Sollte ich meine Wohnung mit Desinfektionsmitteln reinigen?

Mit dem Coronavirus kamen Desinfektions­mittel in großen Mengen in unser Leben. Doch im Haushalt sind Desinfektionsprodukte meistens über­flüssig und im schlimmsten Fall sogar schädlich. Zuhause reicht normales Putzen! Die Umwelt wird es Ihnen danken! Nur manchmal können die Mittel sinnvoll sein.

Frau beim Hausputz mit Sprühflasche und Lappen in der Hand

Das Wichtigste in Kürze

  1. Immer mehr Menschen greifen zu Desinfektionsmitteln, um sich vor bestimmten Keimen wie aktuell Sars-CoV-2 zu schützen.
  2. Die meisten in Drogeriemärkten erhältlichen handelsüblichen Reiniger zur Desinfektion töten Coronaviren jedoch nicht ab. Denn nicht alle Desinfektionsmittel helfen gegen Viren.
  3. Verbraucher sollten beim Hausputz auf Desinfektionsmittel verzichten, denn sie belasten die Umwelt und können den menschlichen Organismus schädigen.
Stand: 07.09.2020

Desinfektionsmittel sind überall – in Handgel und „Hygienespray“, im Waschmittelzusatz, in Allzweckreinigern, Fuß- und Schuhspray... Gerade jetzt in der Corona-Krise greifen viele Menschen öfter zu Desinfektionsmitteln, weil sie glauben, Viren und andere Keime auf diese Weise besser bekämpfen zu können als mit normalen Reinigungsmitteln. Sind die speziellen Produkte wirklich sinnvoll?

Das Umweltbundesamt (UBA), das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und das Robert Koch-Institut (RKI) sehen den Einsatz von Desinfektionsmitteln in Privathaushalten als nicht erforderlich an. Denn: Desinfektions­mittel belasten die Umwelt und bergen gesundheitliche Risiken.

Warum Sie auf Desinfektionsmittel verzichten sollten

  • Desinfektionsmittel aus Druck-Spraydosen können durch ihre feine Tröpfchenform bis in die Atemwege des Brustraumes wandern und sind wegen ihrer geringen Größe sogar „lungengängig“. Sie dringen also bis in die Lungenbläschen vor. Die empfindlichen Schleimhäute können darauf mit Brennen in der Kehle, Hustenanfällen und Rötungen reagieren.

  • Die Wirkung von Desinfektionsmitteln ist nur von kurzer Dauer. In einer normalen Umgebung sind die Keime schon nach wenigen Minuten wieder da. Deshalb ist es unnötig, Gegenstände und Flächen im Haushalt dauerhaft zu desinfizieren.

  • Desinfektionsmittel zerstören das empfindliche Gleichgewicht bestimmter Pilz- und Bakterienstämme, die das natürliche Umfeld von Menschen und in den menschlichen Organismus gehören.

  • Desinfektionsmittel gelangen übers Abwasser in Kläranlagen und zerstören dort das Zusammenspiel einer Vielzahl von Bakterienstämmen, mindern oder vernichten sogar deren Reinigungswirkung.

  • Desinfektionsmittel können dazu führen, dass Bakterien Resistenzen gegenüber Antibiotika entwickeln. Antibiotische Mittel verfehlen dadurch zunehmend ihre Wirkung.

  • Desinfektionsmittel enthalten Stoffe, die beim Menschen Allergien und Ekzeme auslösen können.

  • Zu viel Hygiene kann Menschen mit empfindlicher Haut schaden. Schon regelmäßiges Händewaschen mit normaler Seife strapaziert den Schutzmantel der Haut. Sie braucht danach Zeit, um sich wieder zu regenerieren. Die in den Desinfektionsmitteln enthaltenen Alkohole strapazieren den Schutzfilm zusätzlich. Die Haut wird dadurch anfällig für schädliche Bakterien.

Gut zu wissen

Es ist nicht bewiesen, dass die Zusätze zur Desinfektion in Reinigungsmitteln tatsächlich etwas bewirken. Oft reicht die Konzentration der Stoffe und die meist eher kurze Einwirkzeit nicht aus, um einen Raum tatsächlich gut zu desinfizieren. Ihr Zuhause wird durch den Einsatz herkömmlicher Desinfektionsprodukte also nicht unbedingt keimfrei bzw. frei von Coronaviren, muss es unserer Meinung aber auch nicht sein. Und in der Regel sind die Keime nach kurzer Zeit wieder da.

