JA zum Nutri-Score!

Viele Menschen möchten Zuckerbomben und Fettfallen auf den ersten Blick erkennen können. Eine neue Nährwertkennzeichnung auf der Vorderseite von Verpackungen soll Verbrauchern beim Einkauf helfen. Wir favorisieren das Modell des sogenannten Nutri-Score. Nun sollen die Konsumenten entscheiden.

Verschiedene Lebensmittel auf Waage zwischen Nutri-Score

Das Wichtigste in Kürze

  1. Eine gute Nährwertkennzeichnung kann dabei helfen, eine bessere Ernährung umzusetzen und Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf- Erkrankungen vorzubeugen.
  2. Komplizierte Nährwerttabellen machen es Verbrauchern nicht gerade leicht, schnell eine gute Entscheidung zu treffen. Das fünfstufige, farbliche Modell des Nutri-Score kann Orientierung auf einen Blick geben. Die Verbraucherzentralen favorisieren diese Variante der Kennzeichnung. Die Europäische Bürgerinitiative »Pro-Nutriscore« macht sich ebenfalls dafür stark.
  3. In Deutschland wollen die Unternehmen Bofrost, Danone, Iglo, McCain, Mestemacher und Nestlé ihre Produkte mit dem Nutri-Score kennzeichnen. Das Bundesernährungsministerium hat eine Verbraucherumfrage zur Nährwertkennzeichnung gestartet und stellt noch drei weitere Modelle zur Wahl.
Stand: 22.07.2019

Von Fischstäbchen bis Cola ​– wir haben den Nutri-Score beispielhaft für einige Produkte berechnet und diese gelabelt. Sogar Nutella gibt es bei uns mit dem Nutri-Score. Und wir haben die wichtigsten Fragen zum Nutri-Score beantwortet.

Umfrage zu Nährwertkennzeichnung

Die Umsetzung einer farblichen Nährwertkennzeichnung gestaltete sich in den letzten Wochen wie ein Krimi. Dem französischen Nutri-Score folgte ein Modell der deutschen Lebensmittelwirtschaft und dem wiederum ein Vorschlag des staatlichen Max Rubner-Instituts. Große Lebensmittelhersteller wie Danone, Iglo, Bofrost oder Nestlé wollten den Nutri-Score so schnell wie möglich einsetzen und drangen auf die Beseitigung rechtlicher Hürden und auf die Notifizierung in Deutschland. Dann stoppte ein Gericht per einstweiliger Verfügung die Kennzeichnung von Iglo-Produkten mit dem Nutri-Score. Zeitgleich gründete sich die Europäische Bürgerinitiative »Pro-Nutriscore«, damit es weiter voran geht!

Nun will Bundesernährungsministerin Julia Klöckner die Konsumenten in die Entscheidungsfindung einbeziehen und hat eine Verbraucherumfrage zur Nährwertkennzeichnung gestartet. Vier Modelle stehen dabei zur Wahl:

  • Das Modell des Max Rubner-Instituts, das Salz, Zucker und Fett pro 100 Gramm in separaten Waben anzeigt, die bei niedrigem Gehalt blaugrün gefärbt sind. Eine große Wabe zeigt die Gesamtbewertung.
  • Die Lebensmittelwirtschaft hat ein Modell mit fünf Kreisen vorgeschlagen, in denen die Kalorien sowie der Gehalt an Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz pro 100 Gramm stehen. Eine farblich abgesetzter Hinweis bei zu hohen Werten ist nicht vorgesehen.
  • Das Keyhole-Modell aus Skandinavien signalisiert mit einem weißen Schlüsselloch auf grünem Grund eine positive Nährwertbewertung.
  • Der Nutri-Score fasst die verschiedenen Eigenschaften eines Lebensmittels zusammen und bewertet diese auf einer fünfstufigen Skala – von einem grünen A bis zu einem roten E.

Was ist der Nutri-Score?

