Nutri-Score: gesucht und 1.000 Mal gefunden

Viele Menschen möchten Zuckerbomben und Fettfallen auf den ersten Blick erkennen können. Dabei soll eine neue Nährwertkennzeichnung auf der Vorderseite von Verpackungen helfen: der Nutri-Score. Auf rund 1.000 Produkten haben wir das Label bereits gefunden. Tendenz steigend, nur auf weniger gesunden Lebensmittel sucht man den Nutri-Score oft vergebens.

Verschiedene Lebensmittel auf Waage zwischen Nutri-Score

Das Wichtigste in Kürze

  1. Komplizierte Nährwerttabellen machen es Verbrauchern nicht gerade leicht, schnell eine gute Entscheidung beim Einkauf zu treffen. Das fünfstufige, farbliche Modell des Nutri-Score kann Orientierung auf einen Blick geben.
  2. Auf über 1.000 Verpackungen von Produkten ist der Nutri-Score bereits zu finden. Für die Verbraucherzentrale ist das ein erster Schritt in die richtige Richtung. Weniger gesunde Lebensmittel werden allerdings oft nicht deklariert.
  3. Eine gute Nährwertkennzeichnung kann dabei helfen, eine bessere Ernährung umzusetzen und Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen.
  4. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) wird die rechtliche Grundlage zur freiwilligen Kennzeichnung von Lebensmitteln mit dem Nutri-Score schaffen. Ziel sollte allerdings eine verpflichtende Kennzeichnung von Fertiglebensmitteln in ganz Europa sein.
Stand: 12.05.2020

Von Gemüse bis Cola ​– wir waren dem Nutri-Score auf der Spur. Wir haben recherchiert, fotografiert und und bei Firmen angefragt. Einige Produkte haben wir auch selbst gelabelt. Sogar Nutella gibt es bei uns mit dem Nutri-Score. Und wir beantworten die wichtigsten Fragen zu der neuen Nährwertkennzeichnung.

Nach jahrelangem Zögern hat sich die Politik für eine neue Nährwertkennzeichnung entschieden. In Deutschland können Lebensmittelhersteller ihre Produkte freiwillig mit dem sogenannten Nutri-Score deklarieren. Eine entsprechende Verordnung soll laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) im Herbst 2020 in Kraft tretenMomentan geht es vor allem darum, rechtliche Fragen in Deutschland und Europa zu klären. Ein weiterer Schritt nach vorne: Die EU-Kommission hat sich für eine erweiterte verpflichtende Nährwertkennzeichnung ab 2022 ausgesprochen: Pressemitteilung des Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) vom 20.05.2020

Europäische Verbraucherorganisationen und Firmen wie Nestlé, Danone oder McCain fordern ebenfalls eine verpflichtende Einführung des Nutri-Score in Europa. Zu den Unterstützern gehören auch die Handelsketten Rewe und Kaufland. 

Auf welchen Lebensmitteln befindet sich der Nutri-Score bereits?

Einige Unternehmen preschen voran und kennzeichnen ihre Lebensmittel eifrig. Für rund 1.000 Produkte konnten wir den Nutri-Score bereits finden – vor allem auf Websites, aber auch auf den Verpackungen direkt. Eine Entwicklung mit steigender Tendenz und doch ein Tropfen auf den heißen Stein. Ein Problem: Bei eher nicht so gesunden Lebensmitteln sucht man das Label meist vergebens. Das sind die Vorreiter der Branche:

Hersteller Nutri-Score auf Etikett? Nutri-Score auf Website? Weitere Hinweise zur Umsetzung des Nutri-Scores
Alpro 75 von 88
 
 alle Produkte (73) bis Ende 2020 auf allen Verpackungen
Bofrost 318 von 540
 
alle Produkte (540) Nährwertbroschüre und eine Filterfunktion „Nutri-Score“ auf Website, neue Verpackungen nur noch mit Nutri-Score 
Bonduelle 53 88 bis Januar 2021 auf allen Verpackungen
Danone 102 ( > 95% der Produkte) ja, teilweise bis November 2020 sollen alle Produkte den Nutri-Score tragen
Harry Brot 3 (Neueinführungen)

ja, selten

bis Mitte 2021 auf allen Verpackungen
Iglo knapp 50 (ein Drittel der Produkte) alle Produkte (137) bis Mitte 2021 auf allen Verpackungen
McCain 9 von 24 alle Produkte (24) schrittweise Umsetzung, Zeitraum nicht konkretisiert
Mestemacher teilweise, genaue Anzahl unbekannt 43

bis Mitte 2021 auf allen Verpackungen

Nestlé 39 (vor allem bei Wagner, Garden Gourmet, Cerealien und Maggi) ja, selten
 
bis Mitte 2022 auf allen Verpackungen

Stand: 12. Mai 2020

Was ist der Nutri-Score?

