Insekten essen?

Schon mal Insekten probiert? Ikea forscht am neuen Insekten-Köttbullar, im Internet gibt es getrocknete Mehlwürmer und im Supermarkt findet man immer häufiger Produkte mit essbaren Insekten, zum Beispiel Insekten-Burger. Das sollten Sie wissen.

Junger Mann isst Heuschrecke

Das Wichtigste in Kürze

  1. In Asien,Lateinamerika und Afrika ist der Verzehr von Insekten längst üblich. Seit Anfang 2018 ist der Verkauf von Insekten auch in der Europäischen Union geregelt. Momentan werden noch diverse Anträge für Zulassungen bearbeitet.
  2. Insekten enthalten viel Protein, wichtige ungesättigte Fettsäuren und können umweltfreundlicher als Fleisch produziert werden.
  3. Infos zur Qualität und Hygiene sind beim Lebensmittel Insekten noch Mangelware.
Stand: 27.06.2018

In unserem Kulturkreis ist das Essen von Insekten (Entomophagie) eher unüblich. Viele ekeln sich vor diesen Krabbeltieren und möchten weder geröstete Würmer noch frittierte Grillen aufgetischt bekommen. Aber warum eigentlich nicht? Weltweit gibt es ca. 2.000 essbare Insektenarten. Würmer, Heuschrecken und Co. sind für viele eine wichtige Nahrungsquelle.

Nun könnte auch in Europa der Durchbruch gelingen, denn die EU hat Anfang des Jahres neue gesetzliche Regelungen auf den Weg gebracht. Insekten oder daraus bestehende Produkte wie Nudeln oder Burger werden bereits vermehrt angeboten. Sind Insekten das Fleisch der Zukunft? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema.

Wo kommen die Insekten her?

Fliegen oder Käfer werden in Europa nicht wild gefangen. Wer Insekten isst, trägt also nicht zum allgemeinen und ökologisch sehr bedenklichen Insektensterben bei. Die Krabbeltiere werden bisher in großen Zuchtanlagen in den Niederlanden, in Frankreich, in Kanada oder Thailand gezüchtet. Die Niederlande sind übrigens Vorreiter in Europa . Die deutschen Anbieter beziehen nach eigenen Angaben ihre Ware bislang aus diesen Ländern und die Bio-Insekten aus Kanada.

Welche Insekten werden bisher angeboten?

Es gibt bereits einige Anbieter auf dem Markt – einige produzieren schon seit einigen Jahren, andere sind noch ganz neu. Sie verkaufen vor allem Buffalowürmer, Mehlwürmer, Heuschrecken und Grillen. Im Februar 2018 haben wir einige Unternehmen zu ihrem Angebot befragt: Von ganzen Insekten – pur oder gewürzt – über Mehlwurm-Burger, Würmer- Nudeln oder Cookies mit Insektenmehl bis hin zum Proteinriegel für Sportler mit vermahlenen Grillen ist bereits viel auf dem Markt. Beliebt sind auch Gebinde mit mehreren Insektenarten. Größtenteils werden die Lebensmittel über den Online-Handel vertrieben. Doch auch in einigen Restaurants und auch in Supermärkten finden sich immer mehr Insekten-Produkte. Geschmacklich erinnern geröstete Mehlwürmer beispielsweise an Pinienkerne oder frittierte Heuschrecken an Shrimps.

Welche Nährstoffe stecken in Insekten?

Insekten können mit Milch oder Rindfleisch mithalten, denn sie enthalten viel hochwertiges Protein (Eiweiß) und Fett. Je nach Insektenart und Fütterung variieren die Nährwerte. Die Fettsäuren-Zusammensetzung ist vorteilhaft, denn die Tierchen enthalten viele ungesättigte Fettsäuren – vergleichbar mit Fisch. Sogar die Vitamine B2 und B12 sind teilweise in höheren Mengen enthalten als etwa in Vollkornbrot. Verlässliche Daten zu Vitaminen und Mineralstoffen sind jedoch noch sehr unvollständig.

Die Inhaltsstoffe von Insekten variieren je nach Verarbeitung. Bei gefriergetrockneten Insekten ist der Anteil an Fett, Kohlenhydraten und Eiweiß deutlich höher, da das Wasser entzogen wurde. Bei Insekten die nicht gefriergetrocknet, sondern tiefgefroren verkauft werden, können die Anteile niedriger ausfallen, da das Wasser anteilig noch mitberechnet wird.