Der Nutri-Score ist eine farbliche Nährwertkennzeichnung, die verschiedene Eigenschaften eines Lebensmittels zusammenfasst und auf einer fünfstufigen Skala – von einem grünen A bis zu einem roten E – bewertet. Diese Punkteliste bewertet also nicht nur einzelne Komponenten, wie Zucker oder Fett, sondern auch den Obst- oder Gemüseanteil im gesamten Lebensmittel. Der Nutri-Score wird jeweils vorne auf die Verpackung eines Lebensmittels gedruckt. Hinten sind wie gewohnt  die Nährwertkennzeichnung und die Zutatenliste zu finden. Die Informationen beziehen sich jeweils auf 100 Gramm  bzw. 100 Milliliter.

Wer hat den Nutri-Score erfunden?

Der Nutri-Score wurde von unabhängigen Ernährungswissenschaftlern entwickelt. Bereits seit 2017 wird die Kennzeichnung für verarbeitete Lebensmittel in Frankreich verwendet. Allerdings muss man – genau wie in Deutschland – die Produkte noch in den Regalen suchen. Die französische Regierung empfiehlt Lebensmittelherstellern, die Kennzeichnung anzuwenden. Der Einsatz ist aber – wie in Deutschland auch – bislang freiwillig. Leider ist kein Anbieter verpflichtet, seine Erzeugnisse mit dem Nutri-Score zu kennzeichnen.

In Frankreich wurde untersucht, wie Kunden am einfachsten Lebensmittel erkennen können, die einen positiven Beitrag für eine ausgewogene Ernährung liefern.  Der Nutri-Score schnitt immer am besten ab: Nutri-Score - It's easier to eat better (auf Englisch). Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat eine aktuelle Befragung veröffentlicht: Eine große Mehrheit ist auch in Deutschland für den Nutri-Score!

Wie werden beim Nutri-Score die Punkte verteilt?

Um den Nutri-Score eines Lebensmittels zu berechnen, werden die Mengen verschiedener Inhaltsstoffe in 100 Gramm bzw. 100 Milliliter des Produkts ermittelt. Dabei werden auf der einen Seite Nährstoffe einbezogen, die negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben können: der Energiegehalt, Zucker, gesättigte Fettsäuren und Salz (Natrium). Auf der anderen Seite werden auch Eigenschaften des Produkts berücksichtigt, die eine positive gesundheitliche Wirkung haben können. Dabei handelt es sich um den Ballaststoff- und Eiweißgehalt sowie den Anteil an Obst, Gemüse und Nüssen. Für die verschiedenen Inhaltsstoffe gibt es Punkte, die eine Gesamtpunktzahl ergeben, aus der wiederum die Bewertung auf der Skala von grün und „A“ bis rot und „E“ abgeleitet wird.

Auf welchen Lebensmitteln befindet sich schon der Nutri-Score?

 Der Nutri-Score ist zur Kennzeichnung von verarbeiteten Lebensmitteln gedacht und wird erst einmal von einzelnen Lebensmittelherstellern freiwillig eingeführt. Nestlé hat sich europaweit dafür ausgesprochen und wartet auf die Notifizierung in Deutschland. Danone, Iglo, Bofrost, McCain und der Brot- und Backwarenhersteller Mestemacher haben damit begonnen. Einzelne Produkte  sind schon jetzt mit der Kennzeichnung in Supermärkten in Frankreich zu finden. Belgien, Spanien, Portugal und Luxemburg wollen ebenfalls folgen. 

In Deutschland hat der „Schutzverband gegen Unwesen in der Wirtschaft“ dieses begrüßenswerte Vorgehen erst einmal gestoppt. Danone nannte als Ziel, den Nutri-Score bis Ende 2019 auf 90 Prozent aller in Deutschland verkauften Lebensmittel aufzudrucken. Iglo plante, die ersten gekennzeichneten Produkte im zweiten Quartal des Jahres in die Läden zu bringen. Auch Bofrost zeigt den Nutri-Score bereits auf seiner Website an. McCain wollte ab Mai deklarieren. Doch das unsägliche Urteil stoppt erstmal diese wichtigen Maßnahmen.

Welche Nachteile hat der Nutri-Score?

