilnehmen (bei Rindfleisch erst ab 2020).
  • Haltungsform 2 „StallhaltungPlus“ (blau): Schweine, Masthühner, Puten und Rinder haben etwas mehr Platz im Stall (Beispiel Schwein: + 10 Prozent) und zusätzliches Beschäftigungsmaterial; Kühe dürfen nicht angebunden sein.
  • Haltungsform 3 „Außenklima“ (orange) bedeutet, dass die Tiere neben noch mehr Platz im Stall (Beispiel Schwein: + 40 Prozent) Kontakt mit dem Außenklima haben, beispielsweise in einem überdachten Außenbereich am Stall oder durch eine nach außen offene Stallseite. Auch Futter ohne Gentechnik ist vorgeschrieben.
  • Haltungsform 4 „Premium“ (grün) bietet den meisten Platz im Stall (Beispiel Schwein: + 100 Prozent) und einen tatsächlichen Auslauf der Tiere im Freien. Das Futter ist ebenfalls ohne Gentechnik. In diese Stufe ist Bio-Fleisch einzuordnen. Auch konventionell erzeugtes Fleisch findet sich hier, wenn die Tierhaltung die beschriebenen Anforderungen erfüllt.

Unser Fazit

Es bleibt noch viel zu tun in Sachen Tierwohl! Die Haltungsbedingungen in der gesamten Nutztierhaltung müssen besser werden. Dazu braucht es ein klares Bekenntnis von Bundesregierung und Bundesländern, für alle Tierarten gesetzliche Mindeststandards sowie Zielwerte für die messbaren Tiergesundheits- und Tierwohlparameter einzuführen und schrittweise verbindlich anzuheben.

Verfügbarkeit und Auswahl verbessern 

Die vierstufige Kennzeichnung des Handels ist kein Tierwohllabel und kann auch nicht flächendeckend für mehr Tierwohl in den Ställen sorgen. Mehr Platz und Einstreu im Stall sind noch kein Garant für besseres Tierwohl. Für verlässliche Aussagen zum Tierwohl müssen verhaltens- und gesundheitsbezogene Parameter wie beispielsweise Lahmen, Bissverletzungen und Organbefunde in der Tierhaltung und am Schlachthof systematisch erhoben und ausgewertet werden. Die Haltungsform-Kennzeichnung ist deshalb nicht mehr als eine Übergangslösung. Wir brauchen schnellstmöglich die aussagekräftigere staatliche Tierwohlkennzeichnung.

  • Haltungsform 1 „Stallhaltung“ (rot) beschreibt den gesetzlichen Mindeststandard für die Haltung von Schweinen und Masthühnern. Bei Rindern und Puten zeigt Stufe 1 die branchenübliche Haltung an, da es für diese Tierarten keine speziellen Haltungsvorschriften gibt. Ein wenig mehr gibt es aber doch: Die Betriebe müssen zusätzlich am QS-System teilnehmen (bei Rindfleisch erst ab 2020).
  • Haltungsform 2 „StallhaltungPlus“ (blau): Schweine, Masthühner, Puten und Rinder haben etwas mehr Platz im Stall (Beispiel Schwein: + 10 Prozent) und zusätzliches Beschäftigungsmaterial; Kühe dürfen nicht angebunden sein.
  • Haltungsform 3 „Außenklima“ (orange) bedeutet, dass die Tiere neben noch mehr Platz im Stall (Beispiel Schwein: + 40 Prozent) Kontakt mit dem Außenklima haben, beispielsweise in einem überdachten Außenbereich am Stall oder durch eine nach außen offene Stallseite. Auch Futter ohne Gentechnik ist vorgeschrieben.
  • Haltungsform 4 „Premium“ (grün) bietet den meisten Platz im Stall (Beispiel Schwein: + 100 Prozent) und einen tatsächlichen Auslauf der Tiere im Freien. Das Futter ist ebenfalls ohne Gentechnik. In diese Stufe ist Bio-Fleisch einzuordnen. Auch konventionell erzeugtes Fleisch findet sich hier, wenn die Tierhaltung die beschriebenen Anforderungen erfüllt.

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