Beim Essen von ganzen Insekten ist es jedoch möglich, dass die Nährstoffe nicht so gut aufgenommen werden können. Dies liegt an dem Stoff Chitin, der – ähnlich wie Cellulose in Pflanzen – ein Strukturbaustein ist. Er kommt unter anderem in Panzern von Insekten und Krebstieren vor. Das Chitin ist unverdaulich und kann die Aufnahme von anderen Nährstoffen in gewisser Weise behindern

Sind Insekten überhaupt sauber genug?

Hersteller weisen darauf hin, dass es bisher keine eigenen Standards für Insekten gibt. Es gelten die allgemeinen Anforderungen an Futtermittel (z.B. Soja oder Reiskleie), die auch für die Tierzucht zur Lebensmittelproduktion bestehen. Die bisher auf dem Markt befindlichen Insekten werden meistens zum sehr schnellen Töten bei -18 Grad Celsius tiefgefroren, gewaschen und blanchiert (kurzzeitig bei mindestens 85 Grad erhitzt, um mögliche Krankheitserreger abzutöten). Danach werden sie gefriergetrocknet und verpackt. Gegebenenfalls werden diese auch zu Mehl weiterverarbeitet. Roh sollte man Insekten nicht verzehren, davor warnen viele Experten.

Sie sollten nur Insekten essen, die auch für den menschlichen Verzehr gezüchtet wurden. Vom Essen selbst gesammelter Insekten oder solchen aus dem Zoo-Fachhandel bzw. Angel-Geschäften raten wir aufgrund der fehlenden hygienischen Sicherheit dringend ab, obwohl diese häufig sehr viel preiswerter sind. Da sich viele Krabbeltiere auch von Abfällen ernähren, sind nur die Speise-Insekten empfehlenswert. 

  • Ausscheidungen: Um eine Verunreinigung mit Magen- und Darminhalten zu vermeiden, wird die Fütterung der Insekten ca. 24 Stunden vor dem Töten eingestellt. Dadurch soll garantiert werden, dass der Darm leer ist.
  • Parasiten: In geschlossenen Zuchtstationen sind keine Parasiten üblich.
  • Zoonosen (übertragbare Krankheiten von Tier auf Mensch): Die Wahrscheinlichkeit für Zoonosen ist relativ gering, aber nicht auszuschließen. Man weiß noch wenig über die Krankheiten, die Insekten befallen können. Auf jeden Fall sollten die Tiere nicht mit tierischen oder pflanzlichen Abfällen, Holzprodukten oder tierischen Exkrementen gefüttert werden.

Wie werden Insekten produziert?

Insekten haben generell geringe Ansprüche an Platz, Futter oder ihre Umgebung. Dies macht die artgerechte Haltung der kleinen Tierchen einfacher als die artgerechte Haltung von Schweinen oder Rindern. Außerdem haben sie nur einen kurzen Lebenszyklus, bei Larven liegt dieser zwischen vier und fünf Wochen. Sie vermehren sich in kürzester Zeit  und benötigen nicht viel Platz, da sie sich auch in der Natur teilweise dicht zusammendrängen.

Unabhängige und transparente Kontrollergebnisse über die Produktionsbedingungen liegen leider noch nicht ausreichend vor. Über die Bedingungen in Asien können wir momentan noch keine Aussagen treffen. Wichtig sind vor allem das regelmäßige Entfernen von Kot bzw. das Auffrischen der Einstreu sowie die Desinfektion der Zuchteinheiten nach jedem Produktionszyklus. Auch die Qualität der Futtermittel (hygienische Verarbeitung, keine bedenklichen Pestizidrückstände oder Umweltkontaminanten) und die ständige Überwachung eines möglichen Medikamenteneinsatzes sind von großer Bedeutung. In Österreich und der Schweiz gibt es dazu beispielsweise konkrete Vorgaben. Einen kleinen Einblick in eine Bio-Farm erhalten Sie auf der Internetseite der Entomo Farms aus Kanada. Wir konnten jedoch nicht prüfen, ob alle Angaben der Besitzer in Ordnung sind. Aber da so wenig über Zuchtanlagen bekannt ist, möchten wir aus diesem Grund ein Beispiel zeigen, um zumindest etwas Transparenz zu schaffen.

