Lebensmittel mit Klimabonus?

Gemüselasagne statt Rinderroulade, Obst aus dem Alten Land statt exotische Früchte vom Äquator: Wenn Sie etwas für den Klimaschutz tun möchten, können Sie beim Essen beginnen und zum Beispiel weniger Fleisch essen. Doch welche Produkte sind schädlich fürs Klima und welche nicht? Die Einführung eines transparenten und einfach verständlichen Klimalabels würde Konsumenten helfen.

Bananen im Supermarkt

Das Wichtigste in Kürze

  1. Nach Recherchen und zurückliegenden Untersuchungen der Verbraucherzentralen zeigen sich große Schwächen bei Transparenz und Glaubwürdigkeit von Klimalabeln auf Verpackungen.
  2. Im Internet finden sich deutlich häufiger Aussagen der Hersteller zu klimarelevanten Aktivitäten als auf der Verpackung. Die Aussagen sind jedoch meist abstrakt, unkonkret und nicht transparent.
  3. Die Verbraucherzentrale Hamburg macht sich für eine verpflichtende Einführung eines unabhängig kontrollierten und  für Verbraucher transparenten Labels stark.
Stand: 29.09.2020

Insgesamt verursacht jeder von uns pro Jahr ca. 10 Tonnen Treibhausgasemissionen, ein Fünftel davon grob kalkuliert nur durch seine Ernährung. Durch unser Kauf- und Ernährungsverhalten können wir direkten Einfluss auf die Menge der Emissionen nehmen.

Vegane Alternativen zu Fleisch-, Wurst-, und Milchprodukten, zum Beispiel Burger ohne Fleisch, verbessern die CO2-Bilanz deutlich und auch der Ökolandbau in der Region lässt Transportwege schrumpfen und verzichtet beispielsweise auf energieintensiven Stickstoffdünger. Saisonales Obst und Gemüse muss nicht mit hohem Energieaufwand in Treibhäusern heranwachsen oder per Flugzeug importiert werden und auch bei der Verarbeitung, Kühlung und Verpackung lässt sich viel Energie sparen. Es ist also kein Wunder, dass für immer mehr Menschen auch beim Einkauf von Lebensmitteln der Klimaschutz eine zunehmend wichtigere Rolle spielt. Doch wie kann ich Produkte mit Klimabonus erkennen?

Klimalabel und -aussagen zu wenig transparent

Mit speziellen Klimalabeln auf ihren Produkten will die Lebensmittel­branche ihr Engagement in Sachen Klimaschutz sichtbar machen und gleich­zeitig ein Verkaufsargument liefern. Doch die wenigen Label, die die Klima­bilanz transparenter machen sollen, sind unserer Auffassung nach meistens unzureichend und wenig aussagekräftig. Das muss sich dringend ändern! Nach einer erfolgreichen Unterschriftenkampagne des schwedischen Unternehmens Oatly, wird sich erfreulicherweise der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags im Herbst 2020 mit dem Thema Klimalabel beschäftigen.

Ein sehr guter Vorschlag stammt aktuell von Herrn Prof. Dr. Achim Spiller (Lehrstuhl Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte, Universität Göttingen) und Dr. Anke Zühlsdorf( (Zühlsdorf + Partner, Agentur für Verbraucherforschung und Lebensmittelmarketing), die ein verpflichtendes, staatliches, zunächst im Wesentlichen auf Durchschnittswerten basierendes, mehrstufiges und interpretatives Klimalabel fordern (mit Farbcodierung und ergänzenden CO2-Äquivalenten).

Auch auf ihren Internetseiten informieren die Hersteller gerne über klimarelevante Aktivitäten. Von simplen Aussagen wie „Klimaschutz hat für uns höchste Priorität“ oder „so werden 4.000 Tonnen Kohlendioxid vermieden“ bis hin zur ausführlichen Beschreibung von Zertifizierungsprozessen findet man eine große Bandbreite an Darstellungen. Die Mehrzahl der Anbieter bleibt in den Aussagen jedoch abstrakt und unkonkret.

Klimaschutz mit dem Einkaufszettel

Aktiven Klimaschutz beim Lebensmitteleinkauf praktizieren, das kann den Treibhauseffekt mindern. Denn Landwirtschaft und Ernährung sind in Deutschland zu etwa einem Fünftel am Ausstoß klimaschädlicher Gase beteiligt. Wir geben sieben Tipps für einen klimafreundlichen Einkauf.

1. Mehr pflanzliche Lebensmittel essen: Weniger Fleisch und Milchprodukte sind besser – für die Gesundheit und das Klima. Die Produktion von Fleisch und Käse ist besonders energieintensiv und klimabelastend, da im Mittel sieben pflanzliche Kalorien notwendig sind, um eine tierische Kalorie zu erzeugen. Bei der Produktion von einem Kilo Rindfleisch werden 6,5 kg CO2 freigesetzt. Ein Kilo Obst verursacht dagegen nur 0,5 kg CO2, Gemüse sogar nur 150 g CO2.

2. Regionales und saisonales Obst und Gemüse bevorzugen. So werden Transportwege vermieden und Arbeitsplätze erhalten, Wirtschaftskraft und Landschaft vor der Haustür. Vieles wird über Tausende von Kilometern geflogen, beispielsweise Äpfel aus Argentinien (11.000 km), Erdbeeren aus Südafrika (9.000 km), Kiwis aus Neuseeland (18.000 km) oder auch Fisch aus fernen Ländern. Der Transport per Flugzeug verursacht etwa 1.000 g CO2 je t und km, per Lkw etwa 200 g CO2 je t und km und per Bahn etwa 80 g CO2 je t und km. Eingeflogene Lebensmittel schaden dem Klima 80-mal mehr als Schifftransporte und 300-mal mehr als heimische Erzeugnisse.

3. Öko-Landbau kommt mit weniger Energie aus und bindet mehr Kohlenstoff in Böden und Biomasse – Bio-Lebensmittel schonen die Umwelt und das Klima und sind zugleich weniger mit Rückständen belastet. Die Bio-Landwirtschaft braucht im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft nur ein Drittel der fossilen Energie, vor allem weil auf energieintensive chemisch-synthetische Dünger und Pflanzenschutzmittel verzichtet wird.

4. Frisches und wenig verarbeitetes Obst und Gemüse enthält am meisten gesunde Pflanzenstoffe. Tiefkühllebensmittel sind ernährungspyhsiologisch zwar vergleichbar, belasten aber das Klima. Von der Verarbeitung über Transport, Handel und im Haushalt muss die Kühlkette gewährleistet werden – das kostet viel Energie und 6 kg CO2 pro kg Essen. Überdies laufen zu Hause die Kühlgeräte 24 Stunden täglich.

5. Abgefülltes oder sogar importiertes Mineralwasser aus dem Supermarkt stellt eine unnötige Umweltbelastung dar. Wasser gleicher Qualität gibt es auch aus der Region. Der Abfüller steht auf dem Etikett. Die bessere Alternative um Treibhausgasemissionen deutlich einzusparen ist jedoch den Wasserhahn aufzudrehen und selbst einwandfreies Trinkwasser aus der Leitung zu zapfen.

6. Auf Siegel achten. Zwar gibt es kein richtig gutes Regional-Label, doch das freiwillige Regionalfenster kann bei der Orientierung helfen. Ein genauer Blick aufs Etikett ist trotzdem geboten, denn Produkte mit dem Regionalfenster können deutschlandweit vermarktet werden.

7. Lieber zum Wochenmarkt oder zum Hofladen, als in den Supermarkt gehen. Hier kommt der Honig noch vom Imker um die Ecke und das Obst und Gemüse aus der Region. Doch Achtung, auch auf dem Markt können Waren aus fernen Ländern oder Regionen stammen. Die Marktleute geben Auskunft zum Anbaugebiet.

Unser Fazit

Da für Verbraucherinnen und Verbraucher eine realistische Einschätzung der Klimabilanz von Lebensmitteln kaum möglich ist, sollten Angaben zum Klimaschutz nicht nur trendige Extras auf der Verpackung sein! Es sind wichtige Botschaften, die man nicht als reines Marketinginstrument missbrauchen darf. Die Kommunikation zu allen Nachhaltigkeitskriterien muss deshalb verlässlich, verbindlich und verständlich für Konsumenten sein.

Wir sehen an dieser Stelle in erster Linie den Gesetzgeber in der Pflicht: Er muss sicherstellen, dass die mit dem Label beworbenen Vertrauenseigenschaften halten, was sie versprechen. Dafür müssen nicht nur der Name des Zertifizierers, sondern auch die für das Klimalabel angelegten Kriterien offengelegt werden. Darüber hinaus sollte es aus unserer Sicht eine neutrale oder gar staatliche Kontrollinstanz geben.

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