Wofür wird Ethylenoxid verwendet und wie gefährlich ist der Stoff?

Mars ruft viele verschiedene Eissorten zurück. In den Süßwaren wurden Spuren von Ethylenoxid nachgewiesen. Was ist das für ein Schadstoff, der in den letzten Monaten zu so vielen Rückrufen – vor allem von Sesam-Produkten – geführt hat? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Löffel in Sesamschale

Das Wichtigste in Kürze

  1. In den letzten Monaten gab es von Herstellern immer wieder Rückrufe von Produkten, in denen Ethylenoxid nachgewiesen wurde.
  2. Ethylenoxid ist ein Pflanzenschutz- und Begasungsmittel. Als Desinfektionsmittel wirkt es gegen Pilze und Bakterien. In Deutschland ist es seit 1981 verboten. Doch seit September 2020 wurden vor allem in Sesam und sesamhaltigen Produkten Rückstände gefunden. Jetzt sind auch Zusatzstoffe wie Johannisbrotkernmehl (E 410) sowie Guarkernmehl (E 412) belastet.
  3. Ethylenoxid kann das Erbgut verändern und Krebs erzeugen.
Stand: 13.08.2021

Die krebserregende Verbindung Ethylenoxid sorgte in jüngster Vergangenheit immer wieder für Schlagzeilen. Regemäßig riefen Hersteller belastete Lebensmittel zurück, in denen der Schadstoff nachgewiesen wurde. Was ist da los? Wir liefern Antworten auf die wichtigsten Fragen.

  • Was ist Ethylenoxid?
    Ethylenoxid ist ein Pflanzenschutz- und Begasungsmittel. Als Desinfektionsmittel wirkt es gegen Pilze und Bakterien. Es ist bei Raumtemperatur gasförmig und farblos. In der Europäischen Union (EU) darf Ethylenoxid seit 1991 nicht mehr in Pflanzenschutzmitteln enthalten sein. In Deutschland ist es sogar schon seit 1981 verboten. Auch in Kontakt mit Lebensmitteln darf das Gas nicht verwendet werden.
  • Was passiert mit dem Ethylenoxid nach der Anwendung?
    Untersuchungen haben gezeigt, dass Ethylenoxid praktisch vollständig in den Stoff 2-Chlorethanol umgewandelt wird. Da es nach einer Stellungnahme des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) auch für 2-Chlorethanol Hinweise aus Tierstudien auf eine erbgutverändernde Wirkung gibt, wird dieser Stoff genauso behandelt wie das Ethylenoxid selbst. Der in der EU zulässige Rückstandshöchstgehalt von 0,05 Milligramm Ethylenoxid je Kilogramm Lebensmittel bezieht sich auf die Summe von Ethylenoxid und 2-Chlorethanol.
  • Wie gefährlich ist Ethylenoxid?
    Ethylenoxid kann das Erbgut verändern und Krebs erzeugen. Aus diesem Grund schreibt das BfR: „Einen Richtwert ohne Gesundheitsrisiko gibt es somit nicht und Rückstände des Stoffes in Lebensmitteln sind grundsätzlich unerwünscht.“ Bei einer täglichen Aufnahme von 0,037 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht beschreibt das Bundesinstitut ein um unter 1:100 000 erhöhtes Krebsrisiko, diese Menge wird daher als „Aufnahmemenge geringer Besorgnis“ bezeichnet.
    Das ist ein sehr theoretischer Wert. Deshalb hat das BfR diesen Wert auf Sesam umgerechnet: Die Aufnahmemenge geringer Besorgnis wurde für Kinder bei einem Sesamverzehr von 23,4 Gramm pro Tag bereits bei einem Rückstand von Ethylenoxid von nur 0,05 mg/kg überschritten. Bei Erwachsenen lag die Aufnahme bei 39,6 Gramm pro Tag unter der Aufnahmemenge geringer Besorgnis. Betrachtet man den mittleren Verzehr über längere Zeiträume, wird dieses Level weder bei Kindern noch bei Erwachsenen überschritten.“ Was aus unserer Sicht aber nicht berücksichtigt wird: Lebensmittel sind teilweise viel höher belastet als nur mit 0,05 Milligramm pro Kilogramm und Verbraucherinnen und Verbraucher können auch durch den Verzehr vieler weiterer Lebensmittel Ethylenoxid aufnehmen.
  • In welchen Lebensmitteln findet man Ethylenoxid?
    Seit September 2020 wurde Ethylenoxid vor allem in Sesam und sesamhaltigen Produkten wie Tahin, Müsli, Knäckebrot, Gebäck, Sesamöl oder Salattoppings nachgewiesen. Auffällig war vor allem Sesam aus Indien, der zum Teil sehr hoch belastet war – bis zum 500-fachen des erlaubten Höchstgehaltes. Eine Verpflichtung zur Angabe des Ursprungs gibt es bei Sesam oder Sesamprodukten nicht, sodass auf dem Etikett die Herkunft des Sesams nicht zu erkennen ist.