Sind Allergiker gefährdet?

Bei Menschen mit Allergien gegen Hausstaubmilben oder Schalen- und Krustentiere könnte sich eine Kreuzallergie gegen Insekten entwickeln. Daher sollten Allergiker aufpassen: Wer auf Garnelen allergisch reagiert, der reagiert auch häufig auf Mehlwürmer. Diese Allergien können durch Chitin oder das Muskelprotein Tropomyosin hervorgerufen werden. Schon aus diesem Grund sollten Insekten als Zutat immer deutlich auf Lebensmittelverpackungen gekennzeichnet werden. Laut Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) ist das Risiko, allergisch auf Insekten zu reagieren, allerdings eher gering.

Dürfen Insekten schon verkauft werden?

Seit 2018 sind Insekten in die neue sogenannte Novel Food Verordnung als potenzielles Lebensmittel aufgenommen. Diese Verordnung regelt die Zulassung von neuartigen Lebensmitteln in der Europäischen Union, wie zum Beispiel in den letzten Jahren Stevia, Goji-Beeren oder Chia-Samen.

Insekten für den menschlichen Verzehr – ob ganz oder in Teilen – müssen grundsätzlich vor dem Inverkehrbringen gesundheitlich bewertet und zugelassen werden. Bis jetzt ist noch keine Insektenart in der EU als Lebensmittel zugelassen. Es wurden allerdings bereits mehrere Anträge auf Zulassung gestellt. Unter anderem für den Buffalowurm (Alphitobius diaperinus), den Mehlwurm (Tenebrior molitor) und die Kurzflügelgrille (Gryllodes sigillatus). Eine Zulassung für eine Insektenart kann mehrere Monate dauern.

Es gibt Übergangsregelungen für Produkte, die bereits vor dem 1. Januar 2018 im Verkauf waren. Diese gelten jedoch nur, wenn die Produkte nachweislich nicht beanstandet wurden und ein Nachweis für den Antrag der Übergangsregelung bei der zuständigen Behörde vorliegt. Die Übergangsregelungen gelten bis zum 1. Januar 2020. Für die Überwachung sind die einzelnen Bundesländer zuständig.

In der Schweiz sind Insekten als Lebensmittel bereits seit Mai 2017 genehmigt. Dort ist bislang der Verkauf von drei Insekten erlaubt: Mehlwurm (Tenebrio molitor), Heimchen/Grille (Acheta domesticus) und Europäische Wanderheuschrecke (Locusta migratoria). Auch die Niederlande und Belgien haben den Konsum rechtlich geregelt.

Exkurs Tierernährung: Bei eiweißhaltigen Futtermitteln von Masthähnchen oder Schweinen wird ständig nach Alternativen zu den hohen Sojaimporten gesucht. Insektenproteine sind in Europa aber bisher nur im Fischfutter zugelassen. Wissenschaftler forschen daran, ob Soja durch Insektenmehle ersetzt werden kann.

Unsere Tipps

Warum sind Insekten umweltfreundlicher als Rind- oder Schweinefleisch?

Insekten können ihre Nahrung deutlich besser in wertvolle Nährstoffe umsetzen als andere fleischproduzierende Tiere. Im Vergleich zu einem Kilo Rindfleisch wird für ein Kilo Insekten beispielsweise nur ein Achtel an Rohstoffen benötigt. Weitere Vorteile sind ein geringer Wasserverbrauch, ein geringerer Platzbedarf und die Bildung von weniger Treibhausgasen. Der Energieaufwand für die Aufzucht von Insekten ist zwar relativ hoch, aber immer noch deutlich niedriger als bei der Schweine- und Rinderhaltung. Die Aufzucht von Insekten ist in vielerlei Hinsicht umweltfreundlicher. In der Insektenzucht steckt also viel Potenzial für eine nachhaltigere Landwirtschaft!

