Laktosefrei oder glutenfrei – eine Werbestrategie?

Ob Wurst, Käse, Brot oder Butter – bei laktose- oder auch glutenfreien Lebensmitteln ist der Preis-Aufschlag oft beachtlich. Doch sind die Produkte für jeden von uns sinnvoll? Bei uns lesen Sie, was Sie darüber wissen sollten.

Mann vor Supermarktregal

Das Wichtigste in Kürze

  1. Für gesunde Verbraucher haben laktose- oder glutenfreie Produkte keine Vorteile. 
  2. Einige Hersteller nutzen die Kennzeichnungen „laktosefrei“ oder „glutenfrei“, um alltäglichen Lebensmitteln ein positives Image zu verleihen.
  3. Oft sind die als Spezialprodukte deklarierten Lebensmittel wesentlich teurer als ihre „normalen Verwandten“.
Stand: 16.10.2015

Mittlerweile findet man auch in Supermärkten immer mehr Lebensmittel mit dem Hinweis „laktosefrei” oder „glutenfrei”. Häufig erwecken Hersteller und Händler den Eindruck, dass laktose- bzw. glutenfreie Produkte allgemein Gesundheit und Wohlbefinden steigern können. Doch stimmt das?

Immer mehr Lebensmittel werden zu Marketingzwecken als laktosefrei oder glutenfrei ausgelobt und überteuert verkauft. Die Umsätze in diesem Bereich wachsen Jahr für Jahr zweistellig. Doch während laktosefreie Milch eine gute Alternative für Menschen mit entsprechender Intoleranz ist, sind viele andere Lebensmittel wie Hartkäse, Mozzarella, Brot oder Putenaufschnitt unnötige Spezialprodukte und in vielen Fällen überflüssig.

Trotzdem greifen mehr und mehr Verbraucher – auch Menschen, die gar keine Unverträglichkeit haben – zu den Spezial-Nahrungsmitteln, weil sie vermuten, dass Laktose- oder Glutenfreies generell gesünder sei. Die Lebensmittelindustrie hat es geschafft, Frei-von-Essen zu einem modernen Lifestyleprodukt zu machen. Es gilt schon fast als trendy, obwohl die meisten Deutschen keine Probleme mit Milchzucker oder Gluten haben.

    Unsere Tipps für Menschen mit Laktoseintoleranz

    Wir raten betroffenen Personen, ihre Laktoseintoleranz auf jeden Fall von einem Facharzt diagnostizieren und individuell prüfen zu lassen, in welchen Mengen auch gewöhnliche Lebensmittel gegessen werden können. Jeder Mensch hat eine persönliche Toleranzgrenze.

    Wenn in normalen Fertigprodukten Milchzucker, Milchpulver, Molke oder Sahne verarbeitet wurden, dann müssen diese in der Zutatenliste auf der Verpackung aufgeführt werden. Je weiter hinten diese Beimengungen in der Auflistung stehen, desto geringer ist ihr Anteil. Kommt Laktose beispielsweise als Trägerstoff von Aromen oder Geschmacksverstärkern zum Einsatz, sind die Mengen für milchzuckerempfindliche Personen meistens unbedenklich.

    24 laktosefreie Produkte im Preisvergleich

    Unser Marktcheck im Jahr 2012 ergab, dass von Laktoseintoleranz betroffene Menschen durchschnittlich 2,4-mal so viel für Lebensmittel zahlen müssen, die als laktosefrei deklariert sind. Und das, obwohl viele Produkte von Natur aus ohnehin gar keinen oder nur sehr wenig Milchzucker enthalten. Insgesamt 24 als milchzuckerfrei gekennzeichnete Produkte aus den Bereichen Wurst und Käse, Brot und Gebäck sowie Molkereierzeugnisse haben wir unter die Lupe und deren Preise mit denen herkömmlicher Lebensmittel verglichen.

    Ergebnisse in der Zusammenfassung

    • Der durchschnittliche Preisaufschlag für die im Marktcheck untersuchten Produkte lag bei knapp 140 Prozent.

    • Laktosefreie Wurst war im Durchschnitt um 95 Prozent teurer, obwohl beispielsweise Schinken, Kochschinken und Putenbrust natürlicherweise gar keine Laktose enthalten und der Zusatz von Laktose bei der Herstellung auch nicht üblich ist.

    • Die Preise für laktosefreien Käse betrugen im Mittel 122 Prozent mehr als die für konventionelle Käseprodukte. Dabei sind z.B. die Klassiker Emmentaler, Gouda, Tilsiter und Butterkäse von Natur aus streng laktosearm und können normalerweise bedenkenlos verzehrt werden.

    • 383 Prozent teurer als normales Schwarzbrot war das als gluten- und laktosefrei deklarierte Schwarzbrot von Minus L und mit fast fünffachem Preis der Spitzenreiter im Marktcheck, obwohl Brot in der Regel gar keine Laktose enthält. Auch das in dieser Rubrik untersuchte Knäcke- und Mehrkornbrot war mit Preisaufschlägen von 170 Prozent und 277 Prozent besonders überteuert.

    • Butter, die von Natur aus laktosearm ist und ohnehin nur in geringen Mengen gegessen wird, war in der laktosefreien Variante um 217 Prozent teurer.

    Gesetzgeber in der Pflicht

    Um Verbrauchern das Einkaufen zu erleichtern, sollten nach unserer Auffassung Hersteller dazu verpflichtet werden, auf allen laktosehaltigen Lebensmitteln die genaue Menge auszuweisen. Konkrete Angaben wären für rund 12 Millionen Betroffene eine wichtige und vor allem geldwerte Einkaufshilfe, weil sie dann nur in Ausnahmefällen teure Spezialprodukte kaufen müssten.

    Darüber hinaus sollten die beiden Begriffe „laktosearm“ und „laktosefrei“ klar definiert werden. Zurzeit dürfen „laktosefreie“ Lebensmittel noch 0,1 Gramm Laktose pro 100 Gramm enthalten – konkrete gesetzliche Vorgaben fehlen.

    Das Faltblatt „Laktosefrei, glutenfrei – auch eine Werbestrategie!” und das Video Marketingtricks – Laktosefreie und glutenfreie Produkte wurden finanziert vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.