    Ganz aktuell hat Mars eine Vielzahl von Eissorten (Twix, Bounty, Snickers und M&M’s) zurückgerufen, weil der Zusatzstoff Johannisbrotkernmehl (E 410) mit Ethylenoxid belastet war und damit auch das Eis den Schadstoff in Spuren enthielt. Auch Guarkernmehl (E 412), ein weiterer Zusatzstoff, fiel durch Kontamination mit Ethylenoxid auf. Die beiden Stabilisatoren werden vielen Fertigprodukten wie Back- und Fleischwaren sowie Konfitüren bzw. Fruchtaufstrichen zugesetzt und führen zu Belastungen im Fertiglebensmitteln. Auch in Kaffee und Gewürzen wurde der Schadstoff schon nachgewiesen.
  • Wir befürchten, dass viele Lebensmittel in Deutschland trotz Belastung nicht zurückgerufen werden. Trotz einheitlicher Regelungen in Europa wurden in den letzten Monaten etwa in Frankreich 1.800 Produkte, die kontaminierte Zusatzstoffe enthielten, zurückgerufen, in Deutschland dagegen nur 54. Darauf hat die Verbraucherorganisation Foodwatch hingewiesen.
  • Sind Bio-Produkte auch betroffen?
    Ja, auch Bio-Produkte können mit Ethylenoxid belastet sein. Bei einer Untersuchung von Öko-Test sind etliche Bio Sesam-Knäckebrote negativ aufgefallen. Meist waren es Spuren, sodass die Kontaminationen beispielsweise durch Container verursacht worden sein könnten, in denen zuvor belastete Ware transportiert wurden.
  • Warum wurde das belastete Eis von Mars so spät zurückgerufen?
    Mars hat nach Recherchen von Foodwatch in den vergangenen Wochen europaweit viele Eisprodukte öffentlich zurückgerufen, jedoch nicht in Deutschland. Der im Eis verwendete Zusatzsoff Johannisbrotkernmehl (E 410) war mit Ethylenoxid verunreinigt. Grund für die Rückrufe ist der den Eiscremes beigefügte Zusatzstoff. Im Eis selbst war die Menge an Ethylenoxid unter der Nachweisgrenze geblieben, sodass Mars behauptete das Lebensmittel sei sicher und unschädlich. Es müsste nicht zurückgerufen werden. Die Mitgliedsstaaten der EU hatten sich aber im Juli darauf verständigt, dass alle Lebensmittel öffentlich zurückgerufen werden müssen, die mit Ethylenoxid belastetes E410 enthalten – auch wenn im Endprodukt die Nachweisgrenze nicht überschritten wird. Jetzt kam es auch bei Mars zu einer Kehrtwende und der Konzern hat doch einen Rückruf veröffentlicht. Aus unserer Sicht ein längst überfälliger Schritt, weil selbst kleinste Mengen an Ethylenoxid nichts in Lebensmittel zu suchen haben.
  • Warum ist Ethylenoxid in Lebensmitteln enthalten, obwohl es verboten ist?
    Außerhalb der EU kommt Ethylenoxid in einigen tropischen Ländern zum Einsatz, um Bakterien oder Pilze zu bekämpfen und wird deshalb als Desinfektionsmittel eingesetzt. Vor allem Indien ist in den letzten Monaten als Ursprung vieler belasteter Lebensmittel oder Zutaten aufgefallen. So kann Ethylenoxid durch den Import dieser Produkte nach Europa gelangen.
  • Welche Grenzwerte gibt es?
    Lebensmittel dürfen nur dann in Verkehr gebracht werden, wenn kein Ethylenoxid-Rückstand nachgewiesen werden kann. Die kleinste Menge, die derzeit bestimmt werden kann, sind 0,05 mg/kg. Diese Werte wurden in den letzten Monaten bei einigen Lebensmitteln zum Teil um ein Vielfaches (bis zu 500-fach) überschritten, wie entsprechende Kontrollen zeigten.
    Da sehr viele kontaminierte Lebensmittel aus Indien stammen, wurden die Kontrollen an den EU-Außengrenzen verschärft. Seit November 2020 müssen 50 Prozent der Importe aus Indien bei ihrer Einfuhr kontrolliert werden. Zusätzlich ist ein negativer Nachweis für diese Lebensmittel Voraussetzung, damit sie importiert werden dürfen.
  • Wo können sich Verbraucherinnen und Verbraucher informieren?
    Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit stellt auf dem Portal www.lebensmittelwarnung.de aktuelle Produktrückrufe zusammen. Auf www.produktwarnung.eu kann man nach einzelnen belasteten Produkten suchen.
  • Was kann/muss ich tun, wenn ich ein belastetes Produkt zu Hause habe?
    Falls Sie zurückgerufene Lebensmittel zu Hause haben, sollten Sie es im Handel zurückgeben oder entsorgen. In der Regel wird der Kaufpreis auch ohne Beleg erstattet. Wichtig ist es, die Chargennummer oder das Mindesthaltbarkeitsdatum zu prüfen, weil häufig nur bestimmte Chargen belastet sind.
  • Ist Ethylenoxid in den Teststäbchen für Corona-Schnelltests enthalten?
    Im Gegensatz zu Lebensmitteln darf Ethylenoxid bei der Sterilisation im Medizin-Sektor zum Einsatz kommen. Es kursiert das Gerücht, dass Ethylenoxid in den Teststäbchen für Corona-Schnelltests enthalten sei. Dies stimmt jedoch nicht! Der Stoff wird auf der Verpackung der Stäbchen genannt, da die Stäbchen mit dem Stoff desinfiziert werden. Im Herstellungsprozess wird sichergestellt, dass die Stäbchen nach der Sterilisation kein Ethylenoxid mehr enthalten.

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