Bunte Drops und Bärchen für die Gesundheit?

Nahrungsergänzungsmittel für Kinder sind häufig überdosiert und ein teurer Spaß. Das zeigt ein Marktcheck der Verbraucherzentralen. Sie enthalten teilweise so viele Vitamine, dass sogar die empfohlenen Höchstmengen für Erwachsene und Jugendliche überschritten werden. Das Motto „Viel hilft viel“ ist hier fehl am Platz. Zu viel des Guten kann der Gesundheit von Kindern schaden. 

Nahrungsergänzungsmittel für Kinder

Das Wichtigste in Kürze

  1. Bei 85 Prozent der untersuchten Nahrungsergänzungsmittel lag mindestens eines der Vitamine oder einer der Mineralstoffe über dem Referenzwert für 4- bis 7-Jährige der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.
  2. Mehr als die Hälfte der Produkte überschritt sogar die vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vorgeschlagenen Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungen oder erreichte sie fast. Das ist besonders kritisch, denn diese Höchstmengen sind für Personen ab 15 Jahren vorgesehen und nicht für Kinder.
  3. Kinder benötigen in der Regel keine Nahrungsergänzung – weder im Kindergarten noch in der Schule. Die Kosten für die Pillen und Pülverchen des Marktchecks lagen bei bis zu 522 Euro pro Jahr.

Jedes zehnte Kind in Deutschland bekommt täglich Nahrungsergänzungsmittel oder mit Vitaminen und Mineralstoffen angereicherte Lebensmittel, einige sogar beides. Die Produkte sollen beispielsweise die Abwehrkräfte stärken oder die Konzentrationsfähigkeit erhöhen. Die Verbraucherzentralen haben 26 Nahrungsergänzungen für Kinder stichprobenartig überprüft. Das Ergebnis: Die Produkte sind meist zu hoch dosiert, was negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann.

Zu viele Vitamine und Mineralstoffe auf dem Speiseplan

Bei 85 Prozent der Produkte lag mindestens eines der Vitamine oder einer der Mineralstoffe über dem Referenzwert für 4- bis 7-Jährige der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Mehr als die Hälfte überschritt sogar die vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vorgeschlagenen Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungen oder erreichte sie fast, was besonders kritisch ist, denn die Höchstmengen des BfR sind für Personen ab 15 Jahren vorgesehen.

Die fettlöslichen Vitamine A oder D zum Beispiel können sich bei einer Überdosierung im Körper anreichern und sich in Form von Kopfschmerzen, Übelkeit oder Müdigkeit negativ auf die Gesundheit auswirken. Wir brauchen verbindliche Höchstmengen für Nährstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln. Dabei müssen auch die spezifischen Bedürfnisse von Kindern berücksichtigt werden. Bis zu einer verbindlichen Regelung sind Nahrungsergänzungsmittel für Kinder keine ausreichend sichere Produktgruppe. Vor allem Produkte in Form von Bonbons oder Bärchen bergen die Gefahr, mit Süßigkeiten verwechselt und in größeren Mengen verzehrt zu werden.

Diese Produkte überschreiten die empfohlene tägliche Höchstmenge für Vitamine und Mineralstoffe des BfR

Produktname Firma | Hersteller Stoff, der die Empfehlung des BfR überschreitet*
Centrum Frisch & Fruchtig
Lutschtabletten
Pfizer Consumer
Healthcare GmbH
Vitamin A
Centrum Vita Soft Gums Pfizer Consumer
Healthcare GmbH
Vitamin A
Das Originale Möllers
Omega-3 Kids
Orkla Health AS Norwegen;
Vertrieb Deutschland:
Doletra GmbH
Vitamin A
Doppelherz®system
IMMUN MULTI-VITAMINE
family
Queisser Pharma
GmbH & Co. KG
Vitamin A
Doppelherz®system
ENERGIE Multivitamine
family
Queisser Pharma
GmbH & Co. KG
Vitamin A
GSE Kinder Vital Complex GSE Vertrieb
Biologische Nahrungsergänzung
& Heilmittel
GmbH
Vitamin B6
MensSana Vitaldrink
Kinder
MensSana AG Kupfer
naturafit Kindervitamine
mit Calcium
Naturafit GmbH Folsäure
Orthomol junior C plus Orthomol
pharmazeutische Vertriebs
GmbH

Vitamin A
Vitamin E
Kupfer
Mangan

Orthomol junior Omega
plus
Orthomol
pharmazeutische Vertriebs
GmbH
Zink
sanostol® Lutschtabletten DR. KADE
Pharmazeutische
Fabrik GmbH
Vitamin A

*Empfohlene tägliche Höchstmenge für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln des BfR für Jugendliche ab 15 Jahren und Erwachsene: http://www.bfr.bund.de/de/presseinformation/2018/01/hoechstmengen_fuer_vitamine_und_mineralstoffe_in_nahrungsergaenzungsmitteln-203269.html

Gesundheitsangaben vermitteln oft ein falsches Bild

Die gesundheitsbezogenen Angaben, beispielsweise zur Steigerung der Leistungsfähigkeit oder Gehirnfunktion, waren bei den untersuchten Produktverpackungen zwar überwiegend zulässig, vermittelten nach unserer Auffassung aber dennoch oft ein falsches Bild. Denn Wortbestandteile werden von den Herstellern oft einfach weggelassen oder hinzugefügt und führen so zu überzogenen Versprechungen. Hier muss die Lebensmittelüberwachung genauer prüfen.

Beispiel

Der in der EU zugelassene Claim  für Zink und Selen lautet: „Zink/Selen tragen zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei“. Der Hersteller dagegen wirbt auf der Packung mit der Aussage „Das Plus für das Immunsystem. Mit Zink und Selen“, die  suggeriert, dass Zink und Selen das Immunsystem verbessert könnte.

Nahrungsergänzungen für Kinder sind in der Regel überflüssig

Kinder haben beim Essen und Trinken oft ihren eigenen Kopf. Eltern sind dann schnell in Sorge, dass der Nachwuchs zu wenig Nährstoffe aufnimmt, kränkelt oder in der Schule nicht mitkommt. Trotz der Nachteile wären Nahrungsergänzungen dann oft das Mittel der Wahl. Wir meinen: Es muss besser über die Risiken aufgeklärt werden, die durch die Aufnahme von Nahrungsergänzungsmitteln auftreten können. Eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und Bewegung an der frischen Luft sind und bleiben die Voraussetzung für eine gute Entwicklung der Kinder.

Der Verzicht auf Nahrungsergänzungsmittel außerdem gut fürs Portemonnaie: Die im Marktcheck untersuchten Nahrungsergänzungsmittel schlagen mit bis zu 522 Euro pro Kind im Jahr zu Buche – ohne erwiesenen Nutzen.

Ratgeber