Der Nutri-Score ist eine farbliche Nährwertkennzeichnung, die verschiedene Eigenschaften eines Lebensmittels zusammenfasst und auf einer fünfstufigen Skala – von einem grünen A bis zu einem roten E – bewertet. In die Punkteliste fließen nicht nur einzelne Komponenten wie Zucker oder Fett ein, sondern auch der Obst- oder Gemüseanteil im gesamten Lebensmittel. Der Nutri-Score wird jeweils vorne auf die Verpackung eines Lebensmittels gedruckt. Hinten sind wie gewohnt  die Nährwertkennzeichnung und die Zutatenliste zu finden. Die Informationen beziehen sich jeweils auf 100 Gramm  bzw. 100 Milliliter.

Wer hat den Nutri-Score erfunden?

Der Nutri-Score wurde von unabhängigen Ernährungswissenschaftlern entwickelt. Bereits seit 2017 wird die Kennzeichnung für verarbeitete Lebensmittel in Frankreich verwendet. Allerdings muss man – genau wie in Deutschland – die Produkte noch in den Regalen suchen. Die französische Regierung empfiehlt Lebensmittelherstellern, die Kennzeichnung anzuwenden. Der Einsatz ist aber – wie in Deutschland auch – bislang freiwillig. Leider ist kein Anbieter verpflichtet, seine Erzeugnisse mit dem Nutri-Score zu kennzeichnen.

Wie werden beim Nutri-Score die Punkte verteilt?

Um den Nutri-Score eines Lebensmittels zu berechnen, werden die Mengen verschiedener Inhaltsstoffe in 100 Gramm bzw. 100 Milliliter des Produkts ermittelt. Dabei werden auf der einen Seite Nährstoffe einbezogen, die negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben können: der Energiegehalt, Zucker, gesättigte Fettsäuren und Salz (Natrium). Auf der anderen Seite werden auch Eigenschaften des Produkts berücksichtigt, die eine positive gesundheitliche Wirkung haben können. Dabei handelt es sich um den Ballaststoff- und Eiweißgehalt sowie den Anteil an Obst, Gemüse und Nüssen. Für die verschiedenen Inhaltsstoffe gibt es Punkte, die eine Gesamtpunktzahl ergeben, aus der wiederum die Bewertung auf der Skala von grün und „A“ bis rot und „E“ abgeleitet wird.

Welche Nachteile hat der Nutri-Score?

Der Nutri-Score ist kein umfassendes Bewertungssystem für Lebensmittel. Methoden, die Dinge vereinfachen, haben naturgemäß auch Lücken. Daran kann man nichts ändern. Neben den vielen Befürwortern gibt es auch Kritiker. Sie bemängeln:

  • Vereinfachung: Der Score berücksichtige nicht alle wertgebenden Inhaltsstoffe, zum Beispiel Vitamine, Mineralstoffe oder ungesättigte Fettsäuren. Deshalb sei der Nutri-Score in der Bewertung zu sehr vereinfacht und würde der Vielfalt an Eigenschaften eines Lebensmittels, die Auswirkungen auf die Gesundheit haben, nicht gerecht werden.
    Wir meinen: Ohne Vereinfachung kann eine Bewertung auf einen Blick nicht gelingen.

  • Zusatzstoffe: Zahlreiche Zusatzstoffe, wie Geschmacksverstärker, Süßstoffe oder Aromen, berücksichtige der Nutri-Score nicht. Hersteller könnten die Bewertung ihrer Produkte dadurch verbessern, dass sie mehr Zusatzstoffe einsetzen, um beispielsweise den Fettanteil zu verringern.
    Wir meinen: Hier hilft ein Blick auf die Zutatenliste weiter.

  • Nachhaltigkeit: Die regionale Herkunft, der ökologische Anbau oder Gentechnikfreiheit würden nicht bewertet, obwohl diese Aspekte vielen Kunden wichtig sind.
    Wir meinen: Dafür gibt es zusätzliche Label wie z.B. „Bio“ auf dem Etikett.

  •  Freiwilligkeit: Die Kennzeichnung sei in der Europäischen Union nicht verpflichtend. Da der Nutri-Score bisher nur von wenigen Herstellern eingeführt würde, sei der Vergleich zwischen verschiedenen Lebensmitteln noch nicht möglich.
    Wir meinen: Der Nutri-Score sollte für alle verpflichtend werden.

  • Nachvollziehbarkeit: Den Ampelcheck könne man einfach und unkompliziert selbst durchführen, mit Hilfe einer Checkkarte sogar vor Ort  im Supermarkt. Das ginge beim Nutri-Score nicht immer, z.B. wenn man den Gehalt an Obst und Gemüse nicht kennen würde.
    Wir meinen: Der Nutri-Score ist umfassender als die Ampel, daher ist auch die Berechnung komplizierter. Einige Anbieter stellen die Scala zu ihren Produkten bereits ins Internet.

Welche weiteren Meinungen gibt es?