Trotzdem sind weitere Untersuchungen und Studien zur Nachhaltigkeit der Insektenzucht dringend notwendig. Eine Bio-Zertifizierung für Insekten gibt es beispielsweise in Deutschland noch nicht, wohl aber in Kanada. Diese kanadische Zertifizierung muss von einer deutschen Bio-Kontrollstelle anerkannt werden, obwohl über die konkreten Rahmenbedingungen wenig bekannt ist. Europa hat ein sogenanntes Äquivalenzabkommen mit Kanada abgeschlossen, die gegenseitigen Bio-Standards werden anerkannt. Erste Bio-Produkte sind daher bereits im Angebot, es fehlen aber nachvollziehbare Vorgaben hinsichtlich des Platzes bei der Zucht, des Medikamenteneinsatzes oder der zugelassenen Futtermittel. Bio muss  unbedingt transparenter werden. 

Alle Angaben beziehen sich zur besseren Vergleichbarkeit auf die gleiche Menge an essbaren Insekten bzw. Rind- oder Schweinefleisch.

Gilt der Tierschutz auch für Insekten?

Insekten sind Lebewesen und haben somit eine ihnen würdige Haltung und „Schlachtung“ verdient.

Über das Schmerzempfinden der kleinen Tiere ist zwar noch nicht viel bekannt, doch die Methode des Einfrierens zum Töten kommt dem natürlichen Schicksal der wechselwarmen Tiere recht nah. Es sollte zusätzlich auf eine artgerechte Haltung, mit genügend Zugang zu Futter, Wasser und gegebenenfalls Verstecken und genügend Freiraum geachtet werden.

Ethisch bedenklich kann auch der Import aus asiatischen Ländern sein. Hier könnte durch eine erhöhte Nachfrage der Exportpreis so sehr steigen, dass die einheimische Bevölkerung sich Insekten als Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten kann. Andererseits ist es auch möglich, dass der Export von Insekten Arbeitsplätze in strukturschwachen Regionen schafft.

Vegetarier und Veganer: Insekten als Zukunftsoption?

Bei Befragungen (s. u., Masterarbeit) äußert sich diese Zielgruppe teilweise auch positiv: Das Essen von Insekten wird nicht grundsätzlich von allen ausgeschlossen. Aber zugleich gibt es viele Gegenstimmen, weil es sich um den Verzehr von Tieren handelt, die für den Konsum gezüchtet und geschlachtet werden. Die Community  diskutiert darüber. Das folgende Statement von Sebastian Joy, ProVeg-Geschäftsführung, veranschaulicht dies:

„Bisher gibt es keinen wissenschaftlichen Konsens darüber, dass Insekten keine leidens- und empfindungsfähigen Wesen sind. Solange dies nicht eindeutig geklärt ist, lehnen wir den Konsum von Insekten oder Lebensmitteln auf Insektenbasis ab.

Pflanzliche Lebensmittel können sehr viel effektiver und ressourcenschonender unsere Ernährung sicherstellen. Eine pflanzliche Ernährung aus viel frischem Obst und Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkorngetreideprodukten bietet aus unserer Sicht, die beste Möglichkeit sich gesund und ausgewogen zu ernähren. ProVeg setzt sich deshalb dafür ein, eine pflanzenbetonte Lebensweise als attraktive und gesunde Alternative allen Menschen zugänglich zu machen.“

Kommen Arzneimittel wie Antibiotika, Hormone oder andere Chemikalien zum Einsatz?

Die Züchter in Europa weisen darauf hin, dass die Insekten bisher ohne den Einsatz von Antibiotika, Hormonen oder anderen Chemikalien gezüchtet werden, doch neutrale Kontrollergebnisse gibt es bislang nicht.

Unsere Forderungen

  • Insekten oder Bestandteile von Insekten müssen in jeder Zutatenliste aufgeführt und als Allergiehinweis deutlich hervorgehoben werden. Die vorhandene Allergenkennzeichnung sollte schnellstmöglichst erweitert werden.
  • Ausführliche, unabhängige Studien zu gesundheitlichen Aspekten, Hygiene und Krankheiten, Umweltaspekten und Tierschutz sind erforderlich.
  • Die Hygienevorschriften für die Produktion und die Fütterung sollten für Insekten verbindlicher gefasst werden. Insbesondere hinsichtlich möglicher Rückstände wie Antibiotika oder Hormonen sollten die Tiere genau untersucht und die Ergebnisse transparent gemacht werden.

Ratgeber