Als behüllte Viren, deren Erbgut von einer Fettschicht (Lipidschicht) umhüllt ist, reagieren Coronaviren laut BfR empfindlich auf fettlösende Substanzen in herkömmlichen Seifen, Waschmitteln und Geschirrspülmitteln. Seife ist daher bestens geeignet, wenn es um die Beseitigung von Krankheitserregern geht: Sie zerstören Viren, Bakterien und sogar einige Parasiten. Experten gehen davon aus, dass diese Substanzen auch die Virusoberfläche von SARS-CoV-2 beschädigen und das Virus dadurch inaktiviert wird.

So putzen Sie am besten

Wer seine Wohnung mit den üblichen Putzmitteln reinigt, sorgt für ausreichende Sauberkeit – schützt außerdem die Umwelt und hilft, wichtige Bakterienstämme zu erhalten. Das sind unsere sieben wichtigen Tipps:

  • Waschen Sie Ihre Hände regelmäßig (bei Verschmutzungen, nach jedem Toilettenbesuch, vor jedem Zubereiten von Speisen, nach dem Kontakt mit Türen oder Türklinken in öffentlichen Gebäuden, und nach dem Kontakt mit Tieren oder erkrankten Menschen) – etwa eine halbe Minute lang mit milder Seife unter fließendem Wasser. Die meisten Keime werden mit den Händen übertragen.

  • Verzichten Sie auf Spezialreiniger. Verwenden Sie einfache Putzmittel wie milde Allzweckreiniger, Scheuermilch oder Spülmittel. Durch die Tenside in den Mitteln werden Keime zu 90 Prozent beseitigt.

  • Waschen Sie nach dem Kochen alle Arbeitsflächen und Werkzeuge gut ab. Holzbretter sollten Sie heiß abspülen, abbürsten und gut trocknen lassen. Waschen Sie sich anschließend die Hände.

  • Lassen Sie Tücher, Lappen und Bürsten nach Gebrauch gut trocknen und waschen Sie diese regelmäßig. Küchenschwämme und Schwammtücher sollten Sie spätestens dann entsorgen, wenn sie unangenehm riechen.

  • Säubern Sie Ihren Kühlschrank regelmäßig mit Essigreiniger und werfen Sie Angeschimmeltes umgehend in den Müll.

  • Leeren Sie Ihre Abfalleimer häufig.

  • Halten Sie Bad, Küche und WC trocken.

Desinfektionsmittel nur im Ausnahmefall

Desinfektionsmittel sollten nur in Ausnahmefällen zum Einsatz kommen und zwar dann, wenn Ihr Arzt Ihnen dazu rät oder das Gesundheitsamt es von Ihnen verlangt. Sinnvoll kann das Desinfizieren zum Beispiel sein, wenn eine Person in Ihrem Haushalt erkrankt ist und so die Infektionskette unterbrochen werden kann oder ein Familienmitglied mit einem geschwächten Immunsystem (z.B. durch eine Autoimmunerkrankung, eine Chemotherapie) bei Ihnen lebt. Das sollten Sie beachten:

  • Kaufen Sie Produkte, die Sie direkt verwenden können und nicht erst in einem bestimmten Mischungsverhältnis mit Wasser verdünnen müssen.
  • Beachten Sie die Einwirkzeiten und prüfen Sie, ob das Haltbarkeitsdatum noch nicht abgelaufen ist.
  • Nutzen Sie, wenn es tatsächlich notwendig sein sollte, zertifizierte Desinfektionsmittel aus der Apotheke und lassen Sie sich beim Kauf beraten.
  • Verwenden Sie Einwegtücher fürs Putzen oder waschen Sie Ihre Putzlappen nach der Reinigung bei mindestens 60 °C

Es ist sehr wichtig, dass Sie die Mittel richtig auswählen und einsetzen, ansonsten können Sie sich das Desinfizieren auch sparen. Damit ein Desinfektionsmittel etwas gegen Sars-CoV-2 ausrichten kann, muss es „viruzid“ oder zumindest „begrenzt viruzid“ sein. Viele Produkte, die Sie im Drogeriemarkt erhalten – oft vermarktet als „Bakterienblocker“ – erfüllen dieses Kriterium nicht und sind daher vollkommen nutzlos.​​​​

Tipp

Mehr über Desinfektionsmittel im Haushalt erfahren Sie auch bei unserem kostenlosen Vortrag „Sind wir noch ganz sauber?“, der am 21. Oktober bei uns in der Verbraucherzentrale stattfindet. ⇒ Zur Anmeldung: www.vzhh.de/veranstaltungen

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