Der Nutri-Score ist kein umfassendes Bewertungssystem für Lebensmittel. Methoden, die Dinge vereinfachen, haben naturgemäß auch Lücken. Daran kann man nichts ändern. Neben den vielen Befürwortern gibt es auch Kritiker. Sie bemängeln:

  • Vereinfachung: Der Score berücksichtige nicht alle wertgebenden Inhaltsstoffe, zum Beispiel Vitamine, Mineralstoffe oder ungesättigte Fettsäuren. Deshalb sei der Nutri-Score in der Bewertung zu sehr vereinfacht und würde der Vielfalt an Eigenschaften eines Lebensmittels, die Auswirkungen auf die Gesundheit haben, nicht gerecht werden.
    Wir meinen: Ohne Vereinfachung kann eine Bewertung auf einen Blick nicht gelingen.

  • Zusatzstoffe: Zahlreiche Zusatzstoffe, wie Geschmacksverstärker, Süßstoffe oder Aromen, berücksichtige der Nutri-Score nicht. Hersteller könnten die Bewertung ihrer Produkte dadurch verbessern, dass sie mehr Zusatzstoffe einsetzen, um beispielsweise den Fettanteil zu verringern.
    Wir meinen: Hier hilft ein Blick auf die Zutatenliste weiter.

  • Nachhaltigkeit: Die regionale Herkunft, der ökologische Anbau oder Gentechnikfreiheit würden nicht bewertet, obwohl diese Aspekte vielen Kunden wichtig sind.
    Wir meinen: Dafür gibt es zusätzliche Label wie z.B. „Bio“ auf dem Etikett.

  •  Freiwilligkeit: Die Kennzeichnung sei in der Europäischen Union nicht verpflichtend. Da der Nutri-Score bisher nur von wenigen Herstellern eingeführt würde, sei der Vergleich zwischen verschiedenen Lebensmitteln noch nicht möglich.
    Wir meinen: Der Nutri-Score sollte für alle verpflichtend werden.

  • Nachvollziehbarkeit: Den Ampelcheck könne man einfach und unkompliziert selbst durchführen, mit Hilfe einer Checkkarte sogar vor Ort  im Supermarkt. Das ginge beim Nutri-Score nicht immer, z.B. wenn man den Gehalt an Obst und Gemüse nicht kennen würde.
    Wir meinen: Der Nutri-Score ist umfassender als die Ampel, daher ist auch die Berechnung komplizierter. Einige Anbieter stellen die Scala zu ihren Produkten bereits ins Internet.

Welche weiteren Meinungen gibt es?

  • „Das in Frankreich eingeführte System Nutri-Score bietet die Chance, positive und negative Elemente von Fertigprodukten in einem einzigen Wert erkennbar zu machen.“ Zitat auf www.topagrar.com, gesehen am 21.03.2019 sowie „Ein Nährwertkennzeichnungssystem muss wissenschaftlich basiert erarbeitet, in Testmärkten auf seine Wirksamkeit geprüft und in einem Dialogprozess mit verschiedenen Stakeholdern erarbeitet werden. Das Nutri-Score-Modell in Frankreich erfüllt diese Kriterien und ist ein sehr überzeugendes Beispiel aus der Praxis. Es kann Vorbild für Deutschland sein.“ (Klaus Müller, Vorstand Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), 07.03.2019)
  • Wir alle wollen das Gleiche: Dass die Menschen Spaß am Essen haben. Aber auch, dass sie damit ihre Gesundheit nicht gefährden. ... Es gibt keinen mündigen Verbraucher, der das so gut weiß. Wir müssen es ihm leichter machen, und das muss durch eine einfache Kennzeichnung unterstützt werden. 
    Prof. Dr. med. Hans Hauner,  Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin, TU München und Deutsche Diabetesgesellschaft, Zitat bei www.br.de, gesehen am 21.03.2019
  • „Eine leicht verständliche Nährwertkennzeichnung steht im Einklang mit der Strategie von Danone, sich für die Entwicklung von gesünderen Ess- und Trinkgewohnheiten einzusetzen. Wir wollen Konsumenten mit unseren Marken begeistern und sie gleichzeitig dabei unterstützen, bewusstere Entscheidungen beim Einkaufen zu treffen. Nutri-Score bietet die Chance, dass Wissenschaft, Verbraucherschützer, Politik und Unternehmen für mehr Transparenz und bessere Ernährung an einem Strang ziehen.“
    Richard Trechman, Country Manager Danone DACH, Zitat auf www.danone.de, gesehen am 21.03.2019
  • „Im Rahmen unseres Vollsortiments mit rund 800 Eiskrem- und Tiefkühlspezialitäten bieten wir als Direktvertrieb unseren Kunden mit der Einführung des Nutri-Scores eine wichtige Entscheidungshilfe bei der Wahl ihrer Lebensmittel. Damit schaffen wir in Bezug auf unsere Produkte ein großes Maß an Transparenz und helfen unseren Kunden sich bewusst und individuell ausgewogen zu ernähren.“
  • Dr. Andreas Bosselmann, Leiter Qualitätsmanagement International bei Bofrost, Zitat auf www.bofrost.de, gesehen am 21.03.2019
  • „Wir sind uns mit den Befürwortern des Nutriscore darin einig, dass es für die Verbraucher schneller und einfacher ersichtlich sein muss, ob es sich um ein qualitativ hochwertiges  Lebensmittel handelt oder nicht. Gemeinsam geht es uns darum, die Transparenz zu erhöhen. Aus unserer Sicht sollte der Nutriscore allerdings auch möglicherweise eingesetzte Zusatzstoffe und Aromen berücksichtigen.“ 
    Friederike Ahlers, Firma Frosta Tiefkühlkost GmbH; per Mail am 21.03.2019
  • „Das jetzt vorgestellte Modell des MRI erfüllt jedoch nicht die Anforderungen des vzbv an eine vereinfachte und verbraucherverständliche Kennzeichnung, da es sehr komplex ist und keine farbliche Orientierung bietet. Durch eine Vielzahl an Informationen und Symbolen ist es nicht intuitiv und auf den ersten Blick verständlich. Zudem arbeitet das Modell nicht mit unterschiedlichen Farben, die die Nährwertqualität von Lebensmitteln einfach und selbsterklärend bewerten.“ (Klaus Müller, Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverband, 23.05.2019)

Unser Fazit

Wir brauchen dringend ein vereinfachtes Kennzeichnungssystem für Lebensmittel, denn die derzeitigen Informationen auf Etiketten finden viele Verbraucher zu kompliziert. Daher ist der Nutri-Score ein bedeutender Schritt in die richtige Richtung. Kein vereinfachtes System kann allumfassend sein, daher weist auch der Nutri-Score Lücken auf. Aber als weitere Informationsquellen stehen die Zutatenliste, die Nährwerttabelle oder Label (z.B. Bio oder gentechnikfrei) auf dem Etikett.

Wir fordern: Keine Rolle rückwärts beim gesundheitlichen Verbraucherschutz und keine ewigen Diskussionen mehr, nur um mehr Klarheit bei hohen Zuckergehalten oder ungesunden Fetten zu unterbinden. Verbraucherorganisationen, Krankenkassen oder Ärzte forderten schon seit Jahren eine Ampelkennzeichnung auf Fertiglebensmitteln. 

Der Nutri-Score ist ein gut untersuchtes und positiv erprobtes Hilfsmittel, um möglichst schnell den gesundheitlichen Wert eines Lebensmittels zu beurteilen und unterschiedliche Lebensmittel miteinander vergleichen zu können. Unterschiedliche Kekssorten, Joghurts oder Limonaden lassen sich gut gegenüberstellen, da sich der Nutri-Score auf 100 Gramm bzw. 100 Milliliter bezieht. Mit Hilfe der Skala lässt sich beim Einkauf eine bewusste Entscheidung für eine ausgewogene Ernährung treffen. Darüber hinaus kann der Nutri-Score Lebensmittelhersteller motivieren, die Rezepturen ihrer Produkte zu verändern und die Nährwerte ausgewogener zu gestalten.

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