  • „Der Nutri-Score muss nun zügig in Deutschland eingeführt und flächendeckend verwendet werden. Da die Einführung in Deutschland nach europäischem Recht nur freiwillig sein kann, muss in einem weiteren Schritt, der Nutri-Score auf europäischer Ebene verpflichtend vorgeschrieben werden. Die Bundesregierung muss sich im Rahmen ihrer Ratspräsidentschaft und darüber hinaus für die Einführung des Nutri-Score auf europäischer Ebene einsetzen. Der vzbv begrüßt den vorliegenden Entwurf ausdrücklich. Damit alle Kriterien des Nutri-Scores für die interessierte Öffentlichkeit einfach auffindbar und zugänglich sind, empfiehlt der vzbv jedoch zusätzlich die Erstellung einer Art Pflichten- oder Lastenheft.“, Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), gesehen am 30. April 2020

  • „Wir alle wollen das Gleiche: Dass die Menschen Spaß am Essen haben. Aber auch, dass sie damit ihre Gesundheit nicht gefährden. (...) Es gibt keinen mündigen Verbraucher, der das so gut weiß. Wir müssen es ihm leichter machen, und das muss durch eine einfache Kennzeichnung unterstützt werden.“, Prof. Dr. med. Hans Hauner,  Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin, TU München und Deutsche Diabetesgesellschaft, Zitat bei www.br.de, gesehen am 21. März 2019

  • „Eine leicht verständliche Nährwertkennzeichnung steht im Einklang mit der Strategie von Danone, sich für die Entwicklung von gesünderen Ess- und Trinkgewohnheiten einzusetzen. Wir wollen Konsumenten mit unseren Marken begeistern und sie gleichzeitig dabei unterstützen, bewusstere Entscheidungen beim Einkaufen zu treffen. Nutri-Score bietet die Chance, dass Wissenschaft, Verbraucherschützer, Politik und Unternehmen für mehr Transparenz und bessere Ernährung an einem Strang ziehen.“, Richard Trechman, Country Manager Danone DACH, Zitat auf www.danone.de, gesehen am 30. April 2020

  • „Bereits im März 2019 hat Bofrost den Nutri-Score eingeführt und gehört mit Danone, Mestemacher, Iglo u.a. zu den Vorreitern. Wir haben uns für die Einführung des Nutri-Scores entschieden, weil wir unseren Kunden eine transparente und leicht verständliche Orientierungshilfe an die Hand geben wollen. Daneben ist für uns die Perspektive auf die europäische Einsetzbarkeit ein wesentliches Entscheidungskriterium, da wir in zwölf europäischen Ländern aktiv sind.“, Matthias van der Donk, Bereichsleiter Corporate Marketing, Communication, Strategy am 4. Mai 2020

  • „Wir sind uns mit den Befürwortern des Nutriscore darin einig, dass es für die Verbraucher schneller und einfacher ersichtlich sein muss, ob es sich um ein qualitativ hochwertiges Lebensmittel handelt oder nicht. Gemeinsam geht es uns darum, die Transparenz zu erhöhen. Aus unserer Sicht sollte der Nutriscore allerdings auch möglicherweise eingesetzte Zusatzstoffe und Aromen berücksichtigen.“, Hinnerk Ehlers, Vorstand Marketing und Vertrieb bei Frosta, 4. Mai 2020

  • "Iglo möchte eine bewusste Ernährung in der breiten Bevölkerung fördern und für eine Wertschätzung für Lebensmittel sensibilisieren. Deshalb haben wir uns als einer der Vorreiter schon 2018 für die Einführung von Nutri-Score entschieden und uns maßgeblich für die offizielle Notifizierung eingesetzt. Die einfache und  leicht verständliche Kennzeichnung gibt den Menschen eine  Orientierung, thematisiert eine ausgewogene Ernährung, aber lässt zugleich jedem die Wahl. Essen muss Spaß machen, lustvoll sein und bedarf keines erhobenen Zeigefingers." Antje Schubert, Vorsitzende der Geschäftsführung – iglo Deutschland, 8. Mai 2020

Unser Standpunkt

Ein vereinfachtes Kennzeichnungssystem für Lebensmittel war überfällig. Wir begrüßen die Einführung des Nutri-Score in Deutschland. Durch die Farbabstufungen ist leicht zu erkennen, wo Zucker- und Fettfallen lauern. Unterschiedliche Kekssorten, Joghurts oder Limonaden lassen sich gut gegenüberstellen, da sich der Nutri-Score auf 100 Gramm bzw. 100 Milliliter bezieht. Die Kennzeichnung mit dem Nutri-Score hilft Verbrauchern, gesündere und ausgewogenere Lebensmittel einzukaufen. Nur so schaffen wir es, Übergewicht, ernährungsbedingte Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes besser in den Griff zu bekommen. Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen die Vorzüge des Nutri-Score-Modells und dessen positive Effekte. In anderen Ländern der Europäischen Union wie Frankreich oder Belgien ist der Nutri-Score bereits etabliert. Darüber hinaus kann der Nutri-Score Lebensmittelhersteller motivieren, die Rezepturen ihrer Produkte zu verändern und die Nährwerte ausgewogener zu gestalten. 

Ziel sollte es sein, eine farbliche Kennzeichnung von Fertiglebensmitteln in Form des Nutri-Score europaweit durchzusetzen – und zwar verpflichtend.

Bücher